Coronavirus: Informationen und aktuelle Entwicklungen

Liebe Unterstützer und Unterstützerinnen,

 

die aktuellen Ereignisse haben einschneidende Auswirkungen auf uns alle. Auf unser persönliches Leben, unser familiäres Leben, unser wirtschaftliches Leben. Viele sind in diesen Stunden verunsichert und blicken eventuell sorgenvoll in die Zukunft. Doch in Zeiten der Ungewissheit haben wir Menschen immer eines bewiesen: Zusammenhalt und Einsatz für eine gemeinsame, bessere Zukunft. Gemeinsam schaffen wir das! Gemeinsam sind wir Menschen für Menschen.

Ihr Team von Menschen für Menschen Österreich

Häufig gestellte Fragen

Wir sind wie gewohnt telefonisch und per Mail für Sie da, doch in „Heimarbeit“.
Gerne kümmern wir uns weiterhin um Ihre Anliegen. Damit wir diese so rasch wie möglich an die zuständigen MitarbeiterInnen weiterleiten können, bitten wir Sie, uns bevorzugt unter folgender Mailadresse zu kontaktieren: menschen@mfm.at

  • Aktuell gibt es in Äthiopien 16 bestätigte Corona-Fälle (Stand 27.03.2020; 10 Uhr), wobei zwei der positiv Getesteten bereits soweit genesen sind, dass sie die Heimreise nach Japan antreten konnten.
  • Äthiopien hat bereits am Montag, 16.03. mit Schulschließungen reagiert. Die Behörden haben angeordnet, alle Veranstaltungen abzusagen und Maßnahmen zur Wahrung der sozialen Distanz werden getroffen. Vorerst gelten diese Bestimmungen für die Dauer von zwei Wochen.
  • Seit Montag, 23.03. sind die Grenzen Äthiopiens geschlossen. Ausgenommen sind wichtige Lieferungen. Reisende, die über den Flughafen in Addis Abeba ankommen, müssen sich in eine verpflichtende, zweiwöchige Quarantäne begeben.

Wir können natürlich nicht einschätzen, wie sich der Verlauf in Äthiopien entwickeln wird. Was wir aber wissen: Das Land ist um ein Vielfaches schlechter für eine solche Krise ausgestattet als Österreich.
Es fehlt an einer grundlegenden Gesundheitsversorgung, die Menschen sind vielerorts mangelernährt und deshalb anfälliger für Krankheiten und nur jeder zweite Mensch im ländlichen Äthiopien hat Zugang zu sauberem Trinkwasser, das für grundlegende Hygienemaßnahmen unverzichtbar ist. Es wird zunehmend wichtiger, zusammen Verantwortung zu übernehmen und Solidarität mit den Schwächsten unserer Gesellschaft zu zeigen und bestmöglich andere zu unterstützen. In Äthiopien, Europa und der ganzen Welt, denn niemand soll – egal wo er lebt – in dieser Krisensituation alleine gelassen werden.

Das Project Coordination Office (PCO) in Addis Abeba wurde zu großen Teilen auf Homeoffice umgestellt. Nur Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die für die Aufrechterhaltung der Arbeit in den Projektregionen unabkömmlich sind, sind im Büro anwesend.
Wir sind im ständigen Austausch mit den KollegInnen vor Ort, müssen aber davon ausgehen, dass weitere Beschränkungen angeordnet werden, auf die entsprechend reagiert werden wird.

Äthiopien hat mit Schulschließungen auf die Corona-Fälle im Land reagiert. Der Lehrbetrieb am von Menschen für Menschen betriebenen Agro Technical and Technology College (ATTC) in Harar musste daher weitgehend eingestellt werden. Lediglich Lehrveranstaltungen in kleinen Gruppen im Rahmen der praktischen Ausbildung im Außenraum finden statt.

In den Projektregionen von Menschen für Menschen werden die landesweiten Empfehlungen umgesetzt: Schulen bleiben geschlossen, es wird vermehrt über notwendige Hygienemaßnahmen informiert und Großveranstaltungen sind abgesagt. Dazu zählen auch geplante Schulungen für die Bevölkerung.
Unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Projektregionen sind außerdem angewiesen, derzeit nicht in die Hauptstadt Addis Abeba zu reisen und – wie in Österreich – gilt es Menschenansammlungen zu meiden. Darüber hinaus kann die Arbeit in den Projektgebieten aktuell weitergeführt werden.

Corona-Tagebuch aus Äthiopien

An dieser Stelle berichtet unser Kollege Henning Neuhaus regelmäßig über die Lage in Addis Abeba sowie unseren Projektgebieten und beschreibt, wie sich der Alltag in Äthiopien aufgrund des Virus verändert.
Henning Neuhaus, der zusammen mit Muluneh Tolesa für die PR-Arbeit von Menschen für Menschen in Äthiopien zuständig ist, lebt seit 2018 in Addis Abeba und ist dort einer von nur drei nicht-äthiopischen Mitarbeitern im Project Coordination Office (PCO). Der Großteil der MitarbeiterInnen des Büros in Addis Abeba arbeitet mittlerweile aus dem Homeoffice.

Weltweit wird in den Ländern, die stark vom Coronavirus betroffen sind, darüber gerätselt und geforscht, welche langfristigen wirtschaftlichen Folgen die Pandemie haben wird. Diese Sorge beschäftigt zunehmend auch Äthiopien, denn auch hier steuert man gerade schrittweise immer mehr auf einen Lockdown zu. Durch zahlreiche Crowdfunding-Kampagnen auf verschiedenen sozialen Plattformen sehen wir, dass es ziemlich schnell gehen kann, bis ein Unternehmen selbst in Europa von den Auswirkungen des Virus in die Knie gezwungen wird.

Eine äthiopische Frau steht in einem Geschäft für Bürobedarf
Meine Freundin Maggi betreibt mit ihren Geschwistern einen Großhandel für Bürobedarf. Aufträge gibt es derzeit allerdings keine mehr.

Geschäfte schließen auch hier

Die Ersten die es hier in Äthiopien traf, waren vergangene Woche die Nachtclubs und Bars, die auf Anordnung der Regierung sofort schließen mussten. Einige Restaurants, so wie meine Lieblingspizzeria, arbeiten nur noch im Lieferdienst oder als Selbstabholer. Es sind aber nicht nur die Gastronomiebetriebe hier in Addis, die die Folgen von COVID-19 aktuell zu spüren bekommen. Meine Freundin Maggi beispielsweise betreibt mit ihren Geschwistern einen Großhandel für Bürobedarf. Zu ihren Kunden zählen vor allem Regierungsbüros und NGOs, die der kleine Betrieb mit Büroartikeln versorgt. Da seit gestern alle Regierungsbüros und Ministerien so gut wie geschlossen sind bzw. sich die MitarbeiterInnen im Homeoffice befinden, kommen keine neuen Aufträge mehr rein.

Ein leerer Gehweg vor einem Geschäftslokal in Addis Abeba
Wo früher reges Treiben herrschte, sind die Straßen nun wie leergefegt.

Straßen wie leergefegt

„Seit Anfang der Woche tut sich gar nichts mehr. Es klingelt weder das Telefon, noch kommt jemand vorbei um eine Großbestellung in Auftrag zu geben“, erzählt mir Maggi. Sie schickt mir ein Foto von der Straße, wo ihr Geschäft ist. Diese Gegend ist normalerweise der zentrale Ort in Addis, wo sich jedes Unternehmen bei den Händlern und Händlerinnen wie Maggi mit Büroartikeln, Computern oder sonstigen technischen Geräten ausstattet. Die Straße ist wie leergefegt. Maggi berichtet weiter, dass sie nächste Woche das Geschäft weitgehend runterfahren werden. Ein bis zwei Mitarbeiter werden da sein, falls doch noch Kundschaft kommen sollte. Ich frage sie, wie lange sie das als kleines Unternehmen ohne große Aufträge durchhalten können: „Wir haben genügend Kapital um uns für etwa zwei Monate über Wasser zu halten. Danach wird es auch für uns kritisch.“

Kaum Rücklagen vorhanden

Maggi erzählt, dass sie aber auch von anderen Geschäften gehört hat, die kaum Rücklagen haben und denen jetzt schon, nach knapp zwei Wochen, das Wasser bis zum Hals steht.
Es sind aber nicht nur die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die durch diese Krise bereits in ihrer Existenz bedroht sind. Auch die größte Airline Afrikas, Ethiopian Airlines – immerhin ein Mitglied der Star Alliance – musste bereits ihren Flugplan um 30 Destinationen kürzen. Fast 14.000 Mitarbeiter arbeiten für diese Fluglinie und sie ist noch vor dem Kaffeeexport für Äthiopien die wichtigste Quelle für dringend benötigte Devisen. Fallen diese Devisen weg, wird es für Äthiopien noch schwieriger Waren aus dem Ausland zu importieren.

Diese Eindrücke lassen für ein schon vor COVID-19 wirtschaftlich schwaches Land wie Äthiopien nichts Gutes verheißen. Es wird wohl für die Regierung hier kaum möglich sein einen Rettungsschirm aufzuspannen, wie wir es in Deutschland für bedrohte Existenzen planen. Daher könnten die wirtschaftlichen Folgen für Äthiopien weitaus verheerender sein, als der Virus an sich.

Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba

Nachdem ich mich die vergangenen Tage meistens voller Zweifel über die hier in Äthiopien durchgeführten Präventionsmaßnahmen geäußert hatte, wurde ich heute Morgen eines Besseren belehrt. Ich war gerade dabei vom Supermarkt nach Hause zu fahren, als mir an einer großen Kreuzung auffiel, dass die Verkehrspolizei gezielt die Minibusse rauswinkte. Die Tür jedes Busses wurde geöffnet und ein Beamter in voller „Anti-Corona-Montur“ schaute sich das Fahrzeug von innen an. Da ich selber im Auto saß, konnte ich nur kurz erblicken, wie einzelne Fahrgäste das scheinbar überfüllte Vehikel verlassen mussten.

Ein Minibus auf den Straßen von Addis Abeba
Die Minibusse in Addis Abeba leeren sich zunehmend.

Wieder daheim wollte ich mir noch einmal ein Bild der Lage machen und bin an die große Hauptstraße nah meines Hauses gegangen. Ich beobachtete für eine Weile das für Addis-Verhältnisse entspannte Verkehrsgeschehen. Und tatsächlich: Die Minibusse waren längst nicht so überfüllt wie ich dachte. Fast zwischen jedem Fahrgast war ein Sitzplatz frei. Langsam bekomme ich das gute Gefühl, dass die Menschen den Ernst der Lage verstanden haben und sehen, dass Händewaschen und soziale Distanz nur zusammen ein wirksames Mittel gegen COVID-19 sind.

Eine Frau wäscht sich neben einem großen grünen Kanister die Hände
Bevor das Menschen für Menschen-Büro in Addis Abeba betreten werden darf, müssen die Hände gewaschen werden.

Um die Verbreitung des Coronavirus zu stoppen, gibt es mittlerweile in ganz Addis Abeba öffentliche Stationen zum Händewaschen. An Bushaltestellen, Bahnhöfen, Taxiständen oder öffentlichen Plätzen stehen Wasser und Seife bereit. So auch vor unserem Project Coordination Office (PCO) – wer das Büro betritt, egal ob MitarbeiterIn oder BesucherIn, muss sich davor gründlich die Hände reinigen.

Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba

In den letzten Tagen habe ich nur über die Situation in Addis berichtet. Da ich heute mal wieder im Büro bin, dachte ich es wäre interessant der Frage auf den Grund zu gehen, wie die Menschen in den ländlichen Gebieten Äthiopiens mit der aktuellen Situation umgehen. Immerhin leben rund 80 Prozent der Menschen hier auf dem Land. Also nahm ich den Telefonhörer in die Hand und rief unseren stellvertretenden Projektmanager Tesfa in der Projektregion Dano an. Dano liegt ca. 250 km westlich von Addis. In der dort liegenden Kleinstadt Ejaji hat Menschen für Menschen ein Projektbüro.

Ein Mann spricht mit einem Ehepaar in Äthiopien
Tesfa ist stellvertretender Projektmanager in der Projektregion Dano und berichtet mir telefonisch von der Lage am Land.

Große Sorgen auch am Land

Ich frage Tesfa nach seinen Eindrücken und er berichtet, dass auch im ländlichen Äthiopien längst die Angst vor Corona Einzug hält: „Hier in Ejaji verzichten die meisten Menschen inzwischen auf den üblichen Handschlag und vor Banken und öffentlichen Gebäuden muss man sich die Hände waschen. Die Leute versuchen in Ejaji etwas distanzierter miteinander umzugehen. Auch jeder Besucher in unserem Büro muss sich am Eingangstor gründlich die Hände waschen und mit Alkohol desinfizieren“, sagt Tesfa. Außerdem erzählt er, dass kaum jemand eine Gesichtsmaske trägt. Das liegt aber daran, dass diese selbst in Addis inzwischen kaum noch erhältlich sind. Es ist also nicht verwunderlich, dass im ländlichen Raum gar keine Schutzmasken zu bekommen sind.

Noch wenig Bewusstsein

Was allerdings mehr Besorgnis aufkommen lässt, erzählt Tesfa, ist dass sich der Umgang mit der Situation der Menschen in der Kleinstadt Ejaji stark von dem der BewohnerInnen der umliegenden Dörfer unterscheidet: „Am Samstag war hier in Ejaji der große Wochenmarkt. Aus allen Dörfern sind die Menschen in den Ort geströmt, um ihre Waren zu verkaufen. Es war ein großes Gewusel und ich hatte das Gefühl, dass den Leuten vom Land der Virus ziemlich egal ist“, berichtet mir Tesfa am Telefon. Es scheint, dass für die Menschen COVID-19 immer noch eine surreale, weit entfernte Bedrohung ist. Tesfa hingegen macht sich große Sorgen: „Meine Familie wohnt in Addis und sie verlassen das Haus nur zum Einkaufen. Wenn es hier auf dem Land zu Infektionen kommen sollte, wird das in einer Katastrophe enden, mit furchtbaren Folgen für die Menschen in den ländlichen Regionen.“

Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba

Spätestens als am Donnerstagabend von der äthiopischen Regierung verkündet wurde, dass alle Bars und Nachtclubs wegen der Corona-Krise auf unbestimmte Zeit schließen sollen, wurde mir endgültig klar, dass die kommenden Wochenenden etwas ruhiger sein werden. Das Wochenende zuvor war ich noch bei einer kleinen Gartenparty bei Freunden eingeladen. Schon zu diesem Zeitpunkt war uns bewusst, dass dies unser letztes Zusammentreffen in großer Runde für eine unbestimmte Zeit sein wird.

Mehr Tests durch Spende möglich

Inzwischen haben wir in Äthiopien elf bestätigte Fälle und es ist zu erwarten, dass die Zahl weiter steigen wird. Das liegt unter anderem daran, dass Jack Ma, der reichste Mann Chinas, 10.000 Testkits an Äthiopien gespendet hat und diese am Sonntag hier in Addis eingetroffen sind. Da nun mehr Menschen einfacher auf das Virus getestet werden können, glauben viele somit ein realeres Lagebild zu erhalten.

Händewaschen alleine reicht nicht

In den sozialen Medien häufen sich auch die Beiträge, die über die Wichtigkeit des Händewaschens informieren. Allerdings wurde ich am Wochenende das Gefühl nicht los, dass viele Menschen hier in Äthiopien immer noch glauben, dass saubere Hände allein das Wichtigste sind, um sich vor einer COVID-19-Infektion zu schützen. Das ist meiner Meinung nach ein sehr gefährlicher Trugschluss.

Problem „Social Distancing“

Die Problematik ist das „Social Distancing“, also Abstand zu Mitmenschen halten, weil es der äthiopischen Kultur komplett widerspricht. Zwar ist es schön, auf Twitter oder Instagram zu sehen, wenn Gläubige vor einer Kirche beim Beten Abstand halten oder wenn vor Busstationen Abstandsmarkierungen auf dem Boden zu sehen sind. Doch solche Ansätze gibt es noch zu wenige und erst heute hat Premierminister Abyi Ahmed abermals auf die Notwendigkeit des „Social Distancing“ hingewiesen.

Zwei Männer stehen vor einem Geschäft in auf die Straße gemalten Rechtecken
Bodenmarkierungen sollten das „Social Distancing“ vor einem kleinen Laden in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba ermöglichen.

Ich mache mir selbst ein Bild

Weil wir in unserer Wohngemeinschaft kein Obst und Gemüse mehr hatten, beschloss ich am Samstag in die Stadt zu fahren, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen. Es war wieder deutlich weniger auf den Straßen los und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass die Leute es mit der sozialen Distanz langsam ernst nehmen. Wenige Autos und noch weniger Fußgänger prägten an diesem Tag das Stadtbild.

Gedränge im Gemüseladen

Vor jedem Geschäftsgebäude heißt es nun Hände waschen oder desinfizieren. So war es auch bei dem Obst- und Gemüseladen, den ich ansteuerte. Auf Anordnung des Wächters vor dem Geschäft, wusch ich meine Hände mit reichlich Seife und betrat den Laden. Was ich dort vorfand war allerdings kein „Social Distancing“, sondern dichtes Gedränge. Zwar trugen alle Angestellten in dem Geschäft einen Mundschutz, jedoch machte ich mir mehr Sorgen um die anwesenden Kunden auf engem Raum. Mit vollen Einkaufstaschen und einem unwohlen Gefühl im Bauch verließ ich das Geschäft.

„Social Distancing“: Ein Privileg?

Wieder zu Hause angekommen, machte ich mir weiter Gedanken um das Thema „Social Distancing“ in Äthiopien. Mir wurde immer mehr klar, dass dies ein Privileg von wenigen Menschen ist, die es sich leisten können, sich sozial zu isolieren. Der Großteil der Menschen in Äthiopien muss hingegen jeden Tag das Haus verlassen, um überhaupt etwas zu essen zu haben.

Aber auch in den eigenen vier Wänden ist es fast unmöglich, soziale Distanz zu wahren. Mehrere Generationen wohnen meist auf engstem Raum zusammen. In der äthiopischen Kultur ist körperliche Distanz ein Fremdwort: Die Menschen umarmen sich zur Begrüßung, halten aus Zuneigung Händchen und in der Regel wird von einem gemeinsamen, großen Teller gegessen.

Weiterhin gibt es keinen starken Sozialstaat, der alle die auffängt, die von so einer Krise betroffen werden. Es ist sehr schwer – wenn nicht gar unmöglich – eine Stadt wie Addis Abeba in einen Lockdown-Modus zu versetzen. Die Menschen müssen hier miteinander agieren, damit der Laden sprichwörtlich am Laufen bleibt.

Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba

Nach zwei Tagen Homeoffice ist es wirklich mal wieder schön die Wohnung zu verlassen und ins Büro zu fahren. Menschen für Menschen hat ein Schichtsystem im Büro eingeführt, um die Distanz zwischen Kolleginnen und Kollegen zu erhöhen. Das heißt, dass mein Kollege Muluneh heute nicht da ist und dafür ich im Büro arbeite.

Es ist ein wunderschöner, sonniger Morgen und der Straßenverkehr hat deutlich abgenommen. Wobei ich glaube, dass dies immer noch daran liegt, dass die Leute ihre Kinder nicht zur Schule bringen müssen. Die Geschäfte sind alle geöffnet und erst herrscht reges Leben auf den Straßen von Addis. Wie in den vergangenen Tagen, tragen einige Schutzmasken und Gummihandschuhe. Inzwischen gibt es in Äthiopien 9 registrierte Fälle. Nummer 9 ist ein Australier, den ich persönlich kenne. Wir haben uns das letzte Mal auf einer Gartenparty vor 5 Wochen gesehen, als noch alles gut war. Jedoch bedrückt es einen, dass es die ersten Leute aus dem persönlichen Umfeld erwischt hat.

Am Eingang des Menschen für Menschen-Büros in Addis Abeba wird über Verhaltensmaßnahmen informiert.

Winken zur Begrüßung

Als ich ins Büro komme, ist das Erste was mir auffällt ein Schild an unserer Eingangstür, das darauf hinweist, wie man sich verhalten soll: Wasch deine Hände, niese in die Armbeuge und so weiter. Furno, unsere Sekretärin am Eingang hat das Händedesinfektionsmittel griffbereit, trägt Gummihandschuhe und begrüßt mich. Es ist sehr ruhig in unserem sonst so geschäftigen Bürogebäude. Einige Büros sind nicht besetzt und hie und da sitzt jemand alleine in seinem Büro. Ich mache meine übliche morgendliche Begrüßungsrunde und winke in jedes Büro.

Furno ist besorgt: Sie steht am Empfang und damit in der ersten Reihe. Sie trägt zum Schutz Handschuhe.

Im Büro heißt es Abstand halten

Nach der Mittagspause unterhalte ich mich mit Furno. Sie ist sehr besorgt über die Lage in Äthiopien. Die große Ungewissheit, die jeden von uns plagt. Furno erzählt, dass ihre Kinder mit ihrem Ehemann zuhause sind und sie sich mit ihrer Kollegin Elleni im Schichtdienst abwechselt. Auch empfindet sie es als unangenehm, dass sie als Sekretärin direkt am Eingang mit so vielen Fremden zu tun hat: Egal ob es Gäste oder Kuriere sind. „Ich sage den immer, dass sie bloß Abstand halten sollen. Ich weiß ja nicht mit wem die vorher Kontakt hatten.“, erzählt die betrübte Furno. Die Handschuhe trägt sie, wenn sie mit Dokumenten von außen hantieren muss. Ihr kleines Handyradio versorgt sie rund um die Uhr mit den neuesten Entwicklungen.

Unser Land ist auf so etwas nicht vorbereitet

Ein Stockwerk höher sitzt mein Kollege Addisu alleine im Büro. Er ist erst vor kurzem Vater geworden und macht sich ebenfalls große Sorgen. „Unser Land ist auf so etwas nicht ausreichend vorbereitet.“, erzählt er. Er hat die Bilder von der katastrophalen Situation in Italien gesehen. Wenn ich ihm dann erzähle, dass die Infektionszahlen auch in Deutschland kontinuierlich nach oben gehen, reißt er die Augen auf. Addisu erzählt, dass er die ganze Woche versucht hat Desinfektionsmittel zu kaufen. „Selbst reiner Alkohol ist in allen Apotheken ausverkauft und überall sind lange Warteschlangen.“, berichtet er mit ruhiger Stimme weiter.

Die große Ungewissheit

Mein Eindruck ist, dass jeder von der Ungewissheit geplagt ist, wie schlimm der Virus hier in Äthiopien wüten wird. Der zwar langsame aber stetige Anstieg an Infektionen lässt einen leicht in Panik verfallen. Denn jeder meiner Kolleginnen und Kollegen ist sich der Tatsache bewusst, dass die Kliniken in Äthiopien weder über ausreichend Beatmungsgeräte noch Intensivbetten verfügen. Daher ist es besonders schön, wenn man hört, dass auf unserem ruhigen Korridor ab und zu doch mal gelacht wird. Das gibt einem in einer solchen Situation Sicherheit und Kraft.

Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba
Coronavirus: Die Essenslieferanten in Addis Abeba tragen Mundschutz.

Lange Zeit war das neuartige Coronavirus für die Menschen in Äthiopien – wie für viele in Afrika – eine surreale Bedrohung – schwer greifbar, da es weit weg schien. Jedoch war vielen bewusst, dass es in unserer globalisierten Welt nur eine Frage der Zeit sein kann, bis das Virus nach Äthiopien kommt. Am Flughafen Addis Abeba, einem der Drehkreuze auf dem afrikanischen Kontinent, wurde schon Ende Januar damit begonnen die Körpertemperatur der Einreisenden zu messen.

Als sich die Lage in Europa Anfang März tagtäglich zuspitzte, wurden die Kontrollen am Flughafen verstärkt und Einreisende mussten einen Fragebogen über ihre vorigen Aufenthaltsorte ausfüllen. Diese Maßnahmen beschränkten sich jedoch nur auf den internationalen Flughafen. Wenn man diesen einmal verlassen hatte, war alles wie zu Zeiten vor COVID-19 in Äthiopien.

Bedrohung durch Coronavirus wird immer realer

Das änderte sich, als die äthiopische Gesundheitsministerin Dr. Lia Tadesse Ende vergangener Woche bekannt gab, dass es nun auch in Äthiopien den ersten bestätigten Fall gibt. Ein japanischer Staatsbürger, der über Burkina Faso vier Tage zuvor nach Addis Abeba gereist war, wurde positiv getestet.

In den darauffolgenden Tagen bemerkte man, dass der Virus zu einer immer realeren Bedrohung wird. Besonders in den sozialen Medien wurde in der Landessprache Amharisch, aber auch auf Afaan Oromoo vermehrt darauf hingewiesen, sich die Hände regelmäßig und gründlich zu waschen und darüber informiert, welche Symptome das Virus mit sich bringt. Das öffentliche Leben ging weiter wie bisher, nur dass einige Leute nun Gesichtsmasken trugen.

Kein Händeschütteln mehr bei Menschen für Menschen

Anfang der Woche verkündete die äthiopische Regierung, dass alle Schulen und Universitäten des Landes für 15 Tage geschlossen bleiben. Auch die christlichen und muslimischen Religionsführer appellierten, dass die Menschen Kirchen und Moscheen für ihre Gebete erst einmal meiden sollten. Inzwischen war die Zahl der positiv auf COVID-19 getesteten Menschen auf fünf gestiegen.

In unserem Büro verzichtet man auf gegenseitiges Händeschütteln. Die räumliche Distanz wächst. Genauso wie die Dunkelziffer der möglichen Infizierten. Im Netz steigerte sich die Anzahl der Beiträge mit sogenanntem “Awareness Content” von Seiten der Regierung, aber auch von Privatpersonen. Aber wie in Europa gibt es auch in Äthiopien viele Falschmeldungen und selbsternannte Experten versprechen durch krude Theorien Heilung oder gar Immunität.

Straßen leerer, Minibusse voll

Heute ist der 19. März und es gibt in Äthiopien offiziell sechs positive Corona-Fälle. Einige Unternehmen und internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen und Nichtregierungsorganisationen wie Menschen für Menschen haben ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Dies geht aber selbstverständlich nur, wenn man eine Internetverbindung zu Hause hat.

Die Regierung teilt auf Twitter Fotos, auf denen öffentliche Anlagen zum Händewaschen und Desinfizieren zu sehen sind. Der Straßenverkehr ist etwas weniger geworden, was daran liegt, dass niemand seine Kinder in die Schule bringen muss.

Die Minibusse – das Hauptverkehrsmittel in Addis – sind aber nach wie vor bis zum letzten Platz gefüllt. Die Geschäfte haben alle geöffnet und Menschen stehen dicht gedrängt beieinander. Sie lachen und feixen, als wäre nichts. Einige tragen Schutzmasken. Zum Beispiel die Essenslieferanten, die ich aus dem Homeoffice anrufe.

“Social distancing” in Äthiopien kaum vorstellbar

Das Beunruhigende ist, dass das in Europa gepriesene “Social Distancing” in einem Land wie Äthiopien kaum umzusetzen ist. Dieses Land ist in allem das Gegenteil von sozialer Distanz: Man isst von einem gemeinsamen Teller das Essen mit den Händen. Man füttert sich gegenseitig als Zeichen des Respekts und der Freundschaft. Zur Begrüßung umarmt man sich und wenn man jemanden mag (egal ob Mann oder Frau), hält man auch gerne Händchen. Die Menschen teilen sich den Wohnraum und die Sanitäreinrichtungen. Ein Leben in sozialer Distanz ist für die meisten Menschen kaum vorstellbar. Alles ist sehr beunruhigend.

Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba

Wir behalten die Situation in Äthiopien natürlich weiterhin im Auge und halten Sie auf dem Laufenden. Die aktuelle Situation zeigt uns auch, wie wichtig es ist, dass es Menschen gibt die uns in einer Notsituation helfen, weil man diese alleine nicht bewältigen kann. Bitte achten Sie auf sich, auf Ihre Familie, FreundInnen und NachbarInnen.

Unterstützen Sie einander im Alltag und vergessen Sie nicht jene Menschen, die derzeit alleine zu Hause sind und eventuell unter Ängsten und Einsamkeit leiden. Gemeinsam schaffen wir das!

Gemeinsam sind wir Menschen für Menschen.