Abschlussgutachten

Unsere Arbeit in Merhabete wird evaluiert

Im Sommer 2009 schwärmten zwanzig Abiturienten und Studenten im Distrikt Merhabete aus. Viele der abgelegenen Höfe im Hochland erreichten sie nur auf Fußpfaden. Im Gepäck hatten die jungen Leute umfangreiche Bogen mit 180 Fragen an die Bauern: Hat die Familie das ganze Jahr über ausreichend zu essen? Gehen die Kinder zur Schule? Hat der Haushalt Ersparnisse? Hat die Familie Zugang zu sauberem Wasser? Zwei bis drei Stunden dauerte jede der Befragungen von insgesamt 487 Haushalten, die nach einem Zufallsverfahren ausgesucht wurden. Die wohl umfangreichste statistische Erhebung im ehemaligen Projektgebiet Merhabete war von Menschen für Menschen in Auftrag gegeben worden.

Im Konzept „Hilfe zur Selbstentwicklung“ in den integrierten ländlichen Entwicklungsprojekten ist ein zeitlicher Faktor inbegriffen; die Unterstützung soll ein Schwungrad in Gang setzen, das irgendwann selbst weiterläuft: Ende 2007 begann Menschen für Menschen, sich nach 15 Jahren intensiven Engagements mit zeitweise 100 eingesetzten Mitarbeitern aus dem Distrikt zurückzuziehen. Nur ein kleines Büro mit einer Handvoll Beschäftigten blieb zurück, um das noch nicht abgeschlossene Familienplanungsprogramm weiterzuführen und die Kommunen und die Distriktverwaltung dabei zu unterstützen, das Erreichte zu bewahren.

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„Mit der von uns beauftragten Studie wollten wir sehen: Sind wir auf dem richtigen Weg?“, erklärt Berhanu Negussie, Landesrepräsentant von Menschen für Menschen in Äthiopien: „Wie geht es den Menschen nach unserem Rückzug? Ist unsere Arbeit effektiv und nachhaltig?“ Die Ergebnisse der Studie sollten auch zeigen, ob Menschen für Menschen in neuen Projektgebieten manches anders und noch besser machen kann. Daneben sollte die Untersuchung einen Statusbericht für die öffentlichen Träger liefern, die nun allein für Merhabete in der Verantwortung stehen.

Die Ausschreibung für die Studie gewann das Büro von Kassaye Derseh. Der 57 Jahre alte Entwicklungsökonom aus Addis Abeba holte neben den befragenden Studenten auch Statistiker und Sozialwissenschaftler ins Boot. Die Ergebnisse des Forschungsteams lagen Anfang 2010 in einem Werk vor, das mit 170 Seiten sehr umfangreich ist. „Man kann sagen: Menschen für Menschen hat Geschichte geschrieben darin, eine Region zu verändern.“, zieht Kassaye Derseh im Interview sein grundlegendes Fazit. Zum einen sei es gelungen, die ökologische Degradation des Landstrichs aufzuhalten und umzukehren. Mithilfe von Erosionsschutzmaßnahmen, Terrassierungen und Bewässerungen wurde neues Ackerland gewonnen. Zahlreiche Indikatoren weisen auf eine erstaunliche Verbesserung der Lebensbedingungen hin. Zum anderen konstatiert der Bericht, dass nicht nur die Umwelt, sondern auch die Menschen verändert worden seien. Drei Viertel der Befragten gaben an, dass sie zuversichtlicher und mit mehr Selbstbewusstsein in die Zukunft blickten. „Marktmechanismen kamen in Gang“, berichtet der Ökonom. „Die Bauern kaufen Motorpumpen, um ihre Felder zu bewässern und mehr zu produzieren. Statt um Saatgut zu bitten, importieren sie es einfach. Zum Beispiel probieren sie neue Kartoffelsorten aus.“

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84 Prozent der Bevölkerung haben ihr Einkommen aus landwirtschaftlicher wie nicht landwirtschaftlicher Tätigkeit verbessert.

Einer der deutlichsten Indikatoren für die Produktivitätssteigerungen sei, dass der notorisch für Dürren anfällige Distrikt Merhabete seit 1995 keine Nothilfe mehr brauchte – und das, obwohl die Bevölkerung von 1992 bis 2007 um etwa ein Viertel auf 125.000 Menschen anwuchs. Angesichts der äußerst erfreulichen Ergebnisse könnten kritische Geister fragen, ob die Studie derart positiv ausfiel, weil Menschen für Menschen sie beauftragt hat. „Ganz gewiss nicht“, sagt Kassaye Derseh: „Die Gemeinde- und die Regierungsvertreter lesen die Studie genau. Meine Glaubwürdigkeit als unabhängiger Gutachter wäre zerstört, wenn ich nicht wissenschaftlich objektiv arbeiten würde.“

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75 Prozent der Kinder lernen an von Menschen für Menschen erbauten Schulen.

Außerdem gebe es durchaus verbesserungswürdige Aspekte, die im Bericht ausgeführt sind. Etwa seien die meisten Programme vor allem auf die Bauern zugeschnitten. Die Landlosen und andere Randgruppen profitierten zwar von neuen Brunnen, Gesundheitsstationen oder dem Straßenbau – es gelte aber, die Belange dieser Menschen noch stärker mit einzubeziehen. Daneben fordert das Gutachten neue Kooperationsmodelle mit Regierungsstellen. Es bestünde die Gefahr, dass Distriktbeamte in die Zuschauerrolle geraten. Um die Nachhaltigkeit der Projekte nach Rückzug der Äthiopienhilfe zu garantieren, müssten die Beamten sich mehr eingebunden und mitverantwortlich fühlen.

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91 Prozent der Menschen haben heute Zugang zu sauberem Wasser sowie Sanitäranlagen und sind über Hygienefragen informiert.

Die Hauptempfehlung bezieht sich auf die sozialwissenschaftliche Begleitung der Projekte. Zum Start eines neuen Projekts sollten umfangreiche Daten zur sozioökonomischen und naturräumlichen Situation erhoben werden, rät das Gutachten. Diese Daten könnten in wichtige Planungsinstrumente münden: Sie würden helfen, den genauen Bedarf und den Fortschritt zu analysieren und böten Möglichkeiten für verbesserte Erfolgskontrollen. Menschen für Menschen könnte noch besser als bisher die entscheidenden Lücken identifizieren, die eine Entwicklung der Projektregionen hemmen.

„Die Hinweise werden uns in unseren neuen Zielgebieten helfen“, betont Landesrepräsentant Berhanu Negussie. „In Merhabete starteten wir 1992 bei null, da waren aus unserer Sicht damals keine wissenschaftlichen Voruntersuchungen notwendig. Aber heute herrscht eine veränderte Situation im Land.“ Andere Organisationen und die Regierung hätten in neuen Zielgebieten bereits punktuell Hilfe geleistet. „Hier gibt es schon eine Schule, dort einen neuen Brunnen“, erklärt Berhanu Negussie. „Also werden wir künftig vor einer Intervention einen stärkeren Fokus auf die Erhebung der sozialwissenschaftlichen Basisdaten legen, um die Entwicklungslücken gezielt anzugehen.“ Doch Berhanu Negussie betont auch, dass die Wissenschaft kein Selbstzweck sein dürfe: „Wir erheben keine Daten, die wir nicht brauchen. Effizienz und praktische Hilfe sind für uns wie bisher auch das Maß der Dinge.“

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81 Prozent der Familien profitieren von medizinischen Vorbeugemaßnahmen und Behandlungen sowie von Aufklärungsaktivitäten.

Insgesamt sei er sehr zufrieden mit den Erkenntnissen des Gutachters, sagt Berhanu Negussie: „Es ist der Beweis, dass unsere integrierte ländliche Entwicklung der beste Ansatz zur Selbsthilfe ist.“ Zumal auch manche Kritik im Gutachten wie verstecktes Lob klingt: „Es wäre von höchster Wichtigkeit, umfangreicher über die Arbeit und die Erfolge zu informieren, damit die Öffentlichkeit sie begleiten kann und schätzen lernt“, heißt es etwa. Offenbar stellt Menschen für Menschen sein Licht zu sehr unter den Scheffel. Mehr Aufwand sollte auf die Verbreitung von Fallbeispielen und Erfolgsgeschichten gelegt werden, schreibt der Gutachter. Auch das ist eine Empfehlung, die laut Kassaye Derseh die künftige Arbeit von Menschen für Menschen erleichtern kann: nicht nur Gutes tun, sondern auch mehr darüber reden.

Meilensteine

  • 1988 Erste Evaluationen im Projektgebiet Merhabete
  • 1992 Umsetzung erster Maßnahmen
  • 1996 Erstes Kleinkreditprogramm für Frauen
  • 1998 Baubeginn der Zoma-Treppe
  • 2003 Eröffnung des Alem-Katema-Enat-Krankenhauses
  • 2006 Einweihung des Berufsbildungszentrums in Alem Katema
  • 2007 Schrittweiser Rückzug aus dem Projektgebiet
  • 2009 Abschluss des Projekts