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Nagaya Magazin 2/2020

Gesundheit für alle, alles für die Gesundheit

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  •  Gesamtpaket Gesundheit – Verbesserungen durch vielfältige Maßnahmen
  • Covid-19 in Äthiopien – Ein persönlicher Vor-Ort-Bericht
  • Wunderheiler und Heilpflanzen – Ein Blick in die alternative Medizin 

Gesundheit für alle, alles für die Gesundheit

„Halten Sie Distanz, berühren Sie nicht Augen, Nase und Mund, husten und niesen Sie in die Armbeuge und waschen Sie Ihre Hände häufig!“ So lauten die offiziellen Empfehlungen der österreichischen Behörden, um sich und seine Mitmenschen vor der Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus zu schützen.

Ein lächelnder Mann mit Bart schaut in die Kamera.

Obst und Gemüse liefern den Menschen wichtige Vitamine. Baumsetzlinge und Saatgut verbessern also langfristig nicht nur das Einkommen, sondern vor allem die Gesundheit.

Abstand halten und häufiges Händewaschen sind einfach umsetzbare Empfehlungen, möchte man meinen. Doch was, wenn der Gang zum überfüllten Markt der einzige Weg ist, ein kleines Einkommen zu erwirtschaften, weil man keinerlei Rücklagen hat? Oder wenn es kein Wasser gibt, um sich die Hände zu waschen? Zwischen 10 und 20 Liter Wasser hat ein Mensch im ländlichen Äthiopien im Schnitt täglich zur Verfügung. Wasser, das viel zu häufig aus verschmutzten Rinnsalen kommt.

Neun von zehn Menschen wie Worki

Nur jeder zweite Mensch in Äthiopien hat überhaupt Zugang zu sauberem Trinkwasser – in den Projektregionen von Menschen für Menschen meist noch viel weniger. Zum Beispiel in jenen Gemeinden in Jeldu, wo vor drei Jahren die Projektarbeit begann: nur einer von zehn Menschen hatte dort Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die 50-jährige Worki und ihre Familie gehören zu den anderen neun Menschen. Jene Mehrheit, die wie Worki und Stieftochter Teju täglich drei Mal zu einem kleinen Tümpel geht, um mühsam Wasser von der Oberfläche abzuschöpfen. Damit zumindest nicht der Schlamm im Kanister landet.

„Ich bin gezwungen unser Wasser von dieser ungeschützten Stelle hier zu holen“, berichtet Worki, „Besonders für ältere Frauen wie mich ist das sehr beschwerlich. Das Wasser ist verschmutzt, es ist voll Würmer und Krankheiten lauern darin. Wir führen kein gutes Leben, wenn wir dasselbe Wasser trinken wie die Tiere.“ 40 Liter verbraucht die sechsköpfige Familie jeden Tag. Natürlich würde der Bedarf viel höher sein, aber die Umstände zwingen Worki, ihren Mann Atomsa und die Kinder zum Sparen – nicht mal sieben Liter darf jedes Familienmitglied täglich verbrauchen. Zum Vergleich: In Österreich spült jeder von uns täglich gut 30 Liter Wasser das Klo hinunter.

Großprojekt Wasserversorgung

Dass der fehlende Zugang zu sauberem Wasser einfache Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen schlicht unmöglich macht, ist logisch. Aber veränderbar. Und genau auf diese Veränderung freut sich Worki bereits. Denn in ihrem Heimatort Boni errichtet Menschen für Menschen ein Wasserversorgungssystem – vor knapp einem Jahr wurde das Großprojekt begonnen, bei dem in etwa 2,5 Kilometern Entfernung eine Wasserbohrung bis in 160 Meter Tiefe vorgenommen wurde. Schritt für Schritt wurde in den Folgemonaten weitergebaut, mittlerweile ist das Projekt im wahrsten Sinne vor Workis Haustür angekommen.

Dort verpassen bei unserem Besuch zwei Handwerker einer der insgesamt 14 Entnahmestellen den letzten Schliff – unter dem prüfenden Blick von Bauleiter Akale: „Wir hätten zwar noch das ganze Jahr Zeit das Projekt abzuschließen, aber ich habe mir das Ziel gesetzt in drei Monaten fertig zu sein“, zeigt sich Akale optimistisch. Sehr zur Freude von Menschen für Menschen-Projektleiter Gebeyehu, der ebenfalls seinen kritischprüfenden Blick auf jeden einzelnen Bauabschnitt wirft. „Wir warten derzeit noch auf die Lieferung der Rohre. Wenn alles fertiggestellt ist, wird jede dieser Entnahmestellen rund 270 Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgen“, erklärt Gebeyehu, während Worki das Treiben vor ihrem Haus mit etwas Skepsis verfolgt:„Ich bin euch so dankbar, dass ihr euch unserer Situation angenommen habt“, sagt Worki. „Ich kann es aber immer noch nicht glauben. Passiert das wirklich? Werden wir wirklich bald sauberes Wasser haben? Das wäre ein Traum, der endlich wahr wird!“

Drei Männer bauen einen Brunnen. Eine Frau spricht mit dem Bauleiter.

Workis Traum wird bald Wirklichkeit: Vor ihrem Haus wird eine von 14 Entnahmestellen des neuen Wasserversorgungssystems im Städtchen Boni errichtet. Im Gespräch mit Bauleiter Akale informiert sie sich über den Baufortschritt.

Werden Wunder Wirklichkeit

Nur ein paar Straßen weiter wird ein anderer Traum vieler Menschen in Boni Wirklichkeit: Dort wird eifrig an der Renovierung und Erweiterung eines Gesundheitszentrums gearbeitet, das in der Region als erste Anlaufstelle zur Vorsorge und im Krankheitsfall zur Verfügung stehen wird. Eine wichtige Maßnahme, um die Gesundheitsversorgung in der Region langfristig zu verbessern.

Fährt man rund drei Stunden über Schotterpisten weiter ins Land hinein, gelangt man nach Abune Ginde Beret, wo Menschen für Menschen seit 2012 tätig ist. In der Region war die Lage damals noch ähnlich wie in Jeldu: Acht von zehn Menschen hatten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, die Menschen litten schwer unter Würmern und anderen Krankheiten, die vom ungeschützten Wasser hervorgerufen wurden. Heute, nach acht Jahren Projektarbeit, sieht die Situation um ein Vielfaches besser aus: 117 Handpumpbrunnen und Quellfassungen wurden in der Region, die etwa halb so groß ist wie Vorarlberg, errichtet.

Ein Arzt führt eine Augenuntersuchung durch.

Menschen für Menschen-Mitarbeiter Wondwosen untersucht beim neuen Gesundheitszentrum von Sombo Walliso viele Augenpaare.

WERDEN TRÄUME WAHR

Eine dieser Quellfassungen versorgt die Familie der frisch gebackenen Mutter Chuche mit sauberem Trinkwasser. Sie hat sich mit ihrem Töchterchen Bontu ein schattiges Plätzchen vor dem Gesundheitsposten in Gago Bite gesucht und berichtet von den Veränderungen, die das saubere Wasser gebracht hat: „Die Esel und Hunde hinterließen in der offenen Wasserstelle ihr Geschäft. Das Wasser hat meist schlecht gerochen und war stark verschmutzt. Meine Kinder hatten deshalb oft Bauchschmerzen. Jetzt ist das zum Glück vorbei und sie haben keine Schmerzen und auch keinen Durchfall mehr. Wir fühlen uns jetzt sicher, wenn wir das Wasser trinken.“ Chuche ist heute zum Gesundheitsposten gekommen, um Bontu impfen zu lassen. Damit das auch in einer solch entlegenen Region möglich ist, stattet Menschen für Menschen-diese kleinen Gesundheitsposten mit notwendigem Material aus und unternimmt Schulungen für das Gesundheitspersonal, das in Gemeinden wie Gago Bite den Hausarzt ersetzt. Auch Solarkühlschränke werden installiert, um eine ordnungsgemäße Lagerung von Impfstoffen und Medikamenten zu gewährleisten.

SAUBERES WASSER VERÄNDERT ALLES

Zusätzlich führen geschulte MitarbeiterInnen von Menschen für Menschen-Operationen durch, die im Endstadium der bakteriellen Augenentzündung notwendig werden, um die Betroffenen vor der Erblindung zu bewahren. Dieses Krankheitsrelikt aus alter Zeit – noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Trachom auch in Europa weit verbreitet – lässt sich eigentlich mit einfachen Maßnahmen verhindern. In erster Linie durch verbesserte Hygienemaßnahmen, wie der Errichtung von geschlossenen Latrinen und dem regelmäßigen Waschen des Gesichts. Auch Erkrankungen wie Wurmbefall, der vor allem für Babys, Kleinkinder und ältere Menschen lebensbedrohlich werden kann, ist auf die fehlende Versorgung mit sauberem Trinkwasser zurückzuführen. Neben der Linderung von Symptomen müssen also die Krankheitsursachen bekämpft werden. Das heißt: Der Bau von Brunnen und Quellfassungen ist unbedingt notwendig, um die Gesundheit der Menschen nachhaltig zu verbessern. Gerade die aktuelle Coronakrise zeigt auf, wie wichtig der Zugang zu sauberem Wasser ist, um grundlegende Hygienemaßnahmen durchzuführen und die Verbreitung von Krankheiten zu verhindern.

In Kochkursen lernen die Frauen die richtige Zubereitung des neuen Gemüses. Rote Rüben, Karotten, Kohl und Co. liefern wichtige Vitamine für ein starkes Immunsystem.

NACHAHMER GESUCHT UND GEFUNDEN

Neben dem Zugang zu sauberem Trinkwasser, Hygienemaßnahmen und einer besseren Gesundheitsversorgung gibt es aber noch einen weiteren Punkt, der sich langfristig positiv auf die Gesundheit der Menschen auswirkt: Eine ausreichende, ausgewogene Ernährung. „Bevor ich mit Menschen für Menschen zusammengearbeitet habe, aßen wir jeden Tag nur Shiro und den hier üblichen Blattkohl“, berichtet die Witwe Kanani, die wohl den schönsten Obstgarten der Region geschaffen hat. „Jetzt haben wir verschiedenes Gemüse und Früchte und damit einen viel abwechslungsreicheren Speiseplan. Ich hatte früher oft Probleme mit dem Magen. Seit ich Papayas und Äpfel esse, geht es mir um so vieles besser!“ Kanani hat schon früh an landwirtschaftlichen Trainings von Menschen für Menschen teilgenommen. Heute kann sie sich und ihre Familie nicht nur aus dem eigenen Garten versorgen, sie ist auch in der Lage anderen Tipps zu geben. Erst letztes Jahr hatte sie ein gutes Dutzend Bauern aus der Projektregion Jeldu zu Gast, die am Erfahrungsschatz der Bauern und Bäuerinnen in Ginde Beret teilhaben sollten. Am Hof von Kanani verschlägt es ihnen die Sprache und nachdem jeder von ihnen nach dem Besuch noch einen Apfel in die Hand gedrückt bekommt, sind sie sich sicher: Das wollen wir auch. Im Ort Boni wird es also neben einem Gesundheitszentrum und sauberem Trinkwasser wohl auch bald die ersten Äpfel am Markt geben. Für eine bessere Gesundheit und ein besseres Leben.

Martina Hollauf

E-Mail: m.hollauf@mfm.at
Tel.: +43 (0)1 58 66 950-16
Mobil: +43 (0)664 184 33 22

Ausgabe 3/2020

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Zwei Mädchen sitzen in einem dunklen Klassenzimmer und lächeln in die Kamera

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