Corona Tagebuch

Corona-Tagebuch 23.03.2020: Warum „Social Distancing“ ein Problem ist

Corona-Tagebuch

An dieser Stelle berichtet unser Kollege Henning Neuhaus regelmäßig über die Lage in Addis Abeba sowie unseren Projektgebieten und beschreibt, wie sich der Alltag in Äthiopien aufgrund des Virus verändert.
Henning Neuhaus, der zusammen mit Muluneh Tolesa für die PR-Arbeit von Menschen für Menschen in Äthiopien zuständig ist, lebt seit 2018 in Addis Abeba und ist dort einer von nur drei nicht-äthiopischen Mitarbeitern im Project Coordination Office (PCO). Der Großteil der MitarbeiterInnen des Büros in Addis Abeba arbeitet mittlerweile aus dem Homeoffice.

Warum „Social Distancing“ ein Problem ist

Spätestens als am Donnerstagabend von der äthiopischen Regierung verkündet wurde, dass alle Bars und Nachtclubs wegen der Corona-Krise auf unbestimmte Zeit schließen sollen, wurde mir endgültig klar, dass die kommenden Wochenenden etwas ruhiger sein werden. Das Wochenende zuvor war ich noch bei einer kleinen Gartenparty bei Freunden eingeladen. Schon zu diesem Zeitpunkt war uns bewusst, dass dies unser letztes Zusammentreffen in großer Runde für eine unbestimmte Zeit sein wird.

Mehr Tests durch Spende möglich

Inzwischen haben wir in Äthiopien elf bestätigte Fälle und es ist zu erwarten, dass die Zahl weiter steigen wird. Das liegt unter anderem daran, dass Jack Ma, der reichste Mann Chinas, 10.000 Testkits an Äthiopien gespendet hat und diese am Sonntag hier in Addis eingetroffen sind. Da nun mehr Menschen einfacher auf das Virus getestet werden können, glauben viele somit ein realeres Lagebild zu erhalten.

Händewaschen alleine reicht nicht

In den sozialen Medien häufen sich auch die Beiträge, die über die Wichtigkeit des Händewaschens informieren. Allerdings wurde ich am Wochenende das Gefühl nicht los, dass viele Menschen hier in Äthiopien immer noch glauben, dass saubere Hände allein das Wichtigste sind, um sich vor einer COVID-19-Infektion zu schützen. Das ist meiner Meinung nach ein sehr gefährlicher Trugschluss.

Problem „Social Distancing“

Die Problematik ist das „Social Distancing“, also Abstand zu Mitmenschen halten, weil es der äthiopischen Kultur komplett widerspricht. Zwar ist es schön, auf Twitter oder Instagram zu sehen, wenn Gläubige vor einer Kirche beim Beten Abstand halten oder wenn vor Busstationen Abstandsmarkierungen auf dem Boden zu sehen sind. Doch solche Ansätze gibt es noch zu wenige und erst heute hat Premierminister Abyi Ahmed abermals auf die Notwendigkeit des „Social Distancing“ hingewiesen.
Bodenmarkierungen sollten das „Social Distancing“ vor einem kleinen Laden in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba ermöglichen.

Ich mache mir selbst ein Bild

Weil wir in unserer Wohngemeinschaft kein Obst und Gemüse mehr hatten, beschloss ich am Samstag in die Stadt zu fahren, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen. Es war wieder deutlich weniger auf den Straßen los und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass die Leute es mit der sozialen Distanz langsam ernst nehmen. Wenige Autos und noch weniger Fußgänger prägten an diesem Tag das Stadtbild.

Gedränge im Gemüseladen

Vor jedem Geschäftsgebäude heißt es nun Hände waschen oder desinfizieren. So war es auch bei dem Obst- und Gemüseladen, den ich ansteuerte. Auf Anordnung des Wächters vor dem Geschäft, wusch ich meine Hände mit reichlich Seife und betrat den Laden. Was ich dort vorfand war allerdings kein „Social Distancing“, sondern dichtes Gedränge. Zwar trugen alle Angestellten in dem Geschäft einen Mundschutz, jedoch machte ich mir mehr Sorgen um die anwesenden Kunden auf engem Raum. Mit vollen Einkaufstaschen und einem unwohlen Gefühl im Bauch verließ ich das Geschäft.

„Social Distancing“: Ein Privileg?

Wieder zu Hause angekommen, machte ich mir weiter Gedanken um das Thema „Social Distancing“ in Äthiopien. Mir wurde immer mehr klar, dass dies ein Privileg von wenigen Menschen ist, die es sich leisten können, sich sozial zu isolieren. Der Großteil der Menschen in Äthiopien muss hingegen jeden Tag das Haus verlassen, um überhaupt etwas zu essen zu haben.

Aber auch in den eigenen vier Wänden ist es fast unmöglich, soziale Distanz zu wahren. Mehrere Generationen wohnen meist auf engstem Raum zusammen. In der äthiopischen Kultur ist körperliche Distanz ein Fremdwort: Die Menschen umarmen sich zur Begrüßung, halten aus Zuneigung Händchen und in der Regel wird von einem gemeinsamen, großen Teller gegessen.

Weiterhin gibt es keinen starken Sozialstaat, der alle die auffängt, die von so einer Krise betroffen werden. Es ist sehr schwer – wenn nicht gar unmöglich – eine Stadt wie Addis Abeba in einen Lockdown-Modus zu versetzen. Die Menschen müssen hier miteinander agieren, damit der Laden sprichwörtlich am Laufen bleibt.
- Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba
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