Bahritu Seyoum hilft einer Frau, eine Weste anzuziehen.

Durch die Augen von…

Bahritu Seyoum

Bahritu Seyoum, Direktorin für Projektimplementierung im Koordinierungsbüro von Menschen für Menschen in Addis Abeba, blickt trotz anhaltender Herausforderungen optimistisch in die Zukunft. Im Interview berichtet sie von wichtigen Fortschritten wie der Fertigstellung einer Schule, der medizinischen und psychosozialen Unterstützung für Frauen und Kinder sowie neuen Perspektiven für junge Menschen durch Kleinstunternehmen und nachhaltige Landwirtschaft.

Martina Hollauf: Was waren aus deiner Sicht die größten Fortschritte oder Erfolge des vergangenen Jahres?

Bahritu Seyoum: Einer der wichtigsten Fortschritte war die spürbare Beruhigung der Sicherheitslage in Äthiopien. Auch wenn weiterhin Unsicherheiten bestehen, hat diese relative Stabilisierung den notwendigen Raum geschaffen, um lang blockierte Projekte wieder aufzunehmen oder abzuschließen. So konnten wir die Arbeit in der Projektregion Jeldu langsam wieder rauffahren und Projekte weiterführen, die über Jahre hinweg stillstanden.

Ein ganz besonderer Moment war die Fertigstellung und feierliche Eröffnung der weiterführenden Schule in Shukute. Der Bau stand aufgrund der Sicherheitslage lange Zeit still. Nun zu sehen, wie die Jugendlichen endlich das neue Schulgebäude beziehen können, war ein starker, bewegender Moment.

Ein wichtiges Thema waren auch Aktivitäten im Einsatz gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Welche Entwicklungen gab es hier?

Uns war es wichtig, unsere Aktivitäten zur Aufklärung und Vermeidung geschlechtsspezifischer Gewalt auszuweiten, weshalb wir Ende des Jahres in Tigray ein entsprechendes Projekt starteten. Im Mittelpunkt steht dabei die Unterstützung von Frauen und Kindern, die durch den Konflikt traumatisiert wurden. Es geht um Rehabilitation, psychosoziale Begleitung und darum, Würde und Sicherheit zurückzugeben.

Diese Arbeit ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Heilung, Frieden und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Ebenfalls in Tigray wurde außerdem eine große Katarakt-Kampagne durchgeführt. Trotz enormer logistischer Herausforderungen wurden innerhalb eines Monats mehr als 1.500 Menschen behandelt, die von grauem Star betroffen waren. Für viele dieser Menschen bedeutete das, nach vielen Jahren endlich wieder sehen zu können.

Gibt es Pläne, die spezifischen Aktivitäten für Frauen auch in anderen Regionen umzusetzen?

Die Herausforderungen für Frauen unterscheiden sich je nach Region stark. Im Norden ist es vor allem konfliktbedingte geschlechtsspezifische Gewalt, die im Mittelpunkt unserer Arbeit steht. In anderen Teilen des Landes sind es tief verwurzelte Traditionen, extreme Arbeitsbelastung oder der mangelnde Zugang zu medizinischer Versorgung, wodurch die Lebenssituation für Frauen immens erschwert wird.

In einigen Regionen im Süden Äthiopiens sehen wir zum Beispiel viele Frauen mit Gebärmuttervorfällen*. Diese entstehen häufig durch zahlreiche Schwangerschaften und die schwere körperliche Arbeit und hat massive körperliche, soziale und wirtschaftliche Folgen. Unser Ansatz orientiert sich immer an den Bedürfnissen der Menschen und der konkreten Lage vor Ort. Deshalb analysieren wir die lokalen Gegebenheiten und entwickeln gezielte Maßnahmen. Derzeit planen wir zum Beispiel, rund 2.000 betroffene Frauen durch Vorsorgeuntersuchungen, Operationen und anschließende Rehabilitation zu unterstützen.

*Ein Gebärmuttervorfall (Uterusprolaps) ist eine extreme Form der Gebärmuttersenkung, bis hin zum Austritt der Gebärmutter vor die Vulva.

Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus gerückt. Welche Erfahrungen konntet ihr dabei bisher sammeln?

Früher lag der Schwerpunkt der Einkommensförderung vor allem auf Frauen, was natürlich sehr wichtig war. Heute ist jedoch die hohe Erwerbslosigkeit unter jungen Menschen zu einer der größten Herausforderungen geworden, selbst unter gut Ausgebildeten. Deshalb verfolgen wir nun einen Ansatz, der junge Frauen und Männer gleichermaßen einbezieht und sie bei der Gründung von Kleinstunternehmen unterstützt.

Eine der Hürden ist dabei oft nicht das Startkapital, sondern die Haltung. Für viele junge Menschen erfordert das Kleinunternehmertum ein Umdenken: weg von der Vorstellung einer einfachen Anstellung, hin zur selbstständigen Erwerbstätigkeit. Aus- und Weiterbildung in fachlicher und wirtschaftlicher Hinsicht sind deshalb am Anfang besonders entscheidend. Der nachhaltige Erfolg dieser Projekte wird sich in den kommenden Jahren zeigen, aber schon jetzt erlebe ich, wie das Selbstvertrauen der jungen Menschen wächst und sie gemeinsam in der Gruppe aus Ideen erfolgreiche Geschäfte entwickeln.

Menschen für Menschen steht für Partnerschaft und gegenseitigen Respekt. Es ist keine einseitige Hilfe, sondern echte Zusammenarbeit.

Bahritu Seyoum, Menschen für Menschen Äthiopien

Bahritu Seyoum hält eine Rede zur Eröffnung der Shukute-Schule in Jeldu.

Viele dieser Kleinstunternehmen sind noch stark auf die Landwirtschaft ausgerichtet. Wie lassen sich die Einkommensmöglichkeiten im ländlichen Raum in Zukunft vielfältiger gestalten?

Mit dem Wachstum kleiner Städte steigt auch der Bedarf an Dienstleistungen, wie etwa Bäckereien, Frisiersalons oder die Produktion von Baumaterialien wie Ziegelsteinen. Unsere Aufgabe ist es, insbesondere junge Menschen dabei zu unterstützen, solche Potenziale zu erkennen. Wir bieten ihnen die dazu notwendige fachliche Ausbildung und das unternehmerische Training. Ein Beispiel ist die Fischerei-Kooperative in Albuko, die sich an den lokalen Gegebenheiten und Chancen orientiert. Durch solche Projekte wird die Wertschöpfung vor Ort gefördert und lokale Lieferketten stärken die Wirtschaft in der Region.

Ein zentraler Teil der Arbeit bleibt die Unterstützung der Kleinstbäuerinnen und -bauern in den ländlichen Regionen. Ein schönes Beispiel hierfür ist die Wurmkompostierung, die sehr erfolgreich angelaufen ist. Hat dich dieser große Zuspruch überrascht?

Ja, das Projekt hat die Erwartungen tatsächlich übertroffen. Die Rückmeldungen der Familien sind durchweg positiv: Die Felder werden fruchtbarer, die Erträge steigen und damit verbessern sich sowohl das Einkommen als auch die Gesundheit der Menschen.

Ein entscheidender Vorteil ist, dass alle Materialien vor Ort verfügbar sind und sich so hochwertiger organischer Dünger einfach und kostengünstig selbst herstellen lässt. Was als Pilotprojekt begann, wurde zu einer schönen Erfolgsgeschichte: Rund 2.000 Familien in mehreren Regionen setzen die Wurmkompostierung bereits ein und durch Weitergabe von Wissen wächst diese Zahl kontinuierlich weiter.

Asiye, eine Landwirtin aus Albuko, erzählt, wie die fleißigen Helfer den Boden für bessere Ernten vorbereiten.

Was bedeutet es für dich, ein „Mensch für Menschen“ zu sein und was gibt dir persönlich Hoffnung für die Zukunft Äthiopiens?

Menschen für Menschen steht für Partnerschaft und gegenseitigen Respekt. Es ist keine einseitige Hilfe, sondern echte Zusammenarbeit. Die gemeinsame Reise verleiht unserer Arbeit Sinn und gibt uns allen die Motivation, auch unter schwierigen Bedingungen weiterzumachen.

Meine Hoffnung schöpfe ich aus den Menschen, die mir begegnen: den strahlenden Gesichtern bei der Eröffnung einer Schule, den Frauen, die ihre Gesundheit und Würde zurückgewinnen oder den jungen Menschen, die mutig kleine Unternehmen gründen. Diese Momente zeigen, dass Veränderung möglich ist.

Das Interview führte Martina Hollauf vom Menschen für Menschen-Team in Österreich im Dezember 2025.

Portrait von Bahritu Seyoum

Zur Person

Bahritu Seyoum

Bahritu Seyoum ist Direktorin für Projektimplementierung im Koordinierungsbüro von Menschen für Menschen in Addis Abeba. Die MBA-Absolventin begann 2006 als Koordinatorin für Frauenprojekte ihre Arbeit bei der Organisation. Als Teil des Management-Teams verantwortet sie heute die operative Umsetzung der Maßnahmen in den Projektregionen.

Hier erfährst du, in welchen Projektregionen aktiv sind:
Portraitbild von Martina Hollauf, Team Menschen für Menschen Österreich

Martina Hollauf

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