Eine ältere Frau, die sich lächelnd an einen Türstock lehnt und direkt in die Kamera blickt.

Wenn das Leben wieder sichtbar wird

Eine Augenoperation, die Leben verändert

Icon mit einer weißen Arzttasche auf rotem Hintergrund.
Wenn Menschen wie Aminat wieder sehen können, verändert sich ihr ganzes Leben. Eine Augenoperation bedeutet für viele, den Alltag wieder selbst zu meistern – vom Kochen bis zur Feldarbeit. Sie gibt ihnen Selbstständigkeit, Würde und das Vertrauen zurück, die Zukunft aus eigener Kraft zu gestalten.
Im Morgengrauen sitzt Aminat in ihrer kleinen Tukul-Hütte und wartet. Nicht auf Besuch oder auf den Markt. Sie wartet darauf, dass es hell wird, denn sobald die Sonne untergeht, verschwindet für die 70-Jährige die Welt. Auf dem linken Auge ist sie seit fünf Jahren blind, das rechte wird von Monat zu Monat schwächer. Mit Anbruch der Dämmerung kann sie nichts mehr erkennen und kann nichts mehr tun. Weder kochen noch arbeiten, dabei war ihr Leben früher ein ganz anderes.

Aminat arbeitete als Tagelöhnerin auf den Feldern anderer Familien und verdiente Geld als Haushaltshilfe. Sie putzte, kochte und buk Injera – den traditionellen Sauerteigfladen, der in Äthiopien zu jeder Mahlzeit gehört. „Damals konnte ich meine Familie gut versorgen und alle Arbeiten im Haushalt selbstständig erledigen. Heute bin ich dazu nicht mehr in der Lage“, erzählt die Witwe mit leiser Stimme.

Seit ihr Sohn auf der Suche nach Arbeit weggezogen ist, ist sie auf die Hilfe ihrer Nachbar:innen angewiesen, die sie beim Kochen, beim Waschen ihrer Kleidung und manchmal sogar beim Reinigen ihres Hauses unterstützen. Wenn das Essen knapp wird, lebt Aminat von dem, was andere mit ihr teilen. Mit ihrem Augenlicht hat sie auch ihre Hoffnung verloren. “Ich erwarte für meine Zukunft nichts Gutes mehr“, erzählte sie unserem Projektleiter Berhanu Bedassa vor wenigen Monaten bei seinem Besuch bei ihr zu Hause.

Es macht mich glücklich, diese lebensverändernden Momente für meine Patientinnen und Patienten mitzuerleben.

Yemariamwork Tibebu, Augenärztin

Chirurgin bei einem Eingriff mit einem Operationsmikroskop im OP.

Jahrelang ohne Hoffnung auf Hilfe

Die Geschichte von Aminat aus Albuko ist kein Einzelfall. In vielen ländlichen Regionen Äthiopiens leben Menschen über Jahre mit einer Sehbehinderung oder erblinden an Erkrankungen, die behandelbar wären. „Am häufigsten behandeln wir Katarakt, also den Grauen Star, und Trachom“, erklärt die Augenärztin Yemariamwork Tibebu.

Trachom zählt weltweit zu den häufigsten infektiösen Ursachen vermeidbarer Blindheit. Ausgelöst wird die Erkrankung durch Bakterien. Immer wiederkehrende Infektionen können schwere Folgen haben:
  • Das Augenlid dreht sich nach innen.
  • Die Wimpern reiben bei jedem Lidschlag auf der Hornhaut.
  • Es entstehen starke Schmerzen.
  • Die Hornhaut wird zunehmend verletzt.

Ohne Behandlung können die Betroffenen schließlich erblinden. In Äthiopien leben laut WHO rund 66 Million Menschen in Regionen, in denen Trachom verbreitet ist – sie sind damit akut von der Infektion und einer möglichen Erblindung bedroht.
Besonders dort, wo sauberes Wasser fehlt und hygienische Bedingungen schwierig sind, kommt Trachom häufig vor. Gleichzeitig ist die Krankheit gut behandelbar – vorausgesetzt, die Menschen erhalten rechtzeitig medizinische Hilfe. „Das mangelnde Bewusstsein für Augenerkrankungen, finanzielle Hürden und die fehlende augenmedizinische Infrastruktur führen dazu, dass viele Patient:innen erst in einem sehr fortgeschrittenen Stadium ihrer jeweiligen Erkrankung zu uns kommen“, sagt Yemariamwork Tibebu.

Genau das war auch bei Aminat der Fall. Nicht, weil sie keine Hilfe wollte, sondern weil sie nie erfahren hatte, dass Hilfe überhaupt möglich ist. „Ich wusste nichts über Behandlungsmöglichkeiten. Ich hätte mein Sehvermögen vielleicht nicht vollständig verloren, wenn ich früher gewusst hätte, dass mir geholfen werden kann“, sagt Aminat rückblickend.
Patient:innen warten vor dem Gesundheitszentrum in Salmene auf ihre medizinische Behandlung.
Großer Andrang im Gesundheitszentrum von Salmene.

Hoffnung spricht sich herum

Erst als Nachbarn auf dem Markt von einer der kostenlosen Schwerpunktaktionen von Menschen für Menschen hörten, änderte sich alles. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Gesundheitszentrum in Salmene. Schon früh am Morgen bilden sich dort lange Schlangen. Menschen sind aus entlegenen Dörfern angereist. Sie alle verbindet dieselbe Hoffnung: endlich Hilfe zu bekommen.

Im Gesundheitszentrum herrscht reges Treiben. Zunächst werden die Patient:innen untersucht. Für viele ist es die erste augenärztliche Untersuchung ihres Lebens. Manche erfahren zum ersten Mal an welcher Augenkrankheit sie leiden und warum sie ihr Augenlicht verloren haben. Nicht alle benötigen einen Eingriff, doch während der Schwerpunktaktion, die regelmäßig stattfindet, werden innerhalb weniger Tage rund 150 bis 200 Augenoperationen durchgeführt. Für viele Menschen ist diese Aktion die einzige Chance auf eine Behandlung.

Ich hätte mein Sehvermögen vielleicht nicht vollständig verloren, wenn ich früher gewusst hätte, dass mir geholfen werden kann.

Aminat, die im Rahmen der Schwerpunkaktion gegen Augenkrankheiten von Menschen für Menschen behandelt wurde

Eine ältere Frau, die sich lächelnd an einen Türstock lehnt und direkt in die Kamera blickt.

40 Augenoperationen, 40 Geschichten

Eine der Ärzt:innen, die diesmal im Operationssaal steht, ist Yemariamwork Tibebu. Seit 16 Jahren arbeitet sie als Augenärztin und operiert gemeinsam mit ihren Kolleg:innen während der Schwerpunktaktion im Gesundheitszentrum von Salmene bis zu 40 Menschen täglich. Trotz der hohen Zahl gleicht kein Eingriff dem anderen. „Es macht mich glücklich, diese lebensverändernden Momente für meine Patient:innen mitzuerleben“, sagt sie. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr eine Frau, die nach jahrelanger Blindheit ihre ersten Schritte wieder allein gehen konnte.

„Sie war überglücklich und begann vor Freude zu tanzen.“ Hinter jeder Operation steckt eine eigene Geschichte – von verlorener Selbstständigkeit, von Abhängigkeit, aber auch von neuer Hoffnung. Auch Aminat wartet nach der Untersuchung nervös auf ihren Eingriff. Bei ihr hat Grauer Star zur Erblindung des linken Auges geführt. Die Ärzt:innen nehmen sich Zeit.

Sie erklären ihr jeden einzelnen Schritt, beantworten ihre Fragen und sprechen ihr Mut zu. „Sie behandeln mich so, wie eine Mutter ihr eigenes Kind behandelt. Sowohl während der Untersuchung als auch bei der Operation sind sie sehr liebevoll und respektvoll mit mir umgegangen. Sie gaben mir Hoffnung auf eine bessere Zukunft“, freut sich die 70-Jährige über ihre positive Erfahrung.

Es sind Worte, die viel sagen, denn obwohl täglich viele Untersuchungen und Operationen stattfinden, ist es alles andere als Fließbandarbeit. Es geht darum Patient:innen mit ihren Gefühlen ernst zu nehmen und zu begleiten, denn viele kommen voller Unsicherheit und manchmal haben sie Angst vor dem Eingriff oder wissen nicht, was sie erwartet. Neben der medizinischen Behandlung ist deshalb auch Vertrauen entscheidend.
Ärzt:innen bereiten eine Patientin auf eine Augenoperation vor.
Das Team des Gesundheitszentrums ist an der Seite von Aminat und bereitet sie auf den Eingriff vor.

Der erste Blick in eine neue Zukunft

Auch Projektleiter Berhanu Bedassa ist an diesem besonderen Tag ins Gesundheitszentrum gekommen, um Aminat zu treffen. Nach der Operation begleitet er sie zurück in ihr Dorf und besucht sie auch ein paar Tage später als der Verband entfernt wurde.

Aminat öffnet ihr operiertes Auge und blinzelt mehrmals. Vorsichtig nimmt sie einen kleinen Spiegel in die Hand und als sie sich selbst darin sieht, lächelt sie. Alles wirkt heller und klarer als zuvor. Ihr Sehvermögen wird sich in den kommenden Tagen Schritt für Schritt weiter verbessern. Die Frau, die er Monate zuvor getroffen hatte, ist eine andere als heute. Die Verzweiflung ist der Hoffnung gewichen, die man deutlich hört, wenn Aminat spricht: „Mit 70 Jahren kann ich zwar nicht mehr arbeiten, aber ich kann meinen Alltag zu Hause wieder selbst bewältigen, ohne auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.“

Und noch etwas ist der 70-Jährigen wichtig: Sie möchte anderen Menschen die Angst vor einer Augenoperation nehmen. Sie will erzählen, dass Hilfe möglich ist und dass sich der Mut lohnt: „Ich kenne einige Menschen, die an Augenerkrankungen leiden, und ich werde ihnen auf jeden Fall raten, sich in einem medizinischen Zentrum behandeln zu lassen. Ich werde ihnen erzählen, wie groß die Erleichterung nach der Behandlung ist.“

Aus einer Frau, die glaubte, ihr Schicksal akzeptieren zu müssen, ist eine Frau geworden, die anderen Hoffnung schenkt, denn wenn das Augenlicht zurückkehrt, werden Dinge wieder möglich, die lange nicht selbstverständlich waren. Im Alltag für sich selbst und seine Familie sorgen zu können bedeutet Unabhängigkeit, Würde und ein Stück Freiheit und manchmal beginnt genau dort ein neues Leben.
Ein Arzt untersucht mit einem Untersuchungsgerät das Auge einer Patientin bei einer medizinischen Behandlung.

Deine Spende rettet Augenlicht

Die Augenentzündung Trachom kann unbehandelt zur schmerzhaften Erblindung führen.

Schon mit 19 Euro ermöglichst du die Operation, die einem Menschen das Augenlicht rettet.

Die 4 Säulen des S.A.F.E.-Ansatzes

Der S.A.F.E.-Ansatz der Weltgesundheitsorganisation empfiehlt vier wichtige Maßnahmenbündel, um Trachom langfristig zu bekämpfen.
Chirurgische Eingriffe bei fortgeschrittenem Trachom (Trichiasis). Dabei werden die nach innen gewendeten Wimpern korrigiert, damit sie nicht mehr auf der Hornhaut kratzen und zur Erblindung führen.
Die Verteilung von Antibiotika zur gezielten Vorbeugung und Behandlung der Infektion in betroffenen Regionen.
Die Aufklärung und Förderung des regelmäßigen Gesichtswaschens. Dies verringert die Übertragung des Bakteriums von Mensch zu Mensch und hält Fliegen fern.
Der Ausbau der Infrastruktur für sauberes Trinkwasser und sanitäre Anlagen (Latrinen). Dies verbessert die allgemeine Hygiene und entzieht den krankheitsübertragenden Fliegen die Brutstätten.


Mit deiner Spende unterstützt du unsere Schwerpunktaktion für Augengesundheit und ermöglichen Menschen wie Aminat eine Operation, die ihnen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben neue Perspektiven eröffnet.

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Das Cover des Nagaya-Magazins, Ausgabe 3/2026, zeigt eine ältere Frau, die sich lächelnd an einen Türstock lehnt und direkt in die Kamera blickt.

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