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Großmutter mit Kind in Hütte in Äthiopien

Geschichten der Hoffnung und Inspiration

In der Hoffnung liegt die Zukunft

„Unser Erfolg wird an den Menschen gemessen“, sagte Landesrepräsentant Yilma Taye vor rund einem Jahr. Und mit großer Freude berichten wir genau darüber. Denn es sind nicht nur Geschichten von kleinen und großen Erfolgen, sondern vor allem Geschichten der Hoffnung und der Inspiration.

Jeder von uns trifft im Laufe seines Lebens auf Menschen, von denen wir einen Teil weiter mit uns tragen. Menschen, die uns in ihrer Art oder ihrem Tun inspirieren. Als Teil des Teams der Öffentlichkeitsarbeit von Menschen für Menschen in Österreich besuchen Alexandra Bigl und Martina Hollauf regelmäßig Äthiopien, wo sie Stunden um Stunden an Gesprächen mit den Familien führen: Die Basis für jedes Magazin oder jeden Flyer, den Sie von Menschen für Menschen erhalten. Am Ende einer Projektreise stehen aber nicht nur seitenweise Protokolle und tausende Fotos. Es sind oft kleine Momente und Begegnungen, die Eindruck hinterlassen. Von zweien davon möchten wir Ihnen gerne berichten.

Hobse - Frauenpower im äthiopischen Hinterland

von Alexandra Bigl
Bei einer Projektreise im Jahr 2013 hat mich eine Frau angesprochen, als ich gemeinsam mit unserem Projektleiter ein Landwirtschaftsprojekt besuchte. Sie hat mich zu sich nach Hause eingeladen und wollte mir unbedingt ihren Garten zeigen. Unser Tag war wie immer dicht gefüllt und für einen zusätzlichen Besuch fehlte uns die Zeit. Die quirlige Frau wich mehrere Stunden nicht von unserer Seite und beharrte so lange auf einem Besuch, bis wir endlich zustimmten und uns auf den Weg zu ihrem Zuhause machten. Damals wusste ich noch nicht, dass Hobse über die Jahre zu einer guten Bekannten mit einem eindrucksvollen Werdegang wird. 

Hobses großes Ziel

Bei ihrem Zuhause angekommen, führte Hobse uns ganz stolz durch ihren Garten. Sie wollte zeigen, wie sie in der Praxis umgesetzt hat, was sie im Hauswirtschaftskurs über Gemüseanbau gelernt hat. Mangold, rote Rüben und Karotten gediehen auf das Prächtigste. Ich lernte ihren Mann und einen Teil ihrer großen Kinderschar kennen. Sie lobte Menschen für Menschen in höchsten Tönen. Bei meinem nächsten Besuch einige Monate später präsentierte sie mir stolz einen holzsparenden Ofen, dessen Erwerb sie mit dem Gemüseverkauf finanziert hatte. Sie war überglücklich. Auch hatte sie sich Hühner einer ertragreicheren Rasse zugelegt und einen entsprechenden Kurs für Hühnerhaltung absolviert. Die Eier selbst waren eine wunderbare Nahrungsergänzung und durch deren Verkauf konnte das Familieneinkommen aufgebessert werden. Hobses großes Ziel: die Kinder sollen alle einen Schulabschluss erhalten und wenn möglich die Universität besuchen.
Familie in Äthiopien sortiert die Kaffee Ernte vor ihrer Hütte
Kaffee-Ernte im Hause Hobse: Der Muntermacher bringt Hobses Familie ein gutes Einkommen, das wiederum in die Bildung der Kinder investiert wird.

Nie zu spät für Bildung

Einige Jahre später führte mich mein Weg erneut zu Hobse. Als ich ihre mittlerweile sehr hübsche Lehmhütte betrat, fielen mir sofort die Bilder ihrer ältesten Kinder auf. Bilder von der Graduationsfeier der Universität. Ihr Stolz war groß, als ich sie darauf ansprach. Ihr Traum war wahr geworden. Sie selbst verdiente ihr Einkommen nach wie vor als Bäuerin im äthiopischen Hinterland. Als ich sie fragte, was sie denn heute durch ihre zahlreichen Aktivitäten verdiene, meinte Hobse: „Das kann ich dir ganz genau sagen. Ich habe es aufgeschrieben.“ Sie ging, um ein Buch zu holen. Ich war einigermaßen erstaunt, denn ich wusste, dass Hobse Analphabetin war. Als sie aus ihrem Buch vorlas, wie viele Kilo Karotten sie zu welchem Preis verkauft hatte, lächelte sie verschmitzt. Sie konnte meine Gedanken lesen und erklärte stolz: „Ich habe einen Alphabetisierungskurs gemacht und kann jetzt lesen und schreiben.“
Eine äthiopische Mutter zeigt auf Wandbild ihres Sohnes
Der Stolz einer Mutter: Hobse kann ihren Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen.
Die Tatkraft, der große Wunsch ihre Chancen zu nutzen und ihren Kindern Möglichkeiten zu bieten, die sie selbst nie hatte, haben mich an Hobse immer beeindruckt. Gleichzeitig ist sie eine unglaublich herzliche und witzige Frau, die ihre Familie über alles liebt. Sie hat viel erreicht und jeder Besuch bei ihr war eine große Inspiration, nämlich das Leben in die Hand zu nehmen und das Beste daraus zu machen.

Workene - Wie der Zufall so will

von Martina Hollauf
Äthiopische Frau vor Wand mit Zeitungen
In meinem Vorzimmer hängt ein Bild, das mich jeden Morgen daran erinnert, wie viel die Arbeit von Menschen für Menschen im Leben der Familien in Äthiopien verändert. Das Bild zeigt einen jungen Mann mit seiner Mutter. Gemeinsam sitzen sie vor einer mit Zeitungspapier tapezierten Wand. Ein Huhn tummelt sich im Vordergrund und auf einem verwitterten Holztisch stapeln sich Schulhefte, sorgfältig in bunte Schutzhüllen gepackt.
Äthiopische Frau vor Wand mit Zeitungen
Die Geschichte von Workene (eigentlich Tamiru) ist zugleich die seiner Mutter Darartu, die mithilfe des Mikrokreditprogramms – speziell für mittellose Frauen – ein erfolgreiches Geschäft aufgebaut hat.

Ein Huhn für ein Heft

Workene heißt der junge Mann, den ich vor neun Jahren während eines Projektbesuchs in Äthiopien kennengelernt habe, als er gerade auf dem Weg zum Markt war: In der Hand ein Huhn, das er ebendort verkaufen wollte. „Ich habe das Huhn selbst großgezogen und verkaufe es jetzt, damit ich mir Schulhefte leisten kann“, erzählt der damals 13-Jährige. Warum mich diese kurze Begegnung dazu bewogen hat, Workene ein paar Tage später zu besuchen, lässt sich heute nicht mehr sagen. Vermutlich war es – wie so oft während eines Projektbesuchs – einfach ein zufälliges Gefühl und der Wunsch, mehr über diesen einen Menschen zu erfahren. Bei Workene Zuhause erzählen vor allem die versammelten Nachbar:innen die Geschichte der Familie, denn Mutter Darartu ist auf dem Weg zum örtlichen Markt. Sie ist Witwe, lernen wir. Workenes Vater sei vor etwa einem Jahr verstorben. Fünf Geschwister gibt es noch, wobei die älteren Schwestern – 16 und 20 Jahre alt – bereits verheiratet sind und irgendwo in der Nähe von Addis Abeba leben. Da auch seine älteste Schwester bereits verwitwet ist, lebt Workenes kleine Nichte bei ihnen am Land.
Äthiopischer Junge mit Huhn in der Hand im Gespräch
Workene beim ersten Kennenlernen im Gespräch mit Girma Gemeda, zu dieser Zeit Leiter der landwirtschaftlichen Projekte.

Kreislauf durchbrechen

Mutter Darartu versucht die Familie so gut es geht zu versorgen. Gerade mal einen halben Hektar Land hat sie dafür zur Verfügung. Als Einkommensquelle stellt sie das traditionelle Getränk Tella her. Frauen wie Darartu haben in der Regel keine Möglichkeit, aus dem Kreislauf der Armut auszubrechen. Das hat zur Folge, dass ihren Kindern oft eine gute Ausbildung verwehrt bleibt und sie ebenfalls in diesem Kreislauf gefangen bleiben. Es ist eine Lebensgeschichte, die betroffen macht. Und auch ein wenig hilflos. Aber es wäre nicht Menschen für Menschen, wenn nicht für jede noch so scheinbar aussichtslose Situation eine Lösung gesucht werden würde. Und so werden nach diesem ersten Besuch bereits Ideen gesponnen und diskutiert, wie Frauen wie Darartu die Chance auf ein besseres Leben ermöglicht werden kann. Die Umsetzung ließ nicht lange auf sich warten und das Mikrokreditprogramm wurde erweitert, sodass auch Frauen, die wie Darartu über keinerlei Sicherheiten verfügen, sich in intensiv betreuten Mikrokreditgruppen zusammenschließen können.

Glaube an sich selbst

Nach anfänglicher Zögerlichkeit aus Angst zu versagen, beschloss Darartu schließlich, am Mikrokreditprogramm teilzunehmen. Der Rest ist sozusagen Geschichte – und eine sehr erfolgreiche noch dazu: Den Mikrokredit investierte sie in den Kauf eines Farmochsen und von Schafen, deren Nachkommen sie gewinnbringend verkauft. „Noch vor sechs Jahren war ich sehr arm und fühlte mich zu schwach, um etwas daran zu ändern. Dass ich es so weit schaffen kann, hätte ich niemals gedacht“, erinnert sich Darartu während einem meiner letzten Besuche, bei dem ich auch das neue Haus bewundern durfte – inklusive Blechdach, ein Luxus von dem Darartu früher nur träumen konnte. Es ist ein Haus, das nicht nur von ihrem Erfolg zeugt, sondern in das Darartu auch viel Hoffnung legt. Denn dort möchte sie ihr erstes eigenes Geschäftslokal einrichten.
Äthiopischer Mann mit lebendem Huhn in der Hand
Sechs Jahre nach dem ersten Treffen ist aus dem schüchternen Buben ein junger Mann mit Humor geworden. Mittlerweile studiert Workene im zweiten Jahr an der Mattu Universität.
Und was wurde aus Workene? Der heißt eigentlich Tamiru, lerne ich viel zu spät, als er mir voll stolz sein Abschlusszeugnis zeigt. „Workene ist eigentlich nur ein Spitzname, bei dem mich die Leute hier im Dorf rufen“, lacht er und hält demonstrativ ein Huhn in die Kamera, um mich daran zu erinnern, dass auch er unsere erste Begegnung nicht vergessen hat.

Die Autorinnen

Alexandra Bigl

Alexandra Bigl ist seit 2009 Teil des Menschen für Menschen-Teams in Österreich. Im vergangenen Jahrzehnt hat Alexandra die Organisation als Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit und seit 2017 als Vorstand von Menschen für Menschen maßgeblich mitgestaltet. Sie kennt alle unsere Projektgebiete von Anfang an. Inspiration findet sie regelmäßig im intensiven und fruchtbaren Austausch mit den Menschen und Kolleg:innen in unseren Projektregionen.

Martina Hollauf

Seit 2011 ist Martina Hollauf für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Menschen für Menschen Österreich tätig. Bei regelmäßigen Presse- und Recherchereisen führt sie zahlreiche Gespräche mit den Menschen in Äthiopien und bereitet diese für unsere Unterstützer:innen auf. Wenn Sie einen Artikel in einem unserer Nagaya-Magazine lesen, stehen die Chancen gut, dass dieser nicht nur von Martina verfasst, sondern auch vor Ort in Äthiopien recherchiert wurde.

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Mutter mit Huhn im Arm und ihren zwei Kindern in Äthiopien
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