
Corona-Tagebuch
Corona-Tagebuch 19.03.2020: Die Distanz wächst


Corona-Tagebuch
An dieser Stelle berichtet unser Kollege Henning Neuhaus regelmäßig über die Lage in Addis Abeba sowie unseren Projektgebieten und beschreibt, wie sich der Alltag in Äthiopien aufgrund des Virus verändert.
Henning Neuhaus, der zusammen mit Muluneh Tolesa für die PR-Arbeit von Menschen für Menschen in Äthiopien zuständig ist, lebt seit 2018 in Addis Abeba und ist dort einer von nur drei nicht-äthiopischen Mitarbeitern im Project Coordination Office (PCO). Der Großteil der MitarbeiterInnen des Büros in Addis Abeba arbeitet mittlerweile aus dem Homeoffice.
Henning Neuhaus, der zusammen mit Muluneh Tolesa für die PR-Arbeit von Menschen für Menschen in Äthiopien zuständig ist, lebt seit 2018 in Addis Abeba und ist dort einer von nur drei nicht-äthiopischen Mitarbeitern im Project Coordination Office (PCO). Der Großteil der MitarbeiterInnen des Büros in Addis Abeba arbeitet mittlerweile aus dem Homeoffice.
Die Distanz wächst
Lange Zeit war das neuartige Coronavirus für die Menschen in Äthiopien – wie für viele in Afrika – eine surreale Bedrohung – schwer greifbar, da es weit weg schien. Jedoch war vielen bewusst, dass es in unserer globalisierten Welt nur eine Frage der Zeit sein kann, bis das Virus nach Äthiopien kommt. Am Flughafen Addis Abeba, einem der Drehkreuze auf dem afrikanischen Kontinent, wurde schon Ende Januar damit begonnen die Körpertemperatur der Einreisenden zu messen.
Als sich die Lage in Europa Anfang März tagtäglich zuspitzte, wurden die Kontrollen am Flughafen verstärkt und Einreisende mussten einen Fragebogen über ihre vorigen Aufenthaltsorte ausfüllen. Diese Maßnahmen beschränkten sich jedoch nur auf den internationalen Flughafen. Wenn man diesen einmal verlassen hatte, war alles wie zu Zeiten vor COVID-19 in Äthiopien.
Als sich die Lage in Europa Anfang März tagtäglich zuspitzte, wurden die Kontrollen am Flughafen verstärkt und Einreisende mussten einen Fragebogen über ihre vorigen Aufenthaltsorte ausfüllen. Diese Maßnahmen beschränkten sich jedoch nur auf den internationalen Flughafen. Wenn man diesen einmal verlassen hatte, war alles wie zu Zeiten vor COVID-19 in Äthiopien.
Bedrohung durch Coronavirus wird immer realer
Das änderte sich, als die äthiopische Gesundheitsministerin Dr. Lia Tadesse Ende vergangener Woche bekannt gab, dass es nun auch in Äthiopien den ersten bestätigten Fall gibt. Ein japanischer Staatsbürger, der über Burkina Faso vier Tage zuvor nach Addis Abeba gereist war, wurde positiv getestet.
In den darauffolgenden Tagen bemerkte man, dass der Virus zu einer immer realeren Bedrohung wird. Besonders in den sozialen Medien wurde in der Landessprache Amharisch, aber auch auf Afaan Oromoo vermehrt darauf hingewiesen, sich die Hände regelmäßig und gründlich zu waschen und darüber informiert, welche Symptome das Virus mit sich bringt. Das öffentliche Leben ging weiter wie bisher, nur dass einige Leute nun Gesichtsmasken trugen.
In den darauffolgenden Tagen bemerkte man, dass der Virus zu einer immer realeren Bedrohung wird. Besonders in den sozialen Medien wurde in der Landessprache Amharisch, aber auch auf Afaan Oromoo vermehrt darauf hingewiesen, sich die Hände regelmäßig und gründlich zu waschen und darüber informiert, welche Symptome das Virus mit sich bringt. Das öffentliche Leben ging weiter wie bisher, nur dass einige Leute nun Gesichtsmasken trugen.
Kein Händeschütteln mehr bei Menschen für Menschen
Anfang der Woche verkündete die äthiopische Regierung, dass alle Schulen und Universitäten des Landes für 15 Tage geschlossen bleiben. Auch die christlichen und muslimischen Religionsführer appellierten, dass die Menschen Kirchen und Moscheen für ihre Gebete erst einmal meiden sollten. Inzwischen war die Zahl der positiv auf COVID-19 getesteten Menschen auf fünf gestiegen.
In unserem Büro verzichtet man auf gegenseitiges Händeschütteln. Die räumliche Distanz wächst. Genauso wie die Dunkelziffer der möglichen Infizierten. Im Netz steigerte sich die Anzahl der Beiträge mit sogenanntem “Awareness Content” von Seiten der Regierung, aber auch von Privatpersonen. Aber wie in Europa gibt es auch in Äthiopien viele Falschmeldungen und selbsternannte Experten versprechen durch krude Theorien Heilung oder gar Immunität.
In unserem Büro verzichtet man auf gegenseitiges Händeschütteln. Die räumliche Distanz wächst. Genauso wie die Dunkelziffer der möglichen Infizierten. Im Netz steigerte sich die Anzahl der Beiträge mit sogenanntem “Awareness Content” von Seiten der Regierung, aber auch von Privatpersonen. Aber wie in Europa gibt es auch in Äthiopien viele Falschmeldungen und selbsternannte Experten versprechen durch krude Theorien Heilung oder gar Immunität.
Straßen leerer, Minibusse voll
Heute ist der 19. März und es gibt in Äthiopien offiziell sechs positive Corona-Fälle. Einige Unternehmen und internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen und Nichtregierungsorganisationen wie Menschen für Menschen haben ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Dies geht aber selbstverständlich nur, wenn man eine Internetverbindung zu Hause hat.
Die Regierung teilt auf Twitter Fotos, auf denen öffentliche Anlagen zum Händewaschen und Desinfizieren zu sehen sind. Der Straßenverkehr ist etwas weniger geworden, was daran liegt, dass niemand seine Kinder in die Schule bringen muss.
Die Minibusse – das Hauptverkehrsmittel in Addis – sind aber nach wie vor bis zum letzten Platz gefüllt. Die Geschäfte haben alle geöffnet und Menschen stehen dicht gedrängt beieinander. Sie lachen und feixen, als wäre nichts. Einige tragen Schutzmasken. Zum Beispiel die Essenslieferanten, die ich aus dem Homeoffice anrufe.
Die Regierung teilt auf Twitter Fotos, auf denen öffentliche Anlagen zum Händewaschen und Desinfizieren zu sehen sind. Der Straßenverkehr ist etwas weniger geworden, was daran liegt, dass niemand seine Kinder in die Schule bringen muss.
Die Minibusse – das Hauptverkehrsmittel in Addis – sind aber nach wie vor bis zum letzten Platz gefüllt. Die Geschäfte haben alle geöffnet und Menschen stehen dicht gedrängt beieinander. Sie lachen und feixen, als wäre nichts. Einige tragen Schutzmasken. Zum Beispiel die Essenslieferanten, die ich aus dem Homeoffice anrufe.
“Social distancing” in Äthiopien kaum vorstellbar
Das Beunruhigende ist, dass das in Europa gepriesene “Social Distancing” in einem Land wie Äthiopien kaum umzusetzen ist. Dieses Land ist in allem das Gegenteil von sozialer Distanz: Man isst von einem gemeinsamen Teller das Essen mit den Händen. Man füttert sich gegenseitig als Zeichen des Respekts und der Freundschaft. Zur Begrüßung umarmt man sich und wenn man jemanden mag (egal ob Mann oder Frau), hält man auch gerne Händchen. Die Menschen teilen sich den Wohnraum und die Sanitäreinrichtungen. Ein Leben in sozialer Distanz ist für die meisten Menschen kaum vorstellbar. Alles ist sehr beunruhigend.
Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba
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