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Durch die Augen von...

Prof. Dr. habil. Belachew Gebrewold

Aufbrechen von Strukturen

Im August verhängte die äthiopische Regierung den Ausnahmezustand in der Region Amhara. Der Grund waren Auseinandersetzungen zwischen der Nationalarmee und lokalen Milizen. Wie steht dieser Konflikt in Zusammenhang mit dem in der nördlich gelegenen Region Tigray?

Prof. Dr. habil. Belachew Gebrewold: Er ist eine indirekte Folge des Krieges in Tigray. Die Amhara-Milizen kämpften im Tigray-Krieg an der Seite der Regierung. Mit dem Friedensabkommen, das letztes Jahr beschlossen wurde, wurde im Rahmen des Wiederaufbaus auch die Integration der Milizen in die Nationalarmee beschlossen. Das stößt auf Widerstand und nachdem es zu Unruhen gekommen war, wurde der Ausnahmezustand ausgerufen.

Wie weit ist der Friedensprozess in Tigray fortgeschritten?

Die humanitäre Hilfe läuft besser als zu Beginn, aber allein der Wiederaufbau wird Jahrzehnte dauern. Auch die komplette Entwaffnung wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Diese in den geplanten 30 Tagen durchzuführen, war von vornherein unrealistisch. Aber das Hauptproblem in jedem Krieg ist: Das gegenseitige Vertrauen ist am stärksten von der Zerstörung betroffen. Solange das nicht wieder hergestellt ist, wird es auch schwierig, alles andere wiederaufzubauen.

Menschen für Menschen musste die Projekte in der Region Oromia aufgrund der schwierigen Sicherheitslage vorübergehend pausieren. Wie ist dieser Konflikt einzuordnen?

Die Konflikte in Äthiopien sind durch ein grundsätzliches Problem verbunden: Von der Kaiserzeit über den Kommunismus bis in die heutige Zeit hat man sich nie bewusst mit den ethnischen Identitäten auseinandergesetzt. Ihre Existenz wurde entweder verleugnet oder sie wurden zur Strukturierung im Land missbraucht, bis alles außer Kontrolle geraten ist. Damit kommen wir nicht weiter. Wir müssen miteinander arbeiten und nicht gegeneinander. Ein anderes Problem ist der Erhalt patriarchaler Strukturen. Und das hat nicht zwingend mit der Diskriminierung der Frauen zu tun, was leider allgemein ein großes Problem in Äthiopien ist. Vielmehr geht es um Machterhalt und eine gottähnliche Autorität, die nicht infrage gestellt wird.

Wie lassen sich diese Strukturen durchbrechen?

Unsere Kultur und die damit verbundenen Schwächen werden auch in akademischen Kreisen viel zu selten hinterfragt. Veränderungen können nur geschehen, wenn wir uns damit auseinandersetzen und ein Bewusstsein geschaffen wird. Wenn die Mädchen nicht zur Schule gehen, keine Bildung erhalten, werden sie sehr früh sehr viele Kinder bekommen. Sie bleiben in der Armut gefangen. Die Kinder bleiben arm und damit auch das Land. In Äthiopien gibt es noch immer viele Kinder, die verhungern, weil wir uns zu wenig mit Frauenrechten und dem Aufbrechen der Strukturen beschäftigen.

Durch die Pandemie, als die Schulen geschlossen waren, und den Krieg in Tigray haben viele Kinder wichtige Schuljahre verloren. Welche langfristigen Konsequenzen wird das für Äthiopien haben?

Schulbildung ist essenziell. Deshalb ist es für mich eine Katastrophe, wie sehr sie unter den Folgen der Pandemie und des Krieges gelitten hat. Vieles wurde zerstört und Mittel, die für den Bildungssektor wichtig waren, sind in den Krieg geflossen. Im Großen und Ganzen geht es aber nicht nur um die verlorenen Schuljahre, sondern auch um die schlechte Qualität der Bildung. Oder dass junge Erwachsene nach ihrem Abschluss keine Arbeit finden und glauben, Migration wäre der schnellste Weg zu Wohlstand.

Entsteht durch fehlende Bildung und Perspektiven auch ein Kreislauf der Konflikte?

Das stimmt zum Teil. Denn jemand, der keine Perspektive hat, ist empfänglich für selbsternannte Vertreter von Gruppen, die dir einreden: Du hast deshalb keinen Job, weil die anderen an der Macht sind. Deshalb müssen wir sie bekämpfen. Ich bin selbst innerhalb einer kleinen Minderheit im Südwesten Äthiopiens aufgewachsen. Dort gibt es an der Grenze zwischen Kembata und Hadiya einen wöchentlichen Markt. Aus der gesamten Region kommen die Leute dorthin und tauschen ihre Waren aus. Sie sprechen die jeweilige Sprache des anderen perfekt, selbst meine Mutter, die nie eine Schule besucht hat und nicht mal lesen kann. Denn jedes Mal, wenn sie zum Markt ging, kam sie mit den anderen ins Gespräch. Die Menschen lebten in Frieden. Dann begann sich die Dynamik zu verändern und Leute, die die ethnischen Identitäten zu vertreten scheinen, haben begonnen, gegen die anderen zu mobilisieren. Das gefährdet am Ende den Frieden zwischen zwei Gruppen. Das ist ein Teufelskreis, aus dem wir nur rauskommen, wenn wir andere als Partner und nicht als Feind betrachten.

Aber wo liegt nun die Lösung, um das Gemeinschaftliche wieder vor das Trennende zu stellen?

Eigentlich ist es naheliegend: Es kann nur in meinem Interesse sein, dass ich mit anderen kooperiere. Um das zu erkennen, benötigt es keine besondere Wissenschaft. Wenn ich viel Kaffee produziere und in meiner Region nicht so viel verkaufen kann, er in der nächsten aber gebraucht wird, dann ist es in meinem Interesse zusammenzuarbeiten. Nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern schon aus ökonomischen Gründen. Es geht darum, sich auf den Nutzen zu konzentrieren, den man nur gemeinsam erzielen kann.

Wir haben jetzt viel über Konflikte und Herausforderungen gesprochen. Aber was gibt Ihnen eventuell Hoffnung für die Entwicklung Äthiopiens?

Äthiopien war in den letzten Jahrzehnten im Großen und Ganzen auf einem guten Weg und das Wirtschaftswachstum war trotz regionaler Diskrepanzen doch beachtlich. Die Pandemie und der Krieg haben langfristig einiges durcheinandergebracht. Vorausgesetzt, die aktuellen Konflikte können beigelegt werden, sehe ich die Möglichkeit, dass die Wirtschaft wieder zu wachsen beginnt, mehr junge Leute eine höhere Bildung genießen können und das Land auch wieder für Investoren attraktiv wird. Eine Prognose will ich derzeit nicht wagen, aber meine Hoffnung besteht, dass der Konflikt beigelegt wird.

Das Interview wurde im August 2023 von Martina Hollauf vom Menschen für Menschen-Team Österreich geführt.
Portraitfoto von Prof. Belachew Gebrewold

Zur Person

Prof. Dr. habil. Belachew Gebrewold ist Professor für internationale Politik am Management-Center Innsbruck (MCI). Geboren 1968 in Kembata im Südwesten Äthiopiens, studierte er Philosophie in Addis Abeba und Politikwissenschaft, Theologie und internationale Beziehungen in Innsbruck und Hamburg. In seiner Arbeit widmet er sich insbesondere der Migrationspolitik sowie der afrikanischen Konflikt- und Friedensforschung.

Weitere Informationen sowie eine ausführliche Liste von Publikationen finden sich auf der Seite des MCI.
Martina Hollauf von Menschen für Menschen

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