Wie ein einziger Stier behinderten Menschen eine Zukunft gibt

Ohne eigenständiges Einkommen ist man dauerhaft abhängig von der Unterstützung anderer. Daher brauchen auch die Ärmsten der Armen eine Möglichkeit auf eigenen Beinen zu stehen.

Man merkt sofort, etwas Besonderes liegt in der Luft. Eine Gruppe Menschen hat sich beim Projektbüro von Menschen für Menschen versammelt. Es sind die Mitglieder der Bidfu Behindertenorganisation, die ihren Sitz in Kachisi, dem Hauptort von Ginde Beret hat. Die Gesichter strahlen vor freudiger Erwartung. Tolesa Lama, der Vertreter der Gruppe, spricht ein paar Begrüßungsworte und meint es sei ein ganz besonderer Tag. Der Blick in die Runde zeigt, dass das Leben für die Anwesenden nicht gerade leicht ist. Einigen von ihnen fehlen Körperteile wie Arme oder Beine oder sie sind eingeschränkt bewegungsfähig. Manche von ihnen können sich nur auf ihren Händen fortbewegen. Den täglichen Alltag zu bewältigen ist für die meisten eine große Herausforderung, da sie kaum oder nur wenig Unterstützung aus ihrem Umfeld haben. Ein Einkommen zu erzielen ist für diese Menschen fast unmöglich, da sie den üblichen Arbeiten als Bauer nicht nachgehen können. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig, als betteln zu gehen um zu überleben. Eine positive Perspektive für die Zukunft gibt es kaum.

 

Endlich eine Chance bekommen

Die Bifdu Behindertenorganisation besteht aus 36 Mitgliedern. Die Betroffenen versuchen gemeinsam ihr Schicksal zu meistern. Alle haben sich versammelt. Es wird aufgeregt getratscht und gelacht. Auch die Vertreterin der lokalen Behörde für Arbeit und Soziales, Gradis Ayena, die für diese Menschen offiziell zuständig ist, ist gekommen. Sie ist festlich gekleidet und man spürt, dass ihr der heutige Tag etwas bedeutet „Ich freue mich sehr, da es mir persönlich ein großes Anliegen ist, die Mitglieder der Bifdu Organisation zu unterstützen und auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit zu begleiten. Jeder Einzelne von euch ist Teil der Gesellschaft, was in unserer Region leider noch immer nicht selbstverständlich ist“, sagt sie in ihrer Ansprache. Dann endlich der Höhepunkt: Es erfolgt die Übergabe des Stiers. Das Tier schaut neugierig in Richtung seiner neuen Besitzer, für die er der Beginn einer besseren Zukunft ist. Das Tier wird künftig auf einem kleinen Grundstück der Behindertenorganisation gehalten, das ihnen von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt wurde. Dort wird es noch einige Monate mit Gras gemästet um es später mit Gewinn zu verkaufen. Der Stier wird ca. 10.000 Birr einbringen, also umgerechnet etwa 445 Euro: Ein kleines Vermögen für die Mitglieder der Behindertenorganisation. „Wir haben oft andere Organisationen um Unterstützung gebeten, da wir eigenständig leben und selbst Geld verdienen möchten. Leider ist nie etwas passiert, wir habe nie eine Chance bekommen unseren Traum zu verwirklichen,“ erzählt Tolesa Lama, der den Stier schließlich stolz entgegen nimmt. Die Freude ist ihm ins Gesicht geschrieben. „Es ist ein wichtiger erster Schritt in Richtung Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Wir möchten den Bullen verkaufen und später Schafe für eine Schafzucht kaufen.“

 

Erfolgreich mit eigenen Ideen

Einige Monate später zeigt sich bereits, dass die Gruppe mit ihren Plänen erfolgreich war. Durch den Verkauf des Bullen konnten Schafe und Hühner erworben werden. Es hat sich auch eine neue Geschäftsoption für die Organisation aufgetan, die den eingeschränkten Möglichkeiten der behinderten Menschen entgegenkommt. Sie werden vom Erlös der Hühner und Schafe eine Getreidemühle anschaffen, damit Menschen die aus den niedriger gelegenen Regionen Getreide mahlen können. „Nachdem unser Grundstück direkt bei der neuen Einfahrtsstraße nach Kachisi liegt, sind wir die erste Anlaufstelle und die Menschen ersparen sich den weiten Weg ins Stadtzentrum“, so der sichtlich stolze Tolesa Lama.

 

Unabhängigkeit ist wichtig für die Zukunft

„Es ist wichtig, dass diese Menschen auf eigenen Beinen stehen können“, erklärt uns Projektleiter Berhanu Bedassa. „Denn wenn wir das Projektgebiet verlassen, müssen auch sie selbstständig ein Einkommen erwirtschaften können. Sie gehören zu den Ärmsten der Armen. Wenn wir sie nur finanziell unterstützen, wären sie von unserer Hilfe abhängig und nach Abschluss unserer Arbeit in der Region noch viel schlechter gestellt als jetzt, da sie die Unterstützung ihrer Verwandten verloren haben. Ich bin sehr stolz auf diese Gruppe, denn sie haben eigene Ideen entwickelt, Engagement gezeigt und schaffen sich nun die langfristige Basis für ein Einkommen. Eine Getreidemühle ist eine tolle Idee. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass wir mit einem einzigen Stier das Leben von so vielen Menschen nachhaltig verändert haben.“

 

Helfen Sie mit und ermöglichen Sie mit ihrer Spende ein sicheres Einkommen für die Ärmsten der Armen!