Martina Hollauf – Bericht aus den Projektregionen

Am Ende steht ein Regenbogen

Ein Projektbericht von Martina Hollauf, Öffentlichkeitsarbeit, Menschen für Menschen Österreich

Oduu gamachisa. Das ist Oromo für „gute Nachrichten“, und diese begegneten uns auf der Reise nach Derra, Jeldu, Abune Ginde Beret und Ginde Beret zuhauf. Auch wenn sie auf den ersten Blick manchmal nicht gleich offensichtlich waren. (Mehr dazu lesen Sie in der Reportage von profil-Redakteur Christoph Zotter >>)

Denn noch immer haben auch die Menschen in der abgeschlossenen Projektregion Derra mit vielen Herausforderungen zu kämpfen, aber die Maßnahmen, die hier über 13 Jahre lang von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Menschen für Menschen umgesetzt wurden, sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Heute bekommt eine Frau nur noch fünf Kinder, statt der früher üblichen acht. Und seit Menschen für Menschen aus der Region abgezogen ist, investiert auch die Regierung stark in den Aufbau natürlicher Ressourcen. Doch die Folgen jahrzehntelanger Abholzung lassen sich nicht über Nacht rückgängig machen. Nachhaltige Entwicklung braucht Zeit – und das Engagement einer Bevölkerung, die vom langfristigen Nutzen überzeugt ist.

Von Saudi-Arabien zur Erleuchtung

Diese Überzeugung war es auch, die notwendig war, um Shafi und Muhammed ins Balla-Tal zu locken. Der ORF hat erst im vergangenen Jahr ausführlich über die „Balla-Farmer“ berichtet (hier nachzusehen) und auch wir statteten der kleinen Oase wieder einen Besuch ab. Bei einem langen Gespräch erfuhren wir, dass viele der Bauern, die heute erfolgreich im Balla-Tal Obst und Gemüse anbauen, einst ihr Glück in Saudi-Arabien suchten. Unser alter Bekannter Muhammed war einer von ihnen und wurde bitter enttäuscht. Heute klärt er die jungen Leute der Region darüber auf, was sie wirklich erwartet.

„Nachdem ich aus Saudi-Arabien zurückkam, habe ich den jungen Leuten hier erzählt, wie es dort wirklich ist.“

Die Balla-Farmer sind ein Zusammenschluss von mittlerweile 48 Familien, die in einer unwirtlichen, heißen Tiefebene mithilfe eines Bewässerungssystems ein kleines Paradies geschaffen haben.

Einer von ihnen ist Sultan – er ist taubstumm, aber dank seiner besonderen Auffassungsgabe und harter Arbeit gehört er zu den erfolgreichsten Bauern des Tals. Seine Kollegen sagen, Sultan wäre eine Erleuchtung. Und dem können wir nur zustimmen.

 

„Für jeden Schritt den wir machen, macht Sultan zwei.“

Von Verbrechern und guten Geistern

Das Leben ist hart in der Region. Aber es war durchaus schon schlimmer. Früher tummelten sich hier Verbrecher, Derra galt als Unterschlupf für Leute, die vor dem Gesetz flüchteten. Geschichten von Banditen erzählt hier so gut wie jeder, auch Solomon, den wir als Mitglied des Wasser-Komitees von Woglo kennenlernen. Auf dem Weg zu ihm nachhause kommen wir an einem imposanten Baum vorbei, der sich den Weg durch einen Stein gekämpft hat. Der Baum hat eine besondere Bedeutung für die Gemeinde, man sagt, dass ihm ein Geist inne wohnt. Rund um das Neujahrsfest versammeln sie sich um den Baum und veranstalten ein Festessen. „Adbar“ nennt man in Äthiopien diese besonderen Plätze, denen sich auch der äthiopische Künstler Robel Temesgen in einer Ausstellung widmet >>

Nicht weit von Solomons Zuhause treffen wir den Kreditverein von Tuti, einer Stadt mit etwa 15.000 Einwohnern. Der Kreditverein wurde vor 16 Jahren mit 32 Mitgliedern gegründet. Heute sind über 700 Frauen Mitglieder im Verein und erwirtschaften mithilfe eines Kleinkredits ein besseres Leben für ihre Familien. „Der Verein wurde kürzlich aufgeteilt und dezentralisiert, damit wir die Frauen in den abgelegenen Dörfern noch besser erreichen können“, erzählt Inaniye, die heute Vorsitzende des Vereins ist.

„Mein Mann war schwer krank und ich musste allein für den Lebensunterhalt sorgen. Mit dem Kredit hatte ich das erste Mal eigenes Geld und konnte meine Kinder ernähren, sie sogar zur Schule schicken. Einer meiner Söhne hat nun sein Universitätsstudium abgeschlossen.“

Zu unserem Gespräch hat Inaniye auch eine Notiz mitgebracht, die ihr ein Priester aus dem Dorf für ihr Treffen mitgegeben hat. „Karlheinz Böhm hat viele Kinder in Derra“, steht darin geschrieben und tatsächlich ist der Geist des Gründers von Menschen für Menschen in Derra allgegenwärtig. Die Älteren erinnern sich noch gut an Karlheinz Böhm, viele haben ihn damals selbst getroffen und erzählen von ihrer Begegnung. Eine Nonne, die wir zufällig treffen, erzählt dann auch, dass erst kürzlich sein bester Freund verstarb: Tefera, ein Bauer aus der Region, der Karlheinz Böhm oft im Projektbüro von Menschen für Menschen besuchte, um über die Herausforderungen und die Entwicklung in der Region zu diskutieren. Trauer äußert sich hier anders als bei uns. Man trauert zwar auch um den Verlust der Person, aber noch mehr, dass diese die Entwicklungen nicht mehr miterleben kann.

Jung, ungebunden: Qeerroo1 vadis?

Eine Entwicklung, von der vor allem die kommenden Generationen profitieren sollen: Rund die Hälfte der Bevölkerung Äthiopiens ist unter 18 Jahre alt. Für sie muss es in Zukunft Perspektiven geben, um sich ein selbstständiges Leben aufbauen zu können. Das lernen wir auch in Jeldu, wo wir uns nach zwei fruchtbaren Tagen in Derra und einer elend langen Autofahrt mit drei jungen Herren unterhalten, die sich ab Herbst mit zehn weiteren einer Bienenzucht widmen werden.

Die angehenden Imker sind bei bester Laune und plaudern über ihre Erfahrungen im Projektgebiet Dano, wo bereits die ersten Kooperativen dieser Art laufen. Gemeinsam mit einigen ihrer zukünftigen Kollegen haben sich die Burschen das Projekt in Dano angesehen. Workene (ganz links im Bild) war zunächst skeptisch, „aber was die Menschen dort mithilfe der Organisation aufgebaut haben, hat mich sehr beeindruckt. Seither bin ich überzeugt davon und werde mich anstrengen.“

Doch bevor die Bienen im Herbst einziehen können, gibt es noch viel zu tun. Der Unterstand muss fertig gebaut werden, Bienenkästen geliefert und die gepflanzten Bäume und Sträucher am Hang müssen gepflegt werden. Auf dem Weg zur künftigen Bienenheimat wird man auch wiederholt darauf hingewiesen, vorsichtig zu sein. Die jungen Bäumchen verstecken sich noch im Gras.

1 Qeerroo= die Bezeichnung für einen jungen, unverheirateten Mann; der Begriff wird mittlerweile gleichbedeutend für Protestierende verwendet.

Früher war mehr Lametta Wald!

Auch einige Kilometer weiter in Abune Ginde Beret sind Bäume ein großes Thema, beziehungsweise ihr Fehlen. Nur etwa 11% der Landesfläche Äthiopiens ist von Wald bedeckt, eine Folge jahrzehntelanger Abholzung. Durch die fehlenden Bäume wird fruchtbarer Boden abgeschwemmt, tiefe Erosionsgräben bilden sich und so mancher Bauer verliert so seine Felder und dadurch die Grundlage für sein Leben. Diese Probleme kennt auch Taye nur zu gut. Deshalb kümmert er sich gerne mit seinen Nachbarinnen und Nachbarn um den Schutz des Aufforstungsgebiets in Mudema.

„Früher gab es hier in der Region überall dichten Wald in dem viele verschiedene Tiere lebten. Ich kümmere mich um den Schutz dieses Aufforstungsgebiets, um den Wald wieder zurückzubringen.“

Auch im Washa Catchment war die Entwaldung ein großes Problem. Früher brannten die Menschen den Wald auf den Hängen sogar nieder, um die Affen zu vertreiben, die ihre Ziegen angriffen. Heute weiß die Bevölkerung in diesem abgelegenen Talkessel Bescheid, welche dramatischen Auswirkungen ihr Handeln hat. Das Washa Catchment war die erste Region in der Menschen für Menschen in Ginde Beret vor sieben Jahren mit der Umsetzung von verschiedenen Maßnahmen begann.

Wo ein Weg, da Entwicklung

Am Anfang stand der Bau einer Straße, die das Washa Catchment erstmals erreichbar machten. Auf unserem Weg nach unten kommen uns Kolonnen an Menschen mit ihren Packeseln entgegen: Sie sind unterwegs zum großen Markt in Kachisi, der Hauptstadt der Region wo rund 16.000 Menschen leben.
Den Weg zurück nach oben haben wir uns dann nicht ganz so leicht gemacht und haben die Abkürzung über die Gara Gatama Stiegen genommen. Insgesamt 400 Höhenmeter müssen hier überwunden werden. Der letzte und aufregende Teil führt durch eine Schlucht über etwa 290 Stufen, die Menschen für Menschen gebaut hat.

Heute posieren hier schon mal Mädchen aus dem Dorf für ein Foto.
Zur Erinnerung: So sah die Schlucht früher aus. Da kam kein Esel rauf oder runter.


Der Aufstieg über die Gara Gatama Stiegen dauert jetzt nur noch eine gute halbe Stunde und ist eine große Erleichterung für die Menschen aus dem Tal. Wie zum Beispiel für Agerash: Auch sie kommt aus dem Washa Catchment und verkauft am Markt von Kachisi ihre ersten Avocados. Drei Birr kostet eine Avocado – die Setzlinge für die Avocado-Bäume hat sie selbst vor sieben Jahren von Menschen für Menschen bekommen und auf ihrem Hof gepflanzt.

Avocados sind aber nicht die einzigen Früchte, die noch relativ neu in der Region sind. Äpfel, Mangos oder Papayas sind mittlerweile auch sehr beliebt. Auch diese Fruchtbäume stammen von Menschen für Menschen und haben weitreichende Auswirkungen auf das Leben in der Region.

So ein Saftladen!

Nicht nur verbessert Obst (und natürlich auch das neue Gemüse) die Ernährung der Menschen, bei manch einem wird auch der Geschäftssinn geweckt. Weshalb wir seit kurzem ein neues Lieblingslokal in Kachisi haben: „Cuunfaa Keelloo“ heißt das kleine Café, das Fromsa mit seinem Bruder betreibt. Sie sind die ersten, die frische Fruchtsäfte anbieten. Was bei uns unter „Smoothie“ firmiert, heißt bei Fromsa aber einfach Cuunfaa, also Saft auf Oromo.

Papaya- und Avocadosaft, frisch zubereitet aus Früchten der Region. 20 Birr kostet ein Glas, also etwa 60 Cent. Das Lächeln gibt es natürlich umsonst dazu :-)

„Unter der Woche verkaufe ich jeden Tag etwa 50 solcher Säfte. Demnächst wollen wir auch Frühstück anbieten.“

Bei Fromsa schließt sich auch der Kreis: Denn die Kerne der Früchte verkauft er zum Kilopreis an Menschen für Menschen – in den Baumschulen werden dann wieder Bäume daraus.

Vielen Dank auch an dieser Stelle an die Kolleginnen und Kollegen in Äthiopien, die uns bei jeder Projektreise begleiten und immer mit Rat und Tat zur Seite stehen: Baye galatoomi. Wal agarra!

Gemechu, Girma und Abayneh kennen Abune Ginde Beret und Ginde Beret wie ihre Westentaschen. Lesen Sie unter den jeweiligen Links mehr zu ihrer Arbeit in den Projektregionen.

Projektleiter Berhanu war auch schon in der nun abgeschlossenen Region Derra tätig und weiß, wie viel sich seither dort getan hat.

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