„Ohne Impfung bringt man die Gemeinschaft in Gefahr“

Mediziner Gemechu Chala – Leiter der Gesundheitsprojekte in Ginde Beret und Abune Ginde Beret

Ein Interview über medizinische Schwerpunktaktionen im äthiopischen Hochland von Konstanze Walther, erschienen in der Wiener Zeitung: März 2015: Wiener Zeitung - Ohne Impfung bringt man die Gemeinschaft in Gefahr

 

(wak) Augenkrankheiten sind ein großes Problem in Afrika. Bei einer dörflichen Versammlung im Projektgebiet von Menschen für Menschen, Abune Ginde Beret in Äthiopien, wurden Augenuntersuchungen und ambulante Operationen vorgenommen. Die „Wiener Zeitung“ war dabei und hat im Anschluss mit dem medizinischen Koordinator der NGO, Gemechu Chala, gesprochen.

In ganz Afrika und auch in Äthiopien sind Todesfälle und Behinderungen oft Krankheiten geschuldet, die leicht vermeidbar oder heilbar gewesen wären. Bei der Augenuntersuchung war besonders das Baby einprägsam, das auf dem einen Auge aufgrund von Masern erblindet ist. Auf dem anderen Auge litt es an einer bakteriellen Infektion, dem Trachom, einer Krankheit, die wir in Europa gar nicht mehr kennen.

Auch ein Trachom kann zur Blindheit führen. Diese Krankheit ist in Äthiopien noch sehr weit verbreitet. Dabei stülpt sich das Lid nach innen, die Wimpern kratzen ständig am Augapfel und schließlich kommt es zur Blindheit. Als wir 2012 in Abune Ginde Beret mit unserer Arbeit begonnen haben, war jedes zweite Kind unter zehn Jahren von der Augeninfektion betroffen. Anfangs ist die Krankheit leicht mit antibiotischen Salben zu behandeln, irgendwann hilft nur noch operieren. Betroffene haben stets eine Pinzette an der Halskette hängen, damit sie sich bei Bedarf die nachwachsenden Wimpern ausrupfen. Man kann sich vorstellen, wie schmerzhaft das ist.

Was kann man dagegen tun?

Wir versuchen, möglichst flächendeckend gegen diese Augenkrankheit anzukämpfen. Das machen wir, indem wir jeder Person für fünf Jahre präventiv ein Antibiotikum geben. Keine leichte Aufgabe, wir müssen wirklich alle Personen, die in diesem Gebiet leben, erfassen, haben aber bereits 98 Prozent der Personen registriert und die meisten davon schon behandelt. Nach fünf Jahren ist man zwar nicht immun gegen die Krankheit, aber sie sollte in dem Gebiet ausgerottet sein. Wichtig sind auch die begleitenden Maßnahmen: Die Krankheit wird über Fliegen übertragen, oder man steckt sich an, weil sich ein Kind in ein Tuch wischt, mit dem sich sein Geschwisterchen ebenfalls das Gesicht säubert. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Mütter ihren Kindern den „Staub“ aus den Augen wischen wollen. Deswegen müssen wir die Bevölkerung über Hygiene aufklären und ein Umfeld schaffen, in dem diese Bakterien zurückgedrängt werden können.

Was meinen Sie damit?

Nun, der billigste Baustoff für Schulgebäude ist Lehm vermischt mit Kuhdung. Diese Schulen sind so schmutzig, dass sich die Kinder spätestens dort anstecken. Mangelernährte Kinder sind sehr anfällig für Krankheiten. Zudem muss man selbst den ärmsten Menschen beibringen, dass sie eine Latrine brauchen, damit sich die Fliegen an einem Ort konzentrieren, und sich nicht ständig im normalen Lebensbereich aufhalten. Aus diesem Grund sind die Müllentsorgung und Müllverbrennung auch wichtig. Und natürlich sauberes Wasser.

Sind Masern noch ein Problem?

Das kommt auf die Gegend an. Grundsätzlich werden Babys im Alter von neun Monaten bis zwei Jahren geimpft. Aber sie können nur geimpft werden, wenn die Kühlkette des Impfstoffes garantiert ist. Wir reden aber von Gegenden, in denen es keine Elektrizität gibt. Essenziell sind daher die Solar-Kühlschränke, die wir an die Gesundheitsstationen verteilen.

In Europa lassen immer mehr Eltern ihre Babys aus Angst nicht impfen. Als Konsequenz daraus haben wir gerade einen Ausbruch von Masern zu verzeichnen. Können Sie die Entscheidung dieser Eltern nachvollziehen?

Nein. Natürlich kann man niemanden zur Impfung zwingen. Aber wir klären die Leute auf: Über die Nebenwirkungen, die es natürlich gibt, denn es existiert keine Impfung ohne Nebenwirkungen. Wir klären aber auch auf über die gravierenden Folgen, die eine Nicht-Immunisierung haben kann. Das kann ja bis zum Tod führen. Und man bringt sich nicht nur selbst in Gefahr, sondern auch die Gemeinschaft, in der man lebt. Hier haben wir übrigens gute Erfolge bei der Aufklärung, die sich zum Teil schneller verbreitet als wir. Sobald wir in einem Gebiet sind, kommen die Leute auf uns zu und fragen, wann sie und ihre Kinder endlich geimpft werden.