Endlich genug zu essen

Die bewegende Geschichte des kleinen Haile Jesus und seiner Familie.

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass wir Bauer Tilahun Bayisa und seiner Tochter Almaz bereits bei unserem ersten Besuch im neuen Projektgebiet Ginde Beret begegnen. Voll Neugier sind wir im Jänner 2011 aus Wien hier angekommen. Wir möchten die Region genauer kennenlernen, die Zustände, die Potentiale, aber vor allem die Menschen.

Schwer atmend klettern wir deshalb durch eine steile Schlucht. Es ist der einzige Weg von der Hauptstadt Kachisi zu dem tiefer liegenden Gebiet das wir Washa Catchment nennen und das unser Ziel ist. Mühsam und langsam tasten sich unsere Schritte vorwärts. Die Baumstämme, die als Steighilfe dienen, sind glitschig und bei jedem Schritt muss man fürchten abzurutschen und zu stürzen. Wir sind besonders vorsichtig, da man uns erzählt hat, dass es hier immer wieder zu schweren Unfällen kommt. Und vom Krankenhaus in Kachisi trennt uns bereits ein steiler und beschwerlicher Aufstieg.

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Auf dem steilen Weg ins Krankenhaus

Genau dorthin ist Bauer Tilahun mit seiner Familie unterwegs, als sie unseren Weg kreuzen. Wir sprechen das Mädchen an, das ihren kleinen Bruder auf dem Rücken trägt. “Wir leben unten im Tiefland und gehen in die Stadt Kachisi, die oben auf dem Plateau liegt. Wir bringen meinen kleinen Bruder Haile Jesus ins Krankenhaus.“, antwortet sie auf unsere Frage nach ihrem Ziel. Und dann erfahren wir die traurigen Hintergründe für den Zufall unserer Bekanntschaft.

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Der zweijährige Haile Jesus ist stark unterernährt und für sein Alter viel zu klein. Seine Oberarme sind extrem dünn – bei Kindern ein bedrohliches Zeichen für Unterernährung. Um ein wenig von der spärlichen Ernte zu verkaufen hat sich Tilahun Bayisa, der Vater von Haile Jesus, gemeinsam mit seiner Tochter Almaz auf den Weg nach Kachisi zum Markt gemacht. Nur so kann er sich die nötige Behandlung seines kleinen Sohnes im Krankenhaus leisten. Man sieht ihm an, dass er sehr besorgt ist.

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Bauer Tilahun hat nur eine sehr kleine Ernte, die oft nicht einmal für seine Familie reicht. „Ich arbeite auch manchmal wenn es möglich ist als Tagelöhner, um Essen für meine Familie kaufen zu können und nicht auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen zu sein.“, erzählt er. Als wir die Arbeit von Menschen für Menschen erwähnen und  ihn fragen ob er schon einmal von der Organisation gehört hat, verneint er: „Bisher noch nicht.“

Wir erzählen ihm auch, dass wir in Kürze mit landwirtschaftlichen Kursen beginnen, in denen er lernen könnte, wie man durch bessere Anbau- und Bewässerungsmethoden seinen Ertrag steigert. Tilahun wird sofort hellhörig und meint er werde sich erkundigen wann und wo diese Kurse stattfinden. Nahrungsmittelhilfe anzunehmen ist ihm unangenehm, aber einen Kurs machen, in dem er lernt seine Ernte selbst zu verbessern – das gefällt ihm.

 

Ein Landwirtschaftskurs vermittelt neues Wissen

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Und er beweist sich als Mann der Tat. Tilahun Bayisa ist einer der ersten Bauern seiner Region, der an einer landwirtschaftlichen Schulung von Menschen für Menschen teilnimmt. Zuerst heißt es in der Schulbank einiges an Theorie zu lernen. Doch auch die Praxis kommt nicht zu kurz. Gemeinsam terrassieren die Kursteilnehmer ein Feld, lernen neue Obst-, Getreide- und Gemüsesorten kennen und bekommen allerlei praktische Tipps wie man diese richtig anbaut, erntet und lagert.

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Tilahun erfährt wie er das vorhandene Wasser optimal zur Bewässerung einsetzen und wie er durch Kompostierung sehr einfach guten Dünger für die Felder selbst herstellen kann.

 

Wiedersehen mit reicher Ernte

Als wir Tilahun ein Jahr später wieder treffen, fällt er uns vor Freude um den Hals. Stolz zeigt er uns, dass er nicht untätig geblieben ist. Seine neu gepflanzten Mango- und Papaya-Bäume müssen noch wachsen, bis sie in einigen Monaten bzw. Jahren die ersten Früchte tragen werden. Doch die Vorfreude ist groß. Sein Gemüsefeld neben dem Haus jedoch strotzt bereits jetzt vor saftigem Grün.

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„Ich habe vor allem Freude an den Süßkartoffeln.“, erzählt Tilahun, „ Sie sind in der Region zwar bekannt, aber ich und die anderen Bauern haben diese kaum genutzt, da die herkömmliche Anbauweise zu wenig Ertrag bringt. Jetzt weiß ich aber wie ich zu einer guten Ernte komme.“, lacht er. „So habe ich nicht nur genug Süßkartoffeln für meine Familie, sondern verkaufe auch Stecklinge an meine Nachbarn und gebe ihnen Tipps. So profitieren wir alle davon.“

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Tomaten, Salat, Karotten und Süßkartoffeln wachsen hier und er lässt uns an seinen Errungenschaften teilhaben: zur Begrüßung gibt es Injera mit viel frisch zubereitetem Gemüse. Auch der kleine Haile Jesus lässt es sich ordentlich schmecken. Man sieht ihm an, dass seine Eltern sich nun keine Sorgen mehr um seine Ernährung machen müssen.

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Auch Tilahuns Frau Zeritu Beyene strahlt richtig vor Begeisterung, als sie uns die „neue Ernte“ serviert. Wir sind sehr berührt von dem Stolz und der Freude der ganzen Familie. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die einem in Äthiopien fast überall entgegengebracht wird, empfinden wir hier besonders stark.

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Aus diesem ersten Besuch ist mittlerweile eine Tradition geworden. Wann immer einer von uns in unserem Projektgebiet Ginde Beret unterwegs ist, darf ein Sprung zu Tilahun nicht fehlen. Und immer wieder sind wir erstaunt und begeistert von der Tatkraft und dem Ideenreichtum dieses Bauern, der nun da er die Möglichkeiten einmal gesehen hat, nicht daran denkt sie ungenutzt zu lassen.
Schon innerhalb eines Jahres konnte Tilahun seine Einkünfte durch den Verkauf von Obst und Gemüse verdreifachen. Von dem Zusatzverdienst kaufte er sich zwei Ochsen, um seine Felder pflügen zu können. Früher musste er sich dazu die Ochsen ausleihen. Da der Bauer, der seine Ochsen zu diesem Zweck verleiht, aber zuerst seine eigenen Felder bestellen muss, war Tilahun immer sehr spät mit dem Bestellen dran. Damit ist es nun vorbei.

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Mangold und Kartoffeln sind ebenfalls Gemüse, die Menschen für Menschen in der Region bekannt macht und die Tilahun nun anbaut. „Meine Mama backt sehr gut Injera, aber sie wusste erst gar nicht was sie mit dem Mangold tun soll. Auch sie hat dann einen Kurs besucht und gelernt wie sie die ganzen neuen Pflanzen, die wir jetzt ernten, kochen soll. Und das schmeckt super.“, stellt Tochter Almaz zufrieden fest.

 

Ich wollt ich wär ein Huhn…

Doch das ist nicht das einzige was Tilahuns Frau Zeritu gelernt hat. Durch die Teilnahme an dem Kurs und den Bau eines eigenen Hühnerstalls bekam die Familie die Möglichkeit, produktivere Hühner zu einem gestützten Preis zu erhalten.

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Die Hühner von Menschen für Menschen werden in Äthiopien gezüchtet und in die Projektregionen gebracht. Sie sind für die Höhenlagen in Ginde Beret geeignet, legen aber fast fünf Mal so viele Eier wie die lokale, kleinere Hühnerrasse. Die Nachkommen dieser produktiveren Hühner kann die Familie an andere Bauern verkaufen. Sie fördern somit also auch wieder die Entwicklung der gesamten Region.

 

Buntes Markttreiben

Bei einem unserer folgenden Besuche begleiten wir Tilahun und seine Tochter Almaz zum Markt. Auf dem Weg durch die steile Schlucht werden alte Erinnerungen wach. Wie haben sich die Umstände doch verändert seit wir uns das erste Mal hier getroffen haben. Wieder sind Tilahun und Almaz auf dem Weg nach Kachisi, um ein wenig der Ernte zu verkaufen. Dieses Mal aber nicht mehr aus ihrer Not heraus.

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Diesen Weg geht Tilahun zwei bis drei Mal in der Woche, um auf den Markt zu kommen. Insgesamt vier Stunden braucht er für die Strecke. Bald wird auch dieser Weg leichter und vor allem nicht mehr so gefährlich sein. Denn bereits 2011 haben die Mitarbeiter von Menschen für Menschen gemeinsam mit der Bevölkerung mit dem Bau von Stufen durch die Schlucht, den sogenannten Gara Gatama Stairs begonnen. Nun endlich sind die hilfreichen Stufen fast fertig.

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Buntes Markttreiben herrscht in der Hauptstadt. Während wir zusammen sitzen und auf Kundschaft warten, erzählt uns Tilahun über seine Zukunftspläne: Mit seinem guten Zusatzverdienst möchte er eines Tages ein Haus in der Stadt bauen oder mieten, damit seine Kinder dort die höhere Schule besuchen können. Selbst in die Stadt ziehen will er jedoch nicht. Immerhin ist der kleine Hof seine Heimat und sein Stück Land gibt jetzt genug her, um seine Familie zu ernähren und einen guten Verdienst zu haben.

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Wieder zurück auf seinem Hof sieht er sich versonnen um. „Ich bin ganz besonders stolz, dass ich nun meine Familie wirklich versorgen kann, wir alle endlich genug zu essen haben und es unserem kleinen Haile Jesus gut geht. Es ist schön eine Möglichkeit zu bekommen das aus eigener Kraft zu schaffen.“, sagt Tilahun ernst. Dann lächelt er zufrieden und lädt uns zum Essen ein.

Wollen auch Sie Familien in Äthiopien ein Geschenk machen, das reiche Früchte trägt und langfristig ausreichend Nahrung ermöglicht? Mit Gemüsesaatgut und Obstbaumsetzlingen ermöglichen Sie die nötige Starthilfe in eine bessere Zukunft! Kein Almosen für einen Tag, sondern die Möglichkeit sich selbst und die Familie aus eigener Kraft zu versorgen.

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