Corona-Tagebuch 20.04.2020: „Zu Ostern war dieses Jahr alles anders.“

An dieser Stelle berichtet unser Kollege Henning Neuhaus regelmäßig über die Lage in Addis Abeba sowie unseren Projektgebieten und beschreibt, wie sich der Alltag in Äthiopien aufgrund des Virus verändert.
Henning Neuhaus, der zusammen mit Muluneh Tolesa für die PR-Arbeit von
Menschen für Menschen in Äthiopien zuständig ist, lebt seit 2018 in Addis Abeba und ist dort einer von nur drei nicht-äthiopischen Mitarbeitern im Project Coordination Office (PCO). Der Großteil der MitarbeiterInnen des Büros in Addis Abeba arbeitet mittlerweile aus dem Homeoffice.

43,5 Prozent aller Äthiopier sind orthodoxe Christen, für sie ist Ostern das wichtigste religiöse Fest des Jahres. Mit dem gestrigen Ostersonntag endete die knapp zweimonatige Fastenzeit, in der sich die Gläubigen ausschließlich vegan ernähren. An Ostern wird das Fasten gebrochen und die, die es sich leisten können, kommen mit der ganzen Großfamilie zusammen und feiern ausgiebig.

Doro Wot – das traditionelle Festessen

Es ist nicht unüblich, ein Schaf, eine Ziege oder als ganze Nachbarschaft sogar einen Ochsen zu schlachten. Was aber bei keinem äthiopischen Osterfest fehlen darf, ist „Doro Wot“. Ein scharfer Hühnereintopf, der zusammen mit dem traditionellen Brot „Injera“ gegessen wird. Wenn man üblicherweise am Ostersonntag durch Addis läuft, fällt nicht nur auf, dass die Menschen sich in ihrer besten Festtagskleidung herausgeputzt haben, sondern dass sie diesen so wichtigen Tag in vollen Zügen genießen.

Ostergottesdienst im Fernsehen

Anders in diesem Jahr. Die mehr als 100 bestätigten Infektionen durch Covid-19 in Äthiopien hatten die Regierung dazu veranlasst, die Bevölkerung zu ermahnen, das diesjährige Osterfest im kleinen Kreis daheim zu feiern. Dass diese Mahnung nicht nur eine Floskel war, sah ich am Karfreitag, als ich durch die Stadt fuhr: Vor jeder Kirche standen Polizisten und die sonst immer geöffneten Kirchentore waren verschlossen. Stattdessen wurde der Gottesdienst im Fernsehen übertragen.

Volle Märkte, Feiern im kleinen Kreis

Ein anderes Bild auf dem Markt: Ich fuhr an einem der größeren Wochenmärkte vorbei und war überrascht, wie viele Menschen dabei waren, ihren Ostereinkauf zu erledigen. Auf den Bürgersteigen wurden Hühner, Ziegen und Gemüse angeboten. Es ist klar, dass dabei die Abstandsregeln nicht immer eingehalten werden können. Doch anders als in Europa kann man hier nicht einfach in den Supermarkt gehen, um für die Feiertage einzukaufen.

Das Leben eines Großteils der äthiopischen Bevölkerung ist im Alltag nicht einfach, geschweige denn besonders komfortabel, sondern von vielen Hürden und Unannehmlichkeiten gekennzeichnet. Das Osterfest ist davon eine der wenigen Ausnahmen.

Ruhiger Ostersonntag

Trotzdem hielten sich die Menschen zum größten Teil an die Vorgabe, die Feierlichkeiten am Ostersonntag nur im kleinen Familienkreis zu begehen. Am Ostersonntag war es wie erwartet sehr ruhig in Addis. Nur da und dort gingen Leute in Festtagskleidung spazieren, Autos waren kaum unterwegs. Ich war überrascht, dass der kleine Kiosk in meiner Straße geöffnet hatte. Surafel, der Besitzer, saß dort mit seinen Kumpels und trank das selbstgebraute Bier „Tella“. Da Gastfreundschaft in Äthiopien ein hohes Gut ist, konnte ich sein Angebot, ein Glas von dem Gebräu zu trinken, nicht ablehnen.

Surafel, Besitzer meines Stamm-Kiosks, ist dieses Ostern von seiner Familie getrennt. Dafür hält er seinen Kiosk offen, um zumindest ein wenig das Osterfest genießen zu können.

Getrennte Ostern

Surafel erzählte mir, dass seine Frau bei ihrer Familie Ostern feiert, und dass es das erste Mal in ihrer Ehe ist, dass sie nicht zusammen Ostern feiern. „Wir in Äthiopien sind sehr gläubige Menschen und Ostern ist das wichtigste Fest des Jahres“, sagte mir Surafel. „Das Coronavirus kann uns das nicht nehmen.“ Und sein Kumpel Fekadu pflichtete ihm bei: „Anstatt mit der Großfamilie und mit allen Freunden, feiern wir dieses Jahr im kleinen Kreis. Aber Corona kann uns nicht besiegen, denn Gott ist auf unserer Seite!“

Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba

Arzt mit Mundschutz behandelt Patienten in Äthiopien

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