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Bahritu Seyoum im blauen Menschen für Menschen-Shirt steht lachend in einer Traube äthiopischer Schülerinnen und Schüler

Durch die Augen von...

Bahritu Seyoum - Menschen für Menschen Äthiopien

Hoffnung und Fortschritt für die Menschen

Bahritu Seyoum, Direktorin für Projektimplementierung, im Interview

Äthiopien, das Land und die Gesellschaft, befinden sich ständig im Wandel und mit ihnen auch die Arbeit von Menschen für Menschen. Bahritu Seyoum, Direktorin für Projektimplementierung, spricht im Interview über hoffnungsvolle Veränderungen und zukünftige Entwicklungen in der Projektarbeit.
Kannst du uns ein Update zur Sicherheitslage in Äthiopien geben? Insbesondere zur Lage in den Regionen, wo Menschen für Menschen tätig ist?

Bahritu Seyoum: Die Sicherheitslage in Äthiopien war in der letzten Zeit sehr undurchsichtig, insbesondere während des Krieges in der Nordregion, der sich auf das ganze Land auswirkte. Seit dem Abkommen von Pretoria konnte der Konflikt in der Region Tigray jedoch unter Kontrolle gebracht werden. Die Lage in der Region Amhara ist zwar immer noch angespannt, verbessert sich aber zum Glück allmählich. Ähnlich sieht es in der Region Oromia aus, wo wir eine langsame, aber positive Veränderung beobachten.

Die Sicherheitslage verändert sich ständig. Kannst du dennoch einen Ausblick geben, ob und unter welchen Voraussetzungen die Arbeit in pausierten Projektregionen wieder aufgenommen werden kann?

Insgesamt können wir sagen, dass sich die Sicherheitslage langsam verbessert. Das stimmt uns sehr optimistisch. Wir werden die Situation weiter beobachten und wollen in den kommenden Monaten die Projekte wieder aufnehmen. Entscheidend dafür sind zwei wichtige Faktoren: Haben wir überhaupt Zugang zu den Dörfern und ist die Sicherheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewährleistet. Der wichtigste Aspekt unserer Arbeit ist die enge Kooperation mit der Bevölkerung. Deshalb ist es essenziell, dass wir in den Gemeinden mit den Menschen auf sicherem Terrain zusammenkommen können.

Neben der Sicherheitslage ist auch die wirtschaftliche Lage, insbesondere die hohe Inflation der letzten Jahre, eine Herausforderung. Wie wirkt sich dies auf die Arbeit der Organisation aus?

Die Inflation ist ein weltweites Problem, aber in Äthiopien war sie in den letzten Jahren mit bis zu 30 % besonders hoch, was unsere Projektplanung und Budgetierung stark beeinträchtigt. Generell sind die Kosten für Projektmaßnahmen stark gestiegen und erschweren die Planbarkeit. Hinzu kommt, dass manche Baumaterialien, etwa Zement oder Bewehrungseisen für den Schulbau, nicht erhältlich sind. So kommt es zu Verzögerungen, was durch die Inflation wiederum die Kosten steigen lässt.

Wie wirkt sich die Inflation auf die Gemeinschaft selbst aus? Sind immer mehr Menschen auf fremde Hilfe angewiesen?

Genaue Zahlen liegen mir zwar nicht vor, aber mir fällt persönlich auf, dass immer mehr Menschen, vor allem Frauen mit Kindern, in die Städte ziehen und dort Hilfe suchen. Dieser Zustrom ist nicht nur auf Konflikte zurückzuführen, sondern auch auf die wirtschaftliche Notlage. Immer mehr Menschen können sich nicht mal mehr das Nötigste leisten.

Wie seid ihr angesichts dieser Herausforderungen zurechtgekommen? Habt ihr daraus auch Lehren für die zukünftige Entwicklung gezogen?

Wir haben Strategien entwickelt, um den Auswirkungen der Inflation entgegenzuwirken. Wir haben zum Beispiel begonnen, Rohstoffe und Baumaterialien direkt von den produzierenden Betrieben zu beziehen, um bessere Preise und eine bessere Verfügbarkeit zu gewährleisten. Außerdem haben wir uns darauf konzentriert, wo es möglich ist, in großen Mengen anzukaufen und die Projektabwicklung zu beschleunigen, um den Preisanstieg abzufedern. Mir ist es auch wichtig, die Unterstützerinnen und Unterstützer in Österreich und Deutschland über die Lage in Äthiopien zu informieren und die Kosten transparent darzulegen.

Im Zusammenhang mit dem Krieg in Tigray hat Menschen für Menschen erstmals psychosoziale Unterstützung geleistet. Wird diese aufgrund der Konflikte, die auch die Projektregionen betreffen, zu einem festen Bestandteil der Arbeit?

Wenn eine Notsituation eintritt, müssen wir als humanitäre Organisation reagieren. So werden wir das auch bei der Wiederaufnahme der Arbeit in betroffenen Regionen handhaben. Stellen wir einen Bedarf an solcher Unterstützung fest, werden wir sie auch umsetzen, um die vom Konflikt betroffenen Gemeinschaften zu rehabilitieren und sicherzustellen, dass sie ihr normales Leben wieder aufnehmen können. Wir arbeiten mit und für die Menschen, deshalb müssen wir auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft hören.

Welche maßgeblichen Entwicklungen der Arbeit von Menschen für Menschen siehst du für die kommenden Jahre?

Wir halten zwar an unserem integrierten Ansatz fest, aber er muss sich mit den Gegebenheiten weiterentwickeln. Wir beobachten erhebliche demografische Veränderungen, wie zum Beispiel eine Zunahme an arbeitslosen Jugendlichen in ländlichen Gebieten. Diese sind teilweise gut ausgebildet, finden aber dennoch keine Arbeit. In Zukunft konzentrieren wir uns deshalb stärker darauf, diesen jungen Menschen Erwerbsmöglichkeiten zu eröffnen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Wasserversorgung. Hier werden wir vermehrt Tiefbrunnen bauen und Versorgungssysteme in Kleinstädten errichten, um mehr Menschen langfristig mit sauberem Trinkwasser zu versorgen.

Eine bedeutende Weiterentwicklung in diesem Zusammenhang ist die Förderung von Kleinstunternehmen anstelle des klassischen Mikrokreditprogramms. Was sind die Hintergründe dazu?

Das Mikrokreditprogramm war eines der erfolgreichsten Projekte mit höchst positiven Auswirkungen für die Teilnehmerinnen. Es hat aber unter anderem aufgrund der Inflation an Effektivität verloren. Das überarbeitete Programm sieht nun eine gruppenbasierte Unternehmensförderung vor, an der sich sowohl Frauen als auch Jugendliche beteiligen können. Das Programm schließt also mehr Personengruppen mit ein.

Kannst du dieses Programm von der Auswahl der Teilnehmenden bis zur Unternehmensgründung skizzieren?

In Grundzügen gleicht es bereits erprobten Maßnahmen, wie der Förderung von Kooperativen. Die Auswahl der Teilnehmenden erfolgt nach gewissen Kriterien, beispielsweise Arbeits- oder Mittellosigkeit. Wichtig ist auch, dass die Personen ortsansässig sind, da das Programm auf die wirtschaftliche Förderung der Region abzielt. Die Teilnehmenden schließen sich in Gruppen zusammen, um gemeinsam ihre eigene Geschäftsidee zu realisieren – zum Beispiel die Gründung einer Bäckerei, einer Autowerkstatt oder die Produktion von Hohlblocksteinen. Von Menschen für Menschen erhalten sie anschließend eine grundlegende unternehmerische Schulung, gegebenenfalls weitere, zum jeweiligen Vorhaben passende, Trainings sowie die notwendigen Betriebsmittel – etwa technisches Gerät, Rohstoffe oder Werkzeug. Die Gruppe wird als Unternehmen registriert und die örtlichen Behörden stellen etwa die Räumlichkeiten zur Verfügung.

Wie gesagt, spricht das Programm einen erweiterten Personenkreis an. So werden auch weiterhin Frauen gefördert, die sich in Gruppen zusammenschließen und eine gemeinsame Geschäftsidee umsetzen. Der Unterschied zu früher ist in diesem Fall, dass sie keinen Geldkredit mehr erhalten, sondern die Mittel und die Ausbildung, um ihr Unternehmen aufzubauen.

Wie wird die Nachhaltigkeit dieser Kleinstunternehmen sichergestellt?

Das sind Indikatoren, die an sich auf der Hand liegen: Erfolgreiche Unternehmen reinvestieren, schaffen Arbeitsplätze oder neue Geschäftszweige. Ich möchte ein konkretes Beispiel nennen: In der Region Arsi hat eine Gruppe mit unserer Unterstützung ein kleines Frühstücks-Restaurant eröffnet. Rasch hatten sie so viele Kundinnen und Kunden, dass sie jemanden in der Küche und im Service einstellen mussten und eine weitere Person, um die Einkäufe am Markt zu erledigen. Zusätzlich eröffneten sie ein kleines Geschäft, wo noch eine Person angestellt ist. Innerhalb von kürzester Zeit erwies sich das Restaurant als gewinnbringend und schuf gleichzeitig Arbeitsplätze für mindestens vier weitere Menschen.

Welche weiteren Entwicklungen siehst du als kritisch für die Arbeit von Menschen für Menschen an?

Der Klimawandel ist ein zunehmend kritisches Thema, dem wir uns stellen müssen. Ob mit Aktivitäten zur Eindämmung des Klimawandels, zur Anpassung an neue Gegebenheiten oder Bewusstseinsbildung: Maßnahmen in diesem Bereich werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Denn die Auswirkungen, wie Dürreperioden oder Überschwemmungen, werden häufiger und treffen die Menschen in den Gemeinden unmittelbar.

Das Interview führte Martina Hollauf vom Menschen für Menschen-Team Österreich im Mai 2024.
Portrait von Bahritu Seyoum

Zur Person

Bahritu Seyoum ist als Direktorin für Projektimplementierung im Projektkoordinierungsbüro von Menschen für Menschen in Addis Abeba tätig und Teil des vierköpfigen Management- Teams. In dieser Rolle verantwortet sie die Umsetzung der Maßnahmen in den Projektregionen. Bahritu Seyoum schloss einen Master of Business Administration in Nairobi ab, ehe sie 2006 bei Menschen für Menschen als Koordinatorin für Frauenprojekte einstieg.
Martina Hollauf von Menschen für Menschen

Martina Hollauf

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