Nagaya Magazin 1/2020 – Eine Klasse für sich

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

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Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  • Zu Besuch in Gago Osole – Einblicke in das Leben der Schulkinder
  • Eine Reise die verbindet – Große Emotionen bei der Schuleröffnung
  • Zwerghirse Teff – Äthiopisches Kulturgut von großer Bedeutung

 

Eine Klasse für sich

Dicht gedrängt sitzen die Kinder der zweiten Klasse der Gago Osole-Schule auf selbstgezimmerten Bänken. Unter ihnen Ebisa und Ebise, die sich nicht nur das Klassenzimmer teilen, sondern auch einen Traum: Eine neue Schule im Dorf.

 

Ein lächelnder Bub sitzt auf einr Schulbank und schreibt.
Ebisa ist ein aufgeweckter Junge. Doch der Staub in der Klasse macht ihm zu schaffen – wie viele seiner KlassenkameradInnen leidet er an einem hartnäckigen Husten.

 

Beim Betreten der zweiten Klasse der Schule in Gago Osole stockt einem der Atem und für einen kurzen Moment wird es finster. Es ist stickig in dem dunklen Raum und ein gedämpftes Murmeln erfüllt die Luft, hin und wieder durchbrochen vom Husten eines Kindes. Erst nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, bemerkt man die unzähligen Augenpaare, die einen neugierig beobachten. Wie viele sind es? Fünfzig, vielleicht siebzig? Von den Eindrücken überwältigt, fällt es schwer die Zahl der Kinder im Raum zu schätzen. „Hier gibt es nur eine einzige Klasse, in der weniger als hundert Kinder sitzen“, wird Direktor Ayele später klarstellen. Und die zweite Klasse besuchen tatsächlich mehr als 150 Kinder. Wir sind auf der Suche nach Ebisa, dem zweitjüngsten Kind von Bauer Alemu, den wir am Vortag begleitet haben und der sich mit viel Begeisterung für die Entwicklung in der Region einsetzt. Sein Sohn hat wohl etwas von dieser Begeisterung geerbt und zeigt sich, anders als so mancher seiner Klassenkollegen, alles andere als schüchtern.

Auch Ebisa hat starken Husten und erzählt mit kratziger Stimme, was er an seiner Schule ändern würde: „Zuallererst die Bänke und die Tische. Wir sitzen hier zu viert auf einer Bank und es ist sehr dunkel in der Klasse. Auch der Boden ist nicht gut“, beklagt sich Ebisa und hat damit indirekt auch den Grund für seinen Husten entlarvt. Denn der Boden in der Gago Osole-Schule besteht großteils aus gestampfter Erde. Der aufgewirbelte Staub verursacht teils schwere Atemwegserkrankungen bei den Kindern. Im Boden lauern aber noch andere Gefahren für die Gesundheit: In der lockeren Erde nisten sich Sandflöhe ein, die sich in die Haut der Kinder bohren. Das verursacht juckende, schmerzende Pusteln, die sich nicht selten entzünden.

 

Ein lächelnder Äthiopier steht vor einem verfallenen Schulgebäude.
Direktor Ayele hat selbst die Schule in Gago Osole besucht und möchte die Lernqualität hier unbedingt verbessern.

Ein starkes Fundament

Der Bau einer neuen Schule fängt bei Menschen für Menschen nicht nur deshalb mit einem guten, stabilen Fundament an, das aus Steinen, Stahl und Beton errichtet wird. „Ich habe meine Geschwister in der neuen Schule in Hanfara Holoto besucht“, erzählt Ebisa begeistert, „dort ist alles so schön und sauber. Ich wünschte wir hätten hier auch so eine Schule.“ Ein Wunsch, den Ebisa nicht nur mit seinen KlassenkameradInnen teilt, sondern natürlich auch mit Direktor Ayele. „Ich bin selbst hier zur Schule gegangen. Damals war das Gebäude noch nicht in einem so schlechten Zustand, mittlerweile bricht es aber schon fast in sich zusammen“, beklagt sich Ayele. Die Schule ist zum größten Teil aus Holz und Lehm errichtet, kein besonders nachhaltiges Baumaterial für die raue äthiopische Witterung. Vor allem die Regenzeit, aber auch Termitenbefall, setzt der Struktur stark zu.

Lernqualität verbessern

„Natürlich versuchen die umliegenden Gemeinden, die Schule so gut es geht instand zu halten, in den Dörfern wird dafür auch Geld gesammelt.“ Die Bänke und Tische wurden von Gemeindemitgliedern selbst gezimmert, doch der Einsatz der Bevölkerung grenzt an Sisyphusarbeit. Ist das Loch in der einen Wand geflickt, tut sich an anderer Stelle schon ein neues auf. Eine ordentliche Lernumgebung sieht anders aus. Doch genau diese möchte Direktor Ayele schaffen. „Ich möchte die Lernqualität hier verbessern. Aber die Gebäude sind alt, die Kinder haben nicht genug Platz
und wir haben zu wenig LehrerInnen für die vielen Kinder“, erzählt der 29-Jährige, der selbst an der Schule unterrichtet.

 

Kinder sitzen in einem dunklen Klassenzimmer.
Zu wenig Platz, dunkel und staubig: Das Lernen fällt den Kindern in der Gago Osole-Schule sehr schwer.

Stabil und motivierend

Dass sich die Unterrichtsqualität durch den Bau einer neuen Schule drastisch verbessern kann, zeigte eine Evaluierung nach Beendigung der ersten Projektphase in der Region Ginde Beret. „Es ist wohl so, dass viele Lehrerinnen und Lehrer um eine Versetzung an eine der neu gebauten Schulen ersuchen und die neuen Räumlichkeiten einen Motivationsschub beim Lehrpersonal und den Schülerinnen und Schülern auslösen“, reüssierte Gutachterin Anette Schmidt nach ihrer Evaluierung im Oktober 2013. „Das ist sehr nachvollziehbar, wenn man sich die baufälligen, dunklen, alten Schulen anschaut. Also ist es tatsächlich vorstellbar, dass sich sogar der Unterricht verbessert – das hat mich überrascht.“ Seit Projektbeginn vor neun Jahren hat Menschen für Menschen allein in der Projektregion Ginde Beret 13 Schulen errichtet.

 

Ein Mädchen sitzt im Klassenzimmer und blättert in einem Heft.
Ebisas Schwester Tigist besucht eine neu gebaute, weiterführende Schule. „Hier haben wir ordentliche Bänke, ausreichend Licht und eine schöne Tafel.“

 

Doch bevor eine Schule gebaut werden kann, muss ein Zufahrtsweg geschaffen werden. So auch in Gago Osole, das weit abgelegen am Fuße eines Hochplateaus liegt. Bislang führt nur eine schmale, steile Steinpiste ins Dorf, die außerdem nur bei trockenem Wetter von Allradfahrzeugen befahren werden kann. „Dass hier Lastwagen mit den notwendigen Maschinen und Baumaterialien zufahren, ist undenkbar“, erklärt Berhanu Bedassa, Projektleiter von Ginde Beret, recht einleuchtend, während sich das Fahrzeug von Menschen für Menschen langsam den Berg hinauf tastet. Als nach etwa einer halben Stunde endlich das Plateau erreicht ist und der Fahrer den Vierradantrieb wieder deaktiviert, spürt man in jeder Faser des Körpers den steinigen Weg. Vor einem liegen eine vergleichsweise ebene Lehmpiste und ein geschäftiger Ortskern. In Hanfara Holoto tummeln sich an diesem Tag besonders viele junge Mädchen und Burschen, denn die Einschreibung für die weiterführende Schule hat begonnen. Auch Tamirat hat sich auf den Weg gemacht, um zu erfahren, ob seine Registrierung für die Kurse der 11. Klasse erfolgreich war.

Zukunftspläne schmieden

Tamirat ist Ebisas großer Bruder und hat selbst seine Grundschulbildung in der baufälligen Schule in Gago Osole absolviert. Seit zwei Jahren  besucht er nun schon die neu errichtete Schule in Hanfara Holoto. „Die Schule hier ist mit der in unserem Dorf nicht zu vergleichen. Hier gibt es richtige Fenster und Türen. Der Boden ist zementiert und nicht staubig wie in der alten Schule“, erklärt Tamirat eindringlich und seine Schwester Tigist stimmt ihm zu. Sie hat erst in diesem Jahr auf die neue Schule gewechselt. „Hier haben wir ordentliche Bänke, ausreichend Licht und eine schöne Tafel. Die Schule bei uns daheim bricht schon fast auseinander, manchmal fielen sogar Stücke von der Wand auf unsere Schulhefte“, berichtet die 18-Jährige. Sie möchte später eine Ausbildung zur Buchhalterin absolvieren, ihr Bruder möchte sich als Arzt für seine Gemeinde engagieren. Ambitionierte Ziele, für die das Geschwisterpaar ein gutes Fundament benötigt.

 

Ein äthiopisches Mädchen lächelt in die Kamera.
Ebise hat gelernt, wie wichtig sauberes Wasser ist. Seit die Quellfassung in ihrem Dorf gebaut wurde, gibt es endlich sauberes Wasser und Ebise hat mehr Zeit zum Lernen.

 

Schlüssel für Entwicklung

Auch in den dunklen Klassenzimmern der Schule von Gago Osole träumen die Kinder von ihrer Zukunft. „Ich möchte gerne Lehrerin werden“, erzählt Ebisas Klassenkameradin Ebise. „Ich gehe gerne zur Schule, denn da lerne ich auch etwas über unsere Ernährung und wie wichtig zum Beispiel sauberes Wasser ist.“ In Ebises Dorf gibt es seit kurzem eine neue Quellfassung, die Menschen für Menschen errichtet hat. „Jetzt geht das Wasserholen viel einfacher und das Wasser ist sauber.“ Der Bau von Brunnen und Quellfassungen ist eine wichtige Maßnahme, um Kindern Bildung zu ermöglichen. Denn der Bau einer Schule ist nur dann sinnvoll, wenn sie auch besucht werden kann.

Vor allem Mädchen wie Ebise übernehmen schon früh Aufgaben wie das Wasserholen in der Familie. Gibt es im Dorf also einen Brunnen, sparen die Mädchen viel Zeit, die sie für die Schule und Hausaufgaben nutzen können. Natürlich verbessert sich auch die Gesundheit. Welchen Unterschied das für die Kinder macht, weiß Ebise ganz genau: „Früher war das Wasser sehr schmutzig und die Tiere haben auch davon getrunken. Viele meiner Klassenkameraden und ich sind davon krank geworden und konnten nicht zur Schule gehen. Jetzt ist das Wasser sauber und wir sind gesund.“ Und Ebise hat nun mehr Zeit für die Schule, Hausaufgaben und ihre Lieblingsbeschäftigung: „Wenn ich Zeit habe, lese ich am liebsten meine Schulbücher oder spiele mit meinen Geschwistern das „Taschentuchspiel“. Dabei sitzen wir im Kreis und einer von uns geht rundherum und versteckt dann ein Taschentuch hinter dem Rücken eines anderen. Dabei singen wir ein kleines Lied, das heißt ‚Hast du mein Taschentuch gesehen?‘.“

 


Wir haben die Kinder der Gago Osole-Schule im Oktober 2019 besucht und neben ihren Geschichten auch Videos mitgenommen. Diese sehen Sie auf www.mfm.at/einmensch

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Ein Mädchen sitzt im Klassenzimmer und lächelt.

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Kleines Mädchen in Äthiopien lernt in einer alten Schule

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