„Menschen für Menschen ist meine Familie.“

Hailu Marie – Chefbuchhalter im Projektgebiet Borena

Ich stamme aus dem Dorf Arado in der Provinz Wollo im Nordosten Äthiopiens. 1984 und 1985 herrschte eine schlimme Hungersnot. Meine Familie hatte noch wenige Vorräte: Wir hatten im Tal Mais- und Bohnenfelder, die wir bewässern konnten. Aber auf meinem Schulweg sah ich abgemagerte Leichen am Wegesrand. Die Menschen hatten ihre Heimat auf der Suche nach Hilfe verlassen und waren vom Hunger geschwächt tot zusammengebrochen. Ich dachte: So wird es dir auch bald ergehen, wenn die Regenzeit wieder ausbleibt. Ich ging in die 8. Klasse. Die Schule schloss, des Hungers wegen. Die Regierung bot an, die Menschen in den Südwesten des Landes zu bringen, wo es mehr Regen gab. Ich sagte mir: Du hast nichts zu verlieren. Ich verließ meine Eltern und meine sieben Geschwister. Ich war 15 Jahre alt.

Ich kam in ein Dorf namens Adele Segu nahe Mettu, der Provinzhauptstadt von Illubabor im Südwesten des Landes. Es war schlimm. Ich war noch ein halbes Kind und ganz auf mich allein gestellt. Ich vermisste meine Eltern und Geschwister. Landwirtschaft ohne Maschinen ist ein harter Erwerb. Ich schuftete den ganzen Tag auf den Feldern der Bauern, um als Lohn Essen zu bekommen. Meine Hände schmerzten. Ich war verzweifelt. Denn eigentlich wollte ich doch zur Schule gehen.

Ich hörte von einer neuen Organisation in Mettu namens Menschen für Menschen. Ich sprach im Büro vor. Ein Mitarbeiter namens Tibor Horvath hörte mir zu. Ich fragte ihn, ob die Organisation mir nicht helfen könne, meine Schulausbildung fortzuführen.

Und tatsächlich: ich bekam meine Chance. Menschen für Menschen bezahlte mir die Miete für eine Kammer in einem Haus in Mettu und das Schulmaterial. Nach fünf Jahren hatte ich meinen Schulabschluss in der Tasche, und Menschen für Menschen gab mir meine erste richtige Anstellung: Neun Monate lang war ich Assistent des MfM-Repräsentanten im Distrikt Dedessa. Unsere Aufgabe war Bedarfsabschätzung: Wo wurden am dringendsten Wasserstellen gebraucht? Wo brauchten die Menschen eine dieselbetriebene Getreidemühle?

Ich saugte alles Wissen über ländliche Entwicklung in mich auf. Nach einem Jahr in Dedessa schickte mich Menschen für Menschen für ein halbes Jahr als Gemeindearbeiter in den Distrikt Halu Bure. In den folgenden Jahren hatte ich ganz verschiedene Aufgaben: Als Logistiker des Fuhrparks sorgte ich z. B. dafür, dass die Geländeautos und Lastwagen immer in Schuss blieben. Nebenher machte ich ein Fernstudium in Rechnungswesen. Ich wurde Assistent des Chefbuchhalters, schließlich selbst Chefbuchhalter. 2011 habe ich dann die gleiche Position im neuen Projektgebiet Borena übernommen.

Was meine Qualitäten sind? Eigentlich ist es mir lieber, wenn andere darüber urteilen. Aber ich kann auf jeden Fall sagen: Ich bin ehrlich. Ich arbeite hart und gerne für Menschen für Menschen.

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Meinen eigenen Kindern sage ich: „Menschen für Menschen ist unsere große Familie.“ Ich habe drei Kinder: Ruth ist 14, Nathnael ist zwölf und meine jüngste Tochter Fresemen ist sechs Jahre alt. Meine Frau Derengo Hebeste ist Krankenschwester und die Projektverantwortliche für Familienplanung hier in Borena. Ich habe sie bei der Arbeit kennengelernt: Auch sie arbeitet schon seit 17 Jahren für Menschen für Menschen.

Meine neue Arbeitsstelle Borena liegt nahe an meiner alten Heimat. Deshalb habe ich mich hierher versetzen lassen: Einst verließ ich die Region als verzweifelter Junge. Zurück gekommen bin ich als Fachmann, der Entwicklung bringt. Darauf bin ich stolz.