„Durchdachte Planung ist die Grundlage für den Erfolg unserer Hilfsprojekte.“

Berhanu Bedassa – Projektleiter Abune Ginde Beret und Ginde Beret

Berhanu Bedassa ist Projektleiter in den Projektgebieten Ginde Beret und Abune Ginde Beret, in denen die Maßnahmen ausschließlich durch Menschen für Menschen Österreich ermöglicht wird. Er ist dort für insgesamt 77 MitarbeiterInnen verantwortlich, die gemeinsam mit der Bevölkerung die integrierten Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung der Regionen umsetzen. Berhanu Bedassa stammt selbst aus einer Nachbarregion und war zuvor stellvertretender Projektleiter im Projektgebiet Derra, in dem wir Ende 2010 unsere Entwicklungszusammenarbeit abgeschlossen und die Verantwortung für wieder ganz in die Hände der äthiopischen Bevölkerung gelegt haben.

 

Herr Bedassa, welche Schritte sind notwendig, ehe mit der Entwicklungsarbeit in einer neuen Projektregion begonnen werden kann?

Eine durchdachte Planung ist die Grundlage für den Erfolg unserer Projekte. Sämtliche Maßnahmen, die in einer Region umgesetzt werden, sind in Projektplänen festgehalten, die im Vorfeld erstellt werden und bereits den notwendigen Budgetbedarf an Spenden beinhalten. Nur so ist die verantwortungsvolle Durchführung gesichert. Das ist uns sehr wichtig. Wir wollen nicht irgendwelche Entwicklungsprojekte beginnen, die wir womöglich nicht fertigstellen können. Ich bin auch mitverantwortlich für die Erstellung dieser Pläne.
Bevor wir mit unserer Arbeit in Ginde Beret bzw. Abune Ginde Beret begannen, wurden daher zwei Bedarfserhebungen durchgeführt. Zuerst durch MitarbeiterInnen von Menschen für Menschen, was mich miteinschließt, und anschließend von unabhängigen Beratern. Auf Basis dieser Erhebungen stellen wir die grundlegenden Probleme in einer Region fest.

Mit welchen Problemen sind die Menschen in diesen Regionen Äthiopiens in ihrem Alltag am häufigsten konfrontiert?

Die Herausforderungen in Ginde Beret und Abune Ginde Beret unterscheiden sich natürlich nicht groß voneinander, da es sich um Nachbarregionen handelt. Das Hauptproblem ist die schlechte Qualität der Böden und die Erosion. Bei jedem Regen wird weiter fruchtbare Erde abgeschwemmt. Die Bauern sind von ihren Feldern und ihren Viehbeständen abhängig. Viele konnten vom Ertrag ihrer Felder nicht einmal ihre eigene Familie ernähren. Es gab hier wirklich sehr viele hilfsbedürftige Menschen, aber auch sehr viel Entwicklungspotential, da die Menschen bereit waren sich von Beginn an voller Tatendrang an der Entwicklungszusammenarbeit zu beteiligen. Das ist natürlich ein wichtiger Faktor, der ebenfalls vor dem Start eines Hilfsprojektes sichergestellt werden muss.
Ein zweites Problem neben den schlechten landwirtschaftlichen Erträgen war zu Beginn der Arbeit die fehlende Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Zum Beispiel nutzten in Ginde Beret rund drei Viertel der Menschen Wasser aus ungeschützten Quellen. Weitere wichtige Erkenntnisse aus den Bedarfserhebungen waren aber auch die weite Verbreitung von Trachom, fehlende Erwerbsmöglichkeiten für Frauen oder auch die nicht vorhandene Infrastruktur in der Region. Ein Straßennetz existierte praktisch nicht.

Gibt es auch Besonderheiten in den Herausforderungen, die Ihnen in der Region Derra zum Beispiel nicht begegnet sind?

Die Probleme, die wir hier in Ginde Beret und Abune Ginde Beret vorfinden, unterscheiden sich im Prinzip nicht von jenen in Derra. Vielleicht in deren Ausprägung, aber im Grunde sind es dieselben. Die einzige Ausnahme ist die Verbreitung von Trachom, die hier um ein Vielfaches ausgeprägter war als in Derra.

Nachdem Sie den Bedarf in der Region mittels einer Erhebung festgestellt haben, was sind die folgenden Schritte, bis es zur Umsetzung kommt?

Basierend auf der Bedarfserhebung und in Abstimmung mit den regionalen Behörden erstellen wir einen Plan für die erste, in diesem Fall dreijährige, Projektphase. Die regionalen Behörden müssen den Plan anschließend absegnen. Vor der Umsetzung wird außerdem die Bevölkerung über den Maßnahmenkatalog informiert und besprochen welche Unterstützung wir von ihr für eine erfolgreiche Umsetzung benötigen. Das geschieht über einen längeren Zeitraum hinweg direkt in den Dörfern, wo wir mit der Bevölkerung diskutieren, wie wir gemeinsam die einzelnen Maßnahmen des integrierten Ansatzes umsetzen können. Anschließend beginnen unsere Sozialarbeiter und Entwicklungsberater in den Dörfern gemeinsam mit den Menschen mit der tatsächlichen Umsetzung der Maßnahmen.

Nachdem Sie in Ginde Beret die erste Projektphase abgeschlossen haben, welche Anpassungen der Maßnahmen gab es in dieser Zeit?

Die Maßnahmen der ersten Projektphase wurden nach den Erkenntnissen der Bedarfserhebung geplant und umgesetzt. Diese ersten Aktivitäten sind sehr entscheidend für den weiteren Erfolg unserer Arbeit. In den ersten drei Jahren waren wir bei der Umsetzung auch immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert und haben auch weitere Maßnahmen eingebunden, die vorerst nicht geplant waren.

Wir haben beispielsweise gelernt, dass die Verunreinigung der Gewässer mit Parasiten und Egeln den Viehbestand bedroht. Deshalb behandeln wir in der nächsten Projektphase diese Gewässer regelmäßig mit Endod, ein natürliches, biologisch abbaubares und preiswertes Molluskizid – ein Mittel, das Weichtiere wie z.B. Blutegel tötet – das aus den Beeren einer Pflanze gewonnen wird, die im äthiopischen Hochland wächst.

Welche besonderen Erfolge konnten in dieser ersten Phase bereits erzielt werden?

Zum einen gehören die Fortschritte im Bereich Wasserschutz und Bodenkonservierung zu den großen Errungenschaften der ersten Projektphase. Viele Bauern setzen hier schon bedeutende Maßnahmen um, zum Beispiel indem sie ihre Felder terrassieren. Zum anderen hat die Einführung von Bewässerungstechniken die Gemüseproduktion der Bauern um ein Vielfaches verbessert. Das und die Produktion von neuen Gemüsesorten hat natürlich auch Einfluss auf die Ernährung der Menschen, die nun ausreichend und ausgewogener ist und damit die Gesundheit fördert.

Ein großer Erfolg der ersten Projektphase war auf jeden Fall unsere Großaktion zur Bekämpfung von Trachom und die Implementierung des S.A.F.E.-Ansatzes. Dieser beinhaltet die Durchführung von Augen-Operationen, die Verteilung des Medikaments Zithromax in der gesamten Region und natürlich die Propagierung persönlicher Hygiene, wie das tägliche Waschen des Gesichts, und die Errichtung von Latrinen in den Haushalten. Wir erläutern der Bevölkerung, wie sie durch eine verbesserte Hygiene in ihrem Zuhause Infektionen wie Trachom vermeiden. Hand in Hand mit diesen Bestrebungen geht auch der verbesserte Zugang zu sauberem Trinkwasser, den wir schon für viele Menschen in Ginde Beret und Abune Ginde Beret sichern konnten. Heute erkranken viel weniger Menschen an sogenannten „wasserbürtigen Krankheiten“, wie Amöbenruhr oder Durchfall.

Gab es auch bedeutende Rückschläge in dieser Zeit?

Eine große Herausforderung ist die Fertigstellung der Stiege, die auf einer Gesamtlänge von 900 Metern vom Washa Catchment in das Hochland führen wird, um für die Menschen einen sicheren und schnellen Weg zum großen Markt in Kachisi zu schaffen. Hier konnten wir den ursprünglichen Plan leider nicht umsetzen und mussten auf eine Stahlkonstruktion ausweichen, da das Gelände schwieriger zugänglich und bebaubar ist, als vorerst angenommen. Dazu kam, dass die Zufahrt für die Maschinen und Materialien am oberen Ende der Stiege nach jedem Regen nicht mehr passierbar war.

Auf welchen Erfolg in den ersten drei Jahren sind Sie persönlich besonders stolz?

Für mich ist die nachhaltige Bekämpfung von Trachom die größte Herausforderung, die wir in den ersten drei Jahren angegangen sind. Man stelle sich vor, dass über die Hälfte der Kinder im Alter zwischen ein und neun Jahren von aktivem Trachom betroffen waren. Was passiert mit diesen Kindern, wenn man diese Krankheit nicht frühzeitig bekämpft? Über kurz oder lang würden die Menschen aufgrund von Trichiasis unwiederbringlich ihr Augenlicht verlieren. Durch unsere umfangreichen Anstrengungen auf diesem Gebiet retten wir unzähligen Menschen das Augenlicht und bewahren sie vor jahrelangen schlimmen Schmerzen. Es ist einfach großartig zu beobachten wie unsere Arbeit Wirkung zeigt.