Wienerin-Fotochefin Angelika Goldmann – "Frauen sind die tragenden Wände"

„Ich denke mir, die Frauen sind der Schlüssel zur Veränderung. Sie machen es möglich, dass ihre Enkelinnen und Urenkelinnen die Schule besuchen können – und die Möglichkeit haben einen anderen Lebensweg zu beschreiten.“

Der Hahn hat noch nicht gekräht wenn der Arbeitstag für die äthiopischen Frauen am Hochplateau von Ginde Beret beginnt. Sie starten in der Dunkelheit in den Tag, denn Wasser holen dauert zwei bis drei Stunden. Schwere Wasserkanister werden täglich mehrere Kilometer bis nach Hause getragen. Dann kochen sie Kaffee. Die Bohnen werden über Feuer geröstet, gemahlen, dann wird der Kaffee aufgekocht.

 

Zenebech, Kidist, Bontu, Bekelu – in Äthiopien habe ich viele Frauen kennengelernt.

Manche so alt wie ich, Mitte dreißig, viele jünger und einige älter. Sozialarbeiterin, Bäuerin, Kaffeehüttenbetreiberin, Bauingenieurin, Mutter, Großmutter, Projektleiterin, Analphabetin, Studentin. Unterschiedlichste Frauen. Bei all dem Lachen und Geschichten erzählen war mir schnell klar, die Frauen sind wie die tragenden Wände in einem Haus. Sie halten es aufrecht. Ob es die Familie ist, das Dorf oder das eigene bescheidene Zuhause – ohne Frauen gäbe es all das nicht.

Bäuerin Bekelu aus Abune Ginde Beret

Dreimal täglich kocht eine Frau wie Bekelu für ihre Familie. Damit ist bereits ein Drittel ihrer Tageszeit verstrichen. Mit Wasser holen und Feuerholz suchen ist ein weiteres Drittel vergangen. Die restliche Zeit wird den Kindern, dem Haus, den Tieren oder der Feldarbeit gewidmet. Wäsche waschen dauert einen ganzen Tag, alle zwei Tage muss Getreide für das Backen von Injera, gesäuertem Brot, vorbereitet werden. Zeit für sich selbst bleibt da kaum. Immerhin, Bekelu trifft sich mit den Nachbarn auf einen Tratsch und mindestens zwei Tassen Kaffee am Tag. Das ist Luxus. Aber sie hat den Großteil ihres Lebens bereits gelebt. Mit 50 Jahren ist sie eine alte Frau. Bekelu ist Witwe, ihre zehn Kinder sind erwachsen und fast alle aus dem Haus, auf ihre 14 Enkelkinder ist sie stolz.

 

Acht Jahre lang schwanger

„Durch meine große Familie habe ich auch viel gelitten“, erzählt mir Bekelu. Acht Jahre und drei Monate lang war sie insgesamt schwanger. Mit 13 Jahren wurde sie von ihrer Mutter verheiratet. Ihren Ehemann hat sie bei der Hochzeit das erste Mal gesehen. „Früher war das so“, erzählt sie mir. „Es war Tradition.“ Auch die Beschneidung weiblicher Genitalien gehörte dazu. In den letzten fünfzehn Jahren hat sich einiges verändert. „Immer mehr junge Menschen heiraten aus Liebe und wählen ihren Partner selbst“, erzählt sie. Familienplanung ist Thema und befindet sich fest in Frauenhand. Bekelu kann darüber offen mit ihren Töchtern sprechen. „Ich habe genug gelebt“, meint sie. „Aber für mich und meine Kinder möchte ich das Leben immer noch verbessern“.

Ich denke mir, die Frauen sind der Schlüssel zur Veränderung. Sie sind das starke Geschlecht – nicht nur, weil sie schwere Wasserkanister tragen oder riesige Holzbündel auf ihren Rücken schnallen. Die alten Frauen mit fast bis zum Boden gekrümmten Rücken, barfuß, mit der Last dieser Welt auf ihren Schultern. Sie machen es möglich, dass ihre Enkelinnen und Urenkelinnen die Schule besuchen können – und die Möglichkeit haben einen anderen Lebensweg zu beschreiten.

 

Angelika Goldmanns Reportage in der WIENERIN können Sie hier nachlesen:

Jänner 2015: Wienerin - Zenebech die Kürbisqueen

 

 

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