Nagaya Magazin 1/2014 – Neues Projektgebiet Dano

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

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Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  • Dano: Im Einsatz gegen Malaria, Wassernot und Nahrungsmangel
  • Anti-Aids-Club: Mit Gedichten und Theater gegen die Krankheit
  • Äthiopien: Durch die Augen von Journalist Tobias Müller

 

Reportage – Hoffnung für Dano

Malaria, verschmutztes Wasser, Nahrungsmangel: Für die Bauernfamilien im ländlichen Distrikt Dano ist das Leben sehr hart. Doch das Potenzial für ein besseres Dasein ist groß. Durch unsere Unterstützung erhalten die Bauern die Chance, ihre Ernten binnen weniger Jahre zu vervielfachen.

Von Bernd Hauser · Fotografie Rainer Kwiotek

Plastikschuhe kosten auf dem Markt 15 Birr, umgerechnet 57 Cent – viel Geld für Halea Tadschi. Meist geht die 26-Jährige barfuß, um ihr einziges Paar zu schonen. Aber auch wenn sie die Schuhe trägt, spürt sie die kantigen Steine der Schotterwege unter den dünnen Sohlen bei jedem Schritt. Halea Tadschi wandert ins Dorf Ajeru. Dort kauft sie mit ihrem mühsam ersparten Geld 25 Kilogramm Mais. Die Mutter von drei Kindern ist schmal und zierlich, doch ihre Hände sind groß und rissig, sie künden von schwerer Arbeit. Die junge Frau bindet sich den Maissack mit einem Tuch auf den gebeugten Rücken und marschiert in die acht Kilometer entfernte Stadt Ijaji. Dort verkauft sie den Mais für 95 Birr; eingekauft hat sie ihn für 90 Birr. Einen halben Tag voller Strapazen bringen ihr also fünf Birr, 19 Cent. Selbst in Äthiopien ist das ein Kleinbetrag: Drei mal müsste sie die Tour gehen, wenn sie ein neues Paar der billigen Plastikschuhe vom Markt kaufen wollte. „Ich habe keine andere Möglichkeit, etwas zu verdienen“, sagt die junge Frau auf dem Gehöft der Familie im Dorf Oborsa. An ihrer Schulter schläft Adjibu, eineinhalb Jahre alt, der Kleinste. Der vierjährige Umar und der sieben Jahre alte Elmadin fragen ständig nach Essen. Die Familie baut Mais an, aber das Feld ist zu klein. In den Monaten vor der Ernte müssen die letzten Vorräte rationiert werden. Die Eltern lassen häufig eine Mahlzeit aus, damit die Kinder mehr essen können: „Das ist hart, weil wir schwer arbeiten müssen.“ Wenn es ganz knapp wird, müssen auch die Kinder mit leerem Magen einschlafen: „Manchmal essen wir nur einmal am Tag.“

 

Geschwächte Gesundheit

Die Lebensumstände der Familie sind nichts Ungewöhnliches in Dano. Der Distrikt mit knapp 115.000 Einwohnern liegt rund 230 Kilometer westlich der Hauptstadt Addis Abeba. Hier hat Menschen für Menschen im Jahr 2013 ein neues Entwicklungsprojekt begonnen. „Zwei von drei Familien müssen ihre Nahrung rationieren“, sagt Esrael Asfaw, der Projektleiter von Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe in Dano. Vor Beginn des Entwicklungsprojekts befragten unsere äthiopischen Mitarbeiter 292 Familien über ihre Lebensumstände. 69 der Familien hatten in den vergangenen zwölf Monaten Nachwuchs bekommen. Sieben der Säuglinge waren im ersten Lebensjahr gestorben – jeder zehnte. Die Todesursachen sind bei Babys ähnlich wie bei der Gesamtbevölkerung: Die Menschen sterben vor allem an Malaria. Daneben fordern Lungenentzündungen und durch kontaminiertes Wasser verursachte Diarrhöe zahlreiche Todesopfer – das Immunsystem der Menschen ist aufgrund der mangelhaften Ernährung und der hygienischen Umstände geschwächt. Auch die Kinder von Halea Tadschi leiden etwa einmal im Monat an Magen-Darm-Erkrankungen. „Ich muss das Wasser unten am Fluss holen“, sagt die Mutter. „Mehrmals am Tag gehe ich eine halbe Stunde, um einen großen Kanister zu füllen.“ Sie weiß, dass sie das Wasser abkochen müsste. „Aber ich habe einfach keine Zeit und Kraft, soviel Brennmaterial herbeizuschaffen.“ Es gibt kaum noch Wald, schon jetzt betreibt sie ihr offenes Kochfeuer mit trockenen Maisstängeln. Der dichte Qualm beißt in den Augen, verursacht Husten. Neben der Feuerstelle steht das aus Bambus zusammengebundene Bett der Eheleute. Die größeren Kinder schlafen im Vorderraum der Hütte auf einem Strohsack. Dort hat auch das Vieh seinen Platz, zwei Jungrinder und ein Ochse. „Unsere einzige Kuh mussten wir verkaufen, um Saatgut und Kunstdünger zu kaufen“, sagt Halea Tadschi.

 

Das Potenzial ist riesig

Weder sie noch ihr Ehemann waren je in einer Schule. Sie erwirtschaften nur ein winziges Einkommen, trinken schmutziges Wasser, ernähren sich überwiegend von Mais und haben auch davon zu wenig: Wie sieht wirksame Hilfe angesichts so grundlegender Probleme aus? „Wir müssen Brunnen graben und Quellen fassen“, sagt Projektleiter Esrael. „Vor allem aber müssen wir Wissen bringen. Wir wollen die Menschen schulen, wie sie größere Ernten bekommen. Es gibt genug Regen: Das Potenzial ist riesig!“ Ohne die Verbesserung der Landwirtschaft seien alle anderen Maßnahmen wie Schulbauten vergebliche Mühe. „Mit verbessertem Saatgut bekommen die Bauern die Chance, ihre Ernten in den kommenden Jahren zu verdrei- oder vervierfachen.“

 

Erfolg ist ansteckend

Entwicklungsberater der Äthiopienhilfe gehen in alle 42 Dörfer des Distrikts und arbeiten dort mit sogenannten Modellbauern zusammen. „Das sind Pioniere, die wissbegierig sind und als Erste neue Techniken ausprobieren“, erklärt der Projektleiter. Ihr Erfolg soll ansteckend wirken: „Die anderen Dorfbewohner werden die neuen Anbauprodukte und Methoden übernehmen.“ Ein paar Hundert Meter vom Gehöft von Halea Tadschis Familie entfernt liegt der Hof von Modellbauer Elias Kadir. Gerade hat er eine Latrine errichtet, wie von Menschen für Menschen empfohlen. „Wenn alle Familien eine Latrine benutzen, ist die Gefahr geringer, dass Krankheitserreger in Bäche gelangen“, sagt Elias Kadir. Dann führt er die Besucher stolz zu seinem neuangelegten Waldfeldbau. Von Menschen für Menschen hat er Papayabäumchen erhalten, Avocado- und Mangosetzlinge, dazu Kaffeesträucher und Samen für Karotten, Rote Rüben, Kartoffeln. „Die Entwicklungsberater haben mir gezeigt, wie man Intercropping macht“, erklärt der Bauer: Direkt am Boden gedeiht das Gemüse. Zwischen dem Gemüse stehen junge Kaffeesträucher. Die Sträucher brauchen Schatten, den die schnell aufschießenden Baumsetzlinge spenden: So kann Elias Kadir auf geringer Fläche seine Erträge ver vielfachen. „In zwei Jahren werde ich meine ersten Papayas ernten, in drei Jahren die ersten Kaffeebohnen“, freut sich der Bauer. „Die meisten Produkte werde ich mit gutem Gewinn verkaufen.“

 

Die Menschen sind fleissig

Von Elias Kadirs Erfolg hat auch Halea Tadschi gehört. „Ich gebe zu: Wir hatten unsere Zweifel, als die fremden Experten zu uns kamen“, sagt sie auf der Schwelle ihres Hauses. „Sie sagten, sie wollten uns helfen. Aber wir fragten uns, ob sie nicht ihren eigenen Vorteil suchten. Nun aber denke ich, wir sollten uns auf ihre Ideen einlassen.“ Einige davon zeigt Projektleiter Esreal Asfaw auf: „Halea Tadschi kann an unserem Kleinkreditprogramm teilnehmen.“ Ihr Gehöft liegt verkehrsgünstig an einer Schotterstraße, es kommen viele Fußgänger auf ihrem Marsch in die Stadt daran vorbei. „Mein Traum war es schon immer, einen kleinen Laden aufzumachen, aber bislang fehlte mir immer das Startkapital für den Einkauf von Waren des täglichen Bedarfs“, sagt sie. Oder sie könnte mit dem Kredit Vieh kaufen, mästen und mit gutem Verdienst veräußern. „Die Menschen sind fleißig. Aber ihnen fehlten bislang die Bedingungen, etwas aus ihrem Fleiß zu machen“, erklärt Projektleiter Esrael Asfaw. „Wir zeigen ihnen Wege auf, sich selbst aus der Armut herauszukämpfen.“

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