Wie eine Bäuerin ein Krankenhaus baut

Als sie 12 Jahre alt war wurde Wubayehu verheiratet, das erste von sechs Kindern folgte kurz darauf. Eigentlich war ihr Schicksal schon geschrieben. „Die Zeichen standen nicht sehr gut“, erzählt die 40-Jährige bei unserem Besuch. Doch das Blatt wendete sich mit einem Kleinkredit und die fleißige Frau schuf das Fundament für den eigenen Erfolg und den ihrer Kinder: Ihr Sohn betreibt heute eine Apotheke und eine kleine Klinik unweit seines Heimatdorfs.

„Hinter meinem Erfolg steht die Unterstützung meiner Mutter und hinter ihr steht Menschen für Menschen.“ Abiy Worku, Apotheker in Merhabete

25 Birr (umgerechnet ca. 1 Euro) zahlen die Patienten von Abiy Worku für die Untersuchung in der kleinen Klinik, die der 28-jährige in Rema betreibt. „Sieben Patienten haben wir am Morgen bereits untersucht, aber an Markttagen wie heute werden es sicher noch mehr.“ Worüber die meisten Menschen in der Region klagen? „Lungenentzündung, Malaria und Typhus sind die häufigsten Diagnosen“, erzählt der junge Mann, der in dem Dorf sozusagen den fehlenden Arzt ersetzt.

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Vor gerade mal drei Monaten hat Abiy die kleine Klinik eröffnet, wo neben seiner Frau noch eine weitere Krankenschwester arbeitet, und hat damit eine wichtige Lücke in dem Dorf geschlossen. Angefangen hat alles mit einer Apotheke, die Abiy im vergangenen September eröffnete: „Ich komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Alem Ketama, dort gibt es unter anderem eine Klinik und Gesundheitszentren, die Versorgung ist also absolut ausreichend. Deshalb habe ich beschlossen, hier in Rema eine Apotheke zu eröffnen. Zwar gibt es bereits eine kleine Apotheke und auch Gesundheitsmitarbeiter der Gemeinde sind hier tätig, aber alles in allem herrschte hier noch Bedarf an Gesundheitsversorgung.“

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Dieser Bedarf hält den jungen Mann im weißen Kittel auch schwer beschäftigt, denn obwohl die Klinik festgelegte Öffnungszeiten hat, bieten er und seine Angestellten de facto einen 24-Stunden Service an. Diesen möchte Abiy auch weiter ausbauen und künftig auch Entbindungen durchführen. „Ich werde dafür meiner Angestellten eine zusätzliche Ausbildung in Addis Abeba ermöglichen“, erzählt Abiy von den Zukunftsplänen, die aber auch dann noch lange nicht zu Ende gedacht sind: „Irgendwann möchte ich ein Krankenhaus bauen. Dort wo es benötigt wird.“ Durch seinen Verdienst rückt dieser Traum in greifbare Nähe, denn abzüglich aller Kosten bleiben Abiy am Ende des Monats rund 12.500 Birr (etwa 520 Euro). „Hinter meinem Erfolg steht die Unterstützung meiner Mutter und hinter ihr steht Menschen für Menschen“, fasst Abiy in kurzen Worten seine Erfolgsgeschichte zusammen.

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Zuhause bei seiner Mutter Wubayehu Belew wird offensichtlich, welch weiten Weg Abiy zurücklegen musste: ihr Hof liegt unweit der Hauptstadt Alem Ketama, ein unfreundlich dreinschauender Bulle bewacht den Eingang, dahinter macht sich aber Herzlichkeit breit. Wubayehu bittet zu selbstgebackenem Brot und frisch gepflückten Orangen aus dem Garten. Dazu gibt es köstlichen Kaffee, der ebenfalls im Hinterhof wächst. Anders als in der Gegend üblich, ist das Haus aus Stein gebaut und sogar die Kinder haben ein eigenes kleines Haus für sich allein.

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Dass hier eine fortschrittliche und erfolgreiche Familie wohnt, daran bleibt kein Zweifel. „Das alles haben wir Menschen für Menschen zu verdanken“, erzählt Wubayehu enthusiastisch, „ich wurde mit zwölf Jahren verheiratet, die Zeichen standen also nicht sehr gut. Früher mussten wir unser Auskommen als Bauern finden, aber wir hatten nur einen Ochsen, um die Felder zu pflügen. Ohne die Hilfe von Menschen für Menschen hätten wir ein sehr schweres Leben gehabt.“ Schon zu Beginn der Arbeit der Organisation in der Region haben sich Wubayehu und ihr Mann Worku Baye an vielen Projekten beteiligt. Die Errichtung eines Steinhauses war nur eines davon. Als 1996 dann mit dem Kreditprogramm für Frauen begonnen wurde, hat Wubayehu sofort die Gelegenheit ergriffen: „Vom ersten Kredit haben wir einen zweiten Ochsen gekauft und ein kleines Stück Land gemietet. Wir hatten gleich eine bessere Ernte und konnten uns vom Gewinn einen Esel kaufen.“

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Schritt für Schritt hat sich die Familie so aus der Armut befreit und konnte ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen. „Die Kosten für Abiys Ausbildung zum Apotheker lagen bei 400 Birr im Monat“, erzählt Wubayehu nicht ohne Stolz, als sie auf das Foto von der Abschlussfeier ihres Sohnes zeigt. Auch bei ihren anderen Kindern legt sie großen Wert auf eine gute Ausbildung: zwei haben einen höheren Abschluss, drei gehen derzeit noch zur Schule.

„Ich habe sechs Kinder. Ich wünschte ich hätte schon früher etwas über Familienplanung gewusst und wäre nicht ständig schwanger gewesen, dann hätte ich meinen Mann besser unterstützen können.“

„Früher musste ich meinen Mann wegen jeder Kleinigkeit um Geld bitten“, erläutert Wubayehu die einstige Abhängigkeit, „zwar ist mein Mann sehr bescheiden, aber seit ich am Kreditprogramm teilnehme, hat sich unser Verhältnis weiter verbessert. Wir entscheiden alles gemeinsam.“ So zum Beispiel auch über die Verwendung des letzten Kredites, den sie aufgenommen haben. Denn Kreditprogramme von Menschen für Menschen sind keine einmalige Sache: sobald eine Kreditgruppe ihren ersten Kredit abgewickelt hat, agiert sie unabhängig von der Hilfsorganisation.

Gruppenmitglieder wie Wubayehu entscheiden darüber, wer den nächsten Kredit ausbezahlt bekommt und ob neue Mitglieder aufgenommen werden. Organisiert sind die Kleingruppen in Kreditgesellschaften. Wubayehus hatte anfangs 200 Mitglieder, fast zwanzig Jahre später sind es noch immer 125 Frauen, die mithilfe der Kreditgesellschaft ihre Träume und die ihrer Kinder verwirklichen können und damit zur Entwicklung der Region weiterhin beitragen. Wie Wubayehu, die ihrem Sohn bei der Eröffnung seiner Apotheke unter die Arme gegriffen hat. Die einstige Kleinstbäuerin, die bereits mit 12 Jahren verheiratet wurde, hat also heute, 28 Jahre später, die Gesundheitsversorgung eines ganzen Dorfes verbessert.

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Wubayehu Belew und ihr Mann Worku Baye leben in der ehemaligen Projektregion Merhabete. Die Projektarbeit wurde hier Ende 2009 abgeschlossen. Anfang 2015 führte die Beratungsorganisation FAKT eine Evaluierung durch, um festzustellen, wie nachhaltig die Arbeit von Menschen für Menschen ist. Das Ergebnis der Studie gibt es hier zu lesen >>

 

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