Kinder in blauen Schuluniformen sitzen auf Bänken im Klassenzimmer und lächeln in die Kamera.

Der Schlüssel für ein eigenständiges Leben

Mit Wasserkraft voran

Ein Icon, das einen Tropfen auf einem blauen Hintergrund darstellt.
Ein Icon, das ein aufgeschlagenes Buch auf einem lilafarbenen Hintergrund zeigt.
Nach langer Pause kehrt neues Leben nach Jeldu zurück: Die Shukute-Schule öffnet ihre Türen für fast 2.000 Jugendliche und schenkt der Gemeinde neue Hoffnung. Gleichzeitig werden in den Gebieten Boni und Busa Projekte für eine sichere Wasserversorgung fertiggestellt, die rund 45.000 Menschen den Zugang zu sauberem Wasser ermöglichen. Sauberes Wasser schafft die Grundlage für eine selbstbestimmte Zukunft: Erwachsene gewinnen wertvolle Zeit, eigenes Einkommen zu erwirtschaften und in die Bildung ihrer Kinder zu investieren. Kinder bleiben gesünder, haben mehr Kraft zum Lernen und die Chance, sich Schritt für Schritt ein eigenständiges Leben aufzubauen.
Fröhlicher Gesang und lauter Trubel begleiten den kleinen Konvoi, der sich im Schritttempo durch ein Meer an Menschen bewegt. Unzählige Frauen, Männer und Kinder haben teils kilometerweite Wege auf sich genommen, um an diesem Tag gemeinsam mit Besucher:innen aus Österreich die ersehnte Eröffnung der weiterführenden Schule in Shukute zu feiern.

Lange herrschte Stille auf dem weitläufigen Schulgelände: Aufgrund der Sicherheitslage musste die Arbeit in der Region seit 2022 pausieren. Erst im vergangenen Jahr entspannte sich die Situation soweit, dass der Bau der Schule finalisiert werden konnte.

Neben der Schuleröffnung war das Wiedersehen auch ein wichtiges Zeichen. Die Menschen haben erkannt, dass wir sie und das Projekt nicht aufgegeben haben.

Bahritu Seyoum, Direktorin Projektimplementierung bei Menschen für Menschen Äthiopien

Bahritu Seyoum hält eine Rede zur Eröffnung der Shukute-Schule in Jeldu.

Ein emotionales Wiedersehen

Nun scharen sich gefühlt tausende Menschen rund um die charakteristisch in gelb und braun gestrichenen Schulgebäude, die künftig bis zu 1.920 Jugendlichen von der 9. bis zur 12. Schulstufe einen sauberen, sicheren Ort zum Lernen bieten werden. Mittendrin: Bahritu Seyoum, die als Direktorin der Projektimplementierung für die Umsetzung der Maßnahmen von Menschen für Menschen verantwortlich ist. „Es war ein unglaublich emotionaler und freudiger Tag“, erinnert sich Bahritu zurück.

Fast drei Jahre lang konnten wir nicht nach Jeldu. Jetzt zurückzukehren und gemeinsam mit der Gemeinde zu feiern, war ein wunderschöner Moment. Neben der Schuleröffnung war das Wiedersehen auch ein wichtiges Zeichen. Die Menschen haben erkannt, dass wir sie und das Projekt nicht aufgegeben haben, auch wenn es etwas länger gedauert hat. Viele haben uns gefragt, wann wir die reguläre Arbeit in den Dörfern wieder aufnehmen. Dieses erneuerte Vertrauen war für mich das wichtigste Ereignis des Tages.“
Gäste der Eröffnung der Shukute-Schule in Jeldu besichtigen die neu eröffneten Klassenräume.
Die insgesamt 16 hellen und funktionellen Klassenräume der Shukute-Schule in Jeldu bieten künftig Platz für bis zu 1.920 Schüler:innen.

Ein Silberstreif am Horizont

Die Frage, wann die Projekte in Jeldu – aber auch in den Nachbarregionen Abune Ginde Beret, Ginde Beret und Chobi – fortgesetzt werden können, haben auch wir in Österreich oft gestellt. Die enge Verbundenheit mit den Menschen vor Ort machte das abrupte vorläufige Ende der Maßnahmen besonders schwer.

Dass nun die Shukute-Schule fertiggestellt wurde und die Maßnahmen in Jeldu langsam wieder Fahrt aufnehmen, ist ein Silberstreif am Horizont. Zunächst liegt der Fokus in Jeldu auf der Fertigstellung wichtiger Infrastrukturprojekte. Dazu zählt einerseits die Shukute-Schule, andererseits ein großes Wasserversorgungssystem für das Städtchen Boni.

Nächster Schritt: Sauberes Wasser

Bevor das Projekt gezwungenermaßen pausiert werden musste, hatte sich in Boni schon einiges getan: Das Wasser für die Versorgung der Bevölkerung wurde mittels Tiefenbohrung aus einem Wasserreservoir unter einer Ebene etwa 2,5 Kilometer vor den Toren der Stadt gewonnen. Sowohl das Reservoir als auch die Entnahmestellen im Ort sowie Duschhäuser waren schon errichtet, als der Ausnahmezustand eintrat. Was fehlte: die Installation der Pumpe sowie die Leitungen, um schließlich rund 15.000 Menschen mit sauberem Trinkwasser zu versorgen.

„Die Fertigstellung des Wasserversorgungssystems hat absolute Priorität“, so Bezabih Alem, der bei Menschen für Menschen für die Planung und Umsetzung der Wasserprojekte verantwortlich zeichnet. „Dazu müssen wir zunächst prüfen, welche Infrastrukturen noch intakt sind und eventuell beschädigt wurden. Anschließend wird ein neuer Projektvorschlag mit den detaillierten Kosten vorgelegt“, erklärt Bezabih die geplante Vorgehensweise, um das lebenswichtige Projekt abschließen zu können.

Zeitfresser Wasserbedarf

Sauberes Wasser ist in Äthiopien noch immer ein Privileg, kein Standard. Nur jeder zweite Mensch im Land hat Zugang zu einer sicheren Quelle, in ländlichen Gebieten ist die Lage oft noch weitaus dramatischer. Busa ist dafür ein anschauliches Beispiel: Da das alte Versorgungssystem nicht mehr intakt ist, müssen die Bewohner:innen ihr Wasser aus einem Fluss vor den Toren der Stadt schöpfen. Ein täglicher Kraftakt, wie etwa Sinidu beschreibt: „Ich muss oft zwei bis drei Kilometer weit gehen, um Wasser zu holen“, erzählt sie.

Doch der weite Weg ist nicht das einzige Problem. An der Wasserstelle bilden sich lange Schlangen von Wartenden, wodurch Sinidu das tägliche Wasserholen nochmals mehr Zeit kostet. Das Wasser ist zudem trüb und verdreckt, was vor allem die Kinder krank macht. „Eines meiner Kinder musste deshalb sogar in die Klinik. Die Behandlung hat mich rund 3.000 Birr gekostet“, erklärt Sinidu die weitreichenden Folgen der fehlenden Wasserversorgung.

Für einen ungelernten Arbeiter in der Region entspricht das etwa zwei Wochen Arbeit und bedeutet eine enorme finanzielle Belastung für eine Familie. Neben der Gesundheit und damit verbundenen Behandlungskosten, wirkt sich das Fehlen des Wassers auch anderweitig auf die wirtschaftliche Situation der 48-Jährigen aus: „Ich produziere traditionelle Getränke wie Tela*. Dafür brauche ich täglich bis zu 15 Kanister Wasser. Wenn ich kein Wasser habe, habe ich auch kein Einkommen“, erzählt Sinidu, die als Witwe ganz allein für ihre zwei Kinder sorgen muss.

*Ein eher ursprüngliches Bier, das aus verschiedenen Getreidesorten gebraut wird.
Ein Kind schöpft mit seinen Händen frisches, sauberes Wasser aus einer Quellfassung.

Sauberes Wasser als Grundlage


Gesundheit, Bildung, genug zu Essen: Wasser verändert das ganze Leben zum Positiven.

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Teures, verschmutztes Wasser

Wer es sich leisten kann, bezieht sein Wasser von Händlern, die meist mit Karren und Eseln die Wasserkanister herbeischaffen. Doch dieses Service hat seinen Preis: Bis zu 40 Birr kostet ein Kanister, berichtet Sinidu. „Aber auch dieses Wasser ist nicht sauber. Es kommt aus irgendwelchen Teichen.“

Gemeindevertreter Asfaw beschreibt den Zustand in Busa als eine Zerreißprobe für die ganze Gemeinschaft: „Die Situation wirkt sich auf das ganze Leben aus: unsere Gesundheit, unsere Arbeit, sogar die Bildung unserer Kinder leiden darunter“, erklärt Asfaw. „Anstatt in der Schule zu sitzen, verbringen die Mädchen und Jungen Stunden damit, Wasser herbeizuschleppen.“ Besonders dramatisch werde es in der Regenzeit, wenn sich das Flusswasser mit Schlamm und Schmutz vermischt. „Eigentlich ist es völlig unbrauchbar, aber wir haben keine Wahl. Es ist das einzige Wasser, das wir zur Verfügung haben.“

Ich komme jetzt drei oder vier Mal
am Tag hierher, um Wasser zu holen. Heute brauche ich für einen Weg nur noch zehn Minuten.

Abebech, fünffache Mutter aus Albuko

Abebech, fünffache Mutter aus Albuko, trägt einen 20-Liter-Wasserkanister auf ihrem Rücken.

Tatkraft der Gemeinschaft

Die Sorge ist in Busa mittlerweile der Tatkraft gewichen. Stolz berichtet Asfaw von der Kraft der Gemeinschaft, die das Wasserprojekt aktiv mitgestaltet: etwa beim Graben der Schächte zum Verlegen der Wasserleitungen, oder durch einen finanziellen Beitrag, um das neue Wasserversorgungssystem zu ermöglichen.

„Wir sind bereit, dieses Projekt auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen, weil wir wissen, dass unsere Zukunft davon abhängt“, so Asfaw. Für ihn geht es um weit mehr als nur um Kanister mit gesundem, sicherem Trinkwasser. Er sieht bereits die Gärten vor sich, in denen durch die gewonnene Zeit Obst und Gemüse für den Verkauf gedeihen können: ein Motor für kleine Unternehmen und eine stabilere Wirtschaft in Busa. Auch Sinidu blickt hoffnungsvoll auf diese schon sehr nahe Zukunft: „Ich freue mich darauf, endlich verlässlich Zugang zu sauberem Wasser zu haben. Das wird unser aller Leben verändern. Mein Plan ist es, die gewonnene Zeit zu nutzen, um ein kleines Geschäft aufzubauen. Ich möchte mich besser um meine Kinder kümmern können und ihnen eine gute Ausbildung ermöglichen.“

Während in Boni und Busa schwere Maschinen, Generatoren und Pumpen zum Einsatz kommen, um bald 45.000 Menschen zu versorgen, zeigt ein Blick nach Albuko, dass weitreichende Veränderung nicht immer tonnenschweres Gerät braucht. Hier setzt Menschen für Menschen auf die Kraft der Natur: Mit Quellfassungen und Handpumpbrunnen wird das Wasser dort nutzbar gemacht, wo es schon vorhanden ist. Über 2.800 solcher Quellfassungen und Handpumpbrunnen wurden bisher errichtet. Sie bringen das lebenswichtige Nass direkt in die entlegenen Dörfer. Ein aktuelles Beispiel ist das Dorf Birkuwuha Ager in Albuko, wo vergangenes Jahr eine lang ersehnte Quellfassung fertiggestellt wurde.
Abebech füllt ihren Kanister mit sauberem Wasser aus einer Quellfassung.
Früher mussten die Menschen aus dem Dorf Birkuwuha Ager ihr Wasser aus einem notdürftig geschaffenen Kanal holen. Heute speist die sicher gefasste Quelle eine Entnahmestelle für etwa 120 Familien.

Mit Wasserkraft in die Zukunft

„Bisher haben die Menschen das Wasser aus einem selbst gegrabenen Kanal im Hang geschöpft“, erklärt Projektleiter Berhanu Bedassa. „Es war völlig ungeschützt und stark verschmutzt. Wer eine Familie versorgen wollte, war pro Weg über eine Stunde unterwegs.

In Birkuwuha Ager gehört dieser tägliche Aufwand nun der Vergangenheit an. Seit der Fertigstellung der Quellfassung ist das Wasser sicher und der Weg dazu auch kürzer geworden. „Ich komme jetzt drei oder vier Mal am Tag hierher“, erzählt Abebech. Die 40-Jährige hat fünf Kinder zu versorgen. Wasserholen war also eine Aufgabe, die früher ihren gesamten Tag beanspruchte. „Heute brauche ich für einen Weg nur noch zehn Minuten“, freut sie sich über die gewonnene Lebenszeit.

Was die Geschichten der Menschen aus Shukute, Busa und Birkuwuha Ager verbindet, ist die Kraft des Wassers, die alles verändert. Wenn es sauberes Wasser im Dorf oder in der Stadt gibt, entsteht Raum für Entwicklung. Frauen wie Sinidu oder Abebech können sich weiterbilden oder eigene kleine Geschäfte aufbauen. Dieses neue Einkommen fließt direkt in die Bildung der Kinder und damit in die Zukunft der Regionen. Sauberes Wasser bedeutet auch, dass die Kinder gesünder sind. Und wer nicht mehr schleppen muss, hat die Kraft zu lernen und hält schließlich den Schlüssel für ein eigenständiges Leben in den Händen.

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