„Talk im Tower“-Podiumsdiskussion

Es sind viele kleine Fässer, die gefüllt werden müssen

Afrika: Fass ohne Boden oder Entwicklungsraum mit Potential?

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Wien, 13. Oktober 2014 – „Entwicklungshilfe kann nur auf eine Weise funktionieren: Wenn die Menschen, die sie adressiert, ihren Beitrag dazu leisten“, fasste Eduard Zehetner – CEO der IMMOFINANZ Group – den Diskurs um funktionierende und nicht funktionierende Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen der dritten „Talk im Tower“-Podiumsdiskussion zusammen. Bei der durch die IMMOFINANZ initiierten Diskussionsreihe stellten sich die Diskutanten die Frage, ob Afrika ein Fass ohne Boden ist oder Entwicklungsraum mit Potential.

China treibt Entwicklung voran
Einig waren sich die Gesprächsteilnehmer, dass es allen voran China ist, das die Möglichkeiten zur Investition in die Zukunft Afrikas – und damit in die eigene Zukunft – wahrnimmt und auch nutzt. Mit welchen Folgen diese Investition für beide Seiten einhergeht, stand jedoch zur Debatte. Profil-Auslandsressortleiter Robert Treichler lobte das chinesische Engagement, das zwar nicht altruistisch sei, aber dennoch Entwicklung in afrikanische Länder bringt. Die Hintergründe zum Einsatz Chinas ließ er jedoch nicht unangetastet: „Das ist natürlich keine Entwicklungshilfe. In Afrika liegen 60 Prozent der landwirtschaftlich brachliegenden Flächen und China braucht Ressourcen.“ Gastgeber Eduard Zehetner stieß hier in dasselbe Horn: „Für ein Unternehmen wie die IMMOFINANZ Group ist es allein schon aufgrund unserer herrschenden Compliance-Regeln unmöglich, in manchen Ländern Afrikas tätig zu sein, wo uns viele Varianten der Korruption in Politik und Wirtschaft begegnen. China ist da sicherlich schmerzbefreiter. In Europa stehen wir jedoch immer vor einer moralischen Herausforderung, wenn wir uns in afrikanischen Ländern engagieren wollen.“

Stefan Scholz, im Außenministerium für die strategische Programmplanung der Entwicklungszusammenarbeit verantwortlich, zeigte vor allem die Vielfältigkeit des möglichen Engagements europäischer Partner in Afrika auf, da sich allein das Budget, das die Austrian Development Agency als der operative Arm des Außenministeriums verwaltet, auf so unterschiedliche Posten wie Entschuldung, Asylbetreuung oder indirekte Studienkosten zusammensetze.

Europa muss die staatliche Entwicklungshilfe überwinden
Daran lässt sich ablesen, dass sich nicht nur das Bild Afrikas über die Jahre stark verändert hat, sondern auch seine Rolle in der Weltgemeinschaft. „Vor allem die staatliche Hilfe hat sich überlebt“, hielt Unternehmensberater Hans Stoisser in der Diskussion fest. „Wir Europäer müssen den Gedanken der Entwicklungshilfe überwinden, wie sie von staatlicher Seite passiert. Entwicklung hat in erster Linie etwas damit zu tun, die Staaten an den globalen Tisch zu laden und nicht damit, eine Hilfssituation aufrecht zu erhalten. In den vergangenen Jahren verschwimmt aber die Grenze zwischen Non Profit- und Profit-Unternehmen zusehends. Unternehmen sind nicht mehr ausschließlich auf ihren Ertrag ausgerichtet, sondern haben es sich auch zum Ziel gemacht, Werte zu vermitteln.“

Ein neues Afrikabild
Dass Afrika in Zukunft eine noch wichtigere Rolle in der globalen Wertegemeinschaft spielen wird, hielt auch Robert Treichler fest: „Das Bild Afrikas in den Medien ist vielfältiger geworden. Grund dafür ist nicht nur die Globalisierung. Afrika wird für den Rest der Welt in wirtschaftlicher Hinsicht auch immer wichtiger.“ Das hat natürlich nicht nur China entdeckt, auch die europäische Staatengemeinschaft zeigt ihr Interesse – wobei hier, wenn es nach Stefan Scholz geht, für manche Länder alte Machtstrukturen zur Herausforderung werden dürften: „Länder ohne Kolonialisierungsgeschichte können afrikanischen Staaten eher als Partner gegenübertreten. Und auch wenn Europa sicherlich in seinem Engagement gefordert ist, sieht man mittlerweile auch ein massives Desengagement aufgrund der wirtschaftlichen oder politischen Situationen in manchen Ländern.“

Kontrolle, um Spannungsfelder zu lösen
Mögliche Spannungsfelder im Engagement waren auch ein zentrales Thema, das von den Diskussionsteilnehmern als große Herausforderung der Entwicklungshilfe und Wirtschaft gesehen wurde. Doch wie kann dieser Herausforderung am besten begegnet werden? Rupert Weber, geschäftsführender Vorstand von Menschen für Menschen, sieht die Chance einer Hilfsorganisation vor allem darin, „selbst sämtliche Projekte umzusetzen. Wer wie Menschen für Menschen mit eigenen Mitarbeitern und der eigenen Infrastruktur arbeitet, hat mehr Kontrollmöglichkeit als jemand, der einfach Geld in ein Land schickt oder mit Partner vor Ort arbeitet, die sich nicht in die Karten schauen lassen.“ Webers äthiopischer Kollege Yilma Taye, Programmdirektor von Menschen für Menschen in Äthiopien, führte diese Kontrollmöglichkeit weiter aus. „Von der Ebene des Projektmanagements bis hinunter auf Graswurzelebene gibt es Kontrollpunkte. Auch gegenüber staatlichen Stellen haben wir eine klare Rechenschaftspflicht.“ Yilma Taye ist auch ganz klar überzeugt vom Entwicklungspotential seines Heimatlandes: „Afrika ist sicherlich kein Fass ohne Boden, sondern Raum für erfolgreiche Entwicklung, von der sich jeder selbst überzeugen kann.“

Demokratie entwickelt sich aus Bildung
Ob der demokratiepolitische oder rechtstaatliche Rahmen dafür bereits gegeben ist, hielt keiner der Diskussionsteilnehmer für ausschlaggebend. „Demokratie entwickelt sich aus Bildung“, löste Yilma Taye von Menschen für Menschen diese Henne-Ei-Frage „Wenn die Menschen gebildet sind, stoßen sie auch den demokratischen Prozess an.“ Yilma Taye, in seiner Rolle als Programmdirektor eingebunden in den gesamten Ablauf der Projektarbeit von Menschen für Menschen, betonte dabei jedoch, wie wichtig die Einbindung der Bevölkerung von Beginn an sei: „Wir entscheiden nicht, wo wir ein nächstes Projekt beginnen, sondern die Menschen der Region kommen auf uns zu. Sämtliche unserer Maßnahmen, aus Bereichen wie Bildung, Wasserversorgung oder Landwirtschaft, werden dann auch gemeinsam mit der Bevölkerung umgesetzt.“ Eine Prämisse, die auch Eduard Zehetner als den einzig richtigen Weg der Entwicklungshilfe bezeichnet: „Wenn der eigene Beitrag der Menschen ausbleibt, verpufft die Unterstützung. „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist hier das Schlüsselwort.“

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