Alexandra Bigl – Bericht aus den Projektregionen

Alexandra Bigl, Stv. Vorstandsvorsitzende von Menschen für Menschen berichtet aus den Projektregionen

 

Vor kurzem war ich gemeinsam mit Medienvertreterinnen und unseren äthiopischen Kolleginnen und Kollegen in unseren Projektregionen Jeldu, Abune Ginde Beret und Ginde Beret unterwegs.

Vor dem Besuch unserer Regionen nordöstlich der Haupstadt Addis Abeba wollten wir noch die weiter im Norden gelegene Region Derra besuchen, wo wir 2010 nach 13 Jahren unsere Projektarbeit abgeschlossen haben.
Auf diesen Teil der Reise war ich besonders gespannt! Was würden mir die Menschen erzählen, geht es den Familien heute immer noch um so vieles besser? Konnten wir die Region so stärken, dass sie sich auch ohne unser Zutun weiterentwickelt? Und was ist wohl aus den Geschäftsideen der Mikrokreditnehmerinnen geworden, die damals so enthusiastisch in die Zukunft geblickt haben? Diese Fragen beschäftigten mich im Vorfeld sehr.

Bereits bei der Fahrt in den Hauptort von Derra Gundo Meskel sehen wir dann rechts und links des Weges die einst in Zusammenarbeit mit den Bauern angelegten Terrassierungen. Sie sind in einem guten Zustand und man sieht auf den ersten Blick, dass sie nach wie vor laufend von den Bauern betreut und erneuert werden. Auch viele kleine Wälder und zahlreiche Baumschulen springen uns ins Auge. Bei einer Baumschule stoppen wir voll Neugierde.

 

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Die Bauern erzählen uns, dass sie vom Verkauf der Baumsetzlinge gut leben können. Heute wissen sie, wie man sie aufzieht und vermehrt. Die Nachfrage sei groß, berichten die Bauern, denn die Landwirtschaft sei durch die Arbeit von Menschen für Menschen sehr vielfältig geworden. Die Bauern kaufen hier Obstbaumsetzlinge aber auch Setzlinge für Bäume, die sie rund um ihre Felder pflanzen, damit sie Schatten spenden und Wasser speichern.

 

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Um auf die Frage, wie es unseren Mikrokreditnehmerinnen ergangen ist, eine Antwort zu finden, besuchen wir die Frauen vom Kreditverein Selelkula. Sie freuen sich, uns zu sehen. Begeistert erzählen die Frauen, dass der Kreditverein erfolgreich weiterbesteht und sich dadurch viel für die Frauen in der Region verändert hat. Heute haben sie eine Stimme und werden als wichtige Geschäftspartnerinnen ernst genommen. Viele von ihnen haben es zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Die Mitglieder vom Mikrokreditverein vergeben weiterhin Kredite an Frauen, damit sich diese auch eine eigenständige Existenz aufbauen können. Ihre Geschäftsmodelle sind vielfältig und reichen vom Handel mit Getreide über die Tiermast bis hin zur Nähstube.

 

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Bizegen Tadesse ist eine der Frauen, die vor einigen Jahren einen Mikrokredit bekommen haben. Sie hat ein Nähgeschäft eröffnet und näht dort Bettbezüge und fertigt Stickereien an. Für ihre Kundinnen und Kunden, die nur sehr wenig Geld zur Verfügung haben, hat sie sich ein ganz besonderes Geschäftsmodell überlegt: Es können sich mehrere Kundinnen und Kunden zusammenschließen, die jeden Monat gemeinsam einen bestimmten Betrag bezahlen. Sobald der Betrag für die jeweils bestellte Ware beisammen ist, bekommen sie sie ausgehändigt. Alle zahlen so lange monatlich einen Betrag, bis jede ihre Ware hat. So wird es für jeden Einzelnen leichter, sich die besonderen Stücke zu leisten.

Wir sind sehr beeindruckt, insbesondere davon, was die Frauen aus ihrer Chance gemacht haben.

Der nächste Besuch gilt dem offiziellen Äthiopien. Was sagen die politischen Verantwortlichen? Wie sehen sie die Entwicklung der Region seit 2010, seitdem sich Menschen für Menschen aus Derra zurückgezogen hat?

 

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Wir treffen Mesfin Taye. Er ist der politische Verantwortliche für das Gebiet Derra und stammt selbst aus der Region. Mesfin Taye ist sichtlich stolz darauf, dass seine Heimat eine Modellregion für Entwicklung geworden ist. Er berichtet, dass immer wieder Kolleginnen und Kollegen aus anderen Regionen nach Derra kommen, um sich die Arbeitsweisen, vor allem im Bereich Landwirtschaft, Wasser und Gesundheit anzusehen. Schon kommenden Sonntag finde wieder ein großer Austausch mit Bauern aus anderen Regionen statt, erzählt er.

Mesfin Taye freut sich sichtlich über unseren Besuch. Immer wieder lobt er die gute Zusammenarbeit mit Menschen für Menschen und erzählt, was alles durch die Organisation entstanden ist: Heute baue die Regierung auf die Maßnahmen von Menschen für Menschen auf, vieles sei möglich geworden. So zeige beispielsweise der Schulbau von Menschen für Menschen langfristige Effekte. Mehr Kinder würden länger die Schule besuchen, berichtet Mesfin Taye. Daher baue die Regierung nun drei weiterführende Schulen. Die Bevölkerung fordere das auch ein, es gäbe zahlreiche Studentinnen und Studenten, erzählt Mesfin Taye. Der Bildungsbereich ist eines von vielen Beispielen für die langfristige positive Entwicklung der Region, von denen er uns an diesem Tag erzählt.

 

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Als nächstes besuchen wir Boje Taye, ebenfalls Mikrokreditnehmerin, und ihre Familie. Das Gespräch mit Boje Taye, ihrer Mutter Makuriya (67) und ihrer Tochter Desta (20) zeigt sehr beeindruckend die Veränderungen in der Region über viele Jahre hinweg. Sie erzählen, dass früher Frauen zwangsverheiratet und beschnitten wurden. Boje erzählt, dass sogar sie und ihr Mann noch wie die Hühner auf den Markt gebracht wurden, als sie heirateten. Sie kannte ihren Mann vor der Heirat nicht. Heute sei das völlig undenkbar, erzählen Makuriya und Boje, und auch, dass sie früher kein Gemüse kannten. Erst durch Menschen für Menschen sei das erste Gemüse in die Region gekommen. Auch im Bereich der Gesundheitsversorgung sei heute vieles besser, vor allem auch bei der Geburtsvorbereitung: „Eine Versorgung, die es früher nicht gab“, erzählt Mutter Makuriya. Auch in die Schule gehen zu können war für sie noch undenkbar.

 

MfM-Entwicklungshilfe-Afrika-Bericht-Projektgebiete-Bigl-familienfotoDie heute glückliche Familie von Boye Taye.

 

MfM-Entwicklungshilfe-Afrika-Bericht-Projektgebiete-Bigl-Tierzucht-mit-mikrokreditTaye hat es dank Mikrokredit, den sie in die Aufzucht von Tieren investiert hat, geschafft, sich eine Existenz aufzubauen.

 

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Wir alle sind sehr beeindruckt von Derra. Auch Berhanu Bedassa, der damals stellvertretender Projektleiter in Derra war und heute Projektleiter in unseren Projektgebieten Abune Ginde Beret und Ginde Beret ist, steht die Freude über diese positiven Entwicklungen ins Gesicht geschrieben. Er hat viele Jahre in Derra gearbeitet und damit einen wichtigen Grundstein für das Derra von heute gelegt.

Mit diesem guten Gefühl geht es weiter in unsere aktuellen Projektgebiete, die ausschließlich über Spenden aus Österreich finanziert werden: Jeldu, Abune Ginde Beret und Ginde Beret.

Den ersten Stopp machen wir in Jeldu, wo Menschen für Menschen erst Anfang 2017 die Arbeit aufgenommen hat. In Jeldu arbeitet die Bevölkerung gerade mit großem Engagement an Aufforstungsprojekten und Terrassierung. Und ihre Arbeit zeigt auch schon erste Erfolge beim Gemüseanbau, der ertragreicher geworden ist. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Menschen für Menschen arbeiten aber auch zu wichtigen Gesundheitsthemen mit der Bevölkerung, wie Familienplanung und Hygienemaßnahmen.

 

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So ist beispielsweise das Waschen des Gesichtes mit Wasser grundlegend, um die heimtückische Augenentzündung Trachom zu verhindern. Es ist nicht immer einfach, diese Themen anzusprechen, darum werden kreative Wege gefunden, sie der Bevölkerung näher zu bringen, wie mit Schulstücken, die die Jugendlichen vor der Dorfgemeinschaft aufführen.

 

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Aufforstung ist in unseren Projektregionen ein sehr wichtiges Thema. Im Gespräch berichten uns die Bauern, die im Gebiet Kono in unserer Projektregion Abune Ginde Beret bereits erfolgreich Aufforstungsprojekte umgesetzt haben,  über die große Bedeutung des Waldes für sie.

 

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Die Bauern erzählen uns, dass sie neben der Aufforstung im Gemeindegebiet einen Nutzwald angelegt haben, der ihnen heute einen guten Ertrag bringt. Jetzt möchten sie im Wald mit der Bienenzucht beginnen. Ein schönes Projekt, das auf viel Interesse in der Region stoßt.

 

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Auch die Gesundheitsvorsorge ist ein großes und wichtiges Thema in unseren Projektregionen. Im Krankheitsfall ist es in Äthiopien sehr schwierig, ärztliche Behandlung zu bekommen: Ein Arzt bzw. eine Ärztin in Äthiopien betreut im Schnitt rund 30.000 Menschen. Um schwerwiegende Krankheiten und ihre Folgen bestmöglich verhindern zu können, führen wir unter anderem Impfprogramme für Kleinkinder durch.

 

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Besonders berührt hat uns der Besuch bei Hunduma und seiner Familie. Das Strahlen in seinen Augen hat uns sofort alles gesagt. Er, der bittere Armut und Hunger nur zu gut kennt, kann heute ein zwar bescheidenes, aber gutes Leben führen. Stolz ist er darauf, dass seine Kinder heute ein Bett haben und nicht mehr bei den Hühnern am Boden schlafen. Und seiner Frau hat er richtige Töpfe und Teller gekauft. Heute können er und seine Frau ihre Familie gut versorgen.

 

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Die Evaluierung und das Monitoring sowie das unmittelbare Feedback von unseren Kolleginnen und Kollegen in Äthiopien ist ein wichtiger Bestandteil unserer Projektreisen. Girma, unser Mitarbeiter, der für die Evaluierung und das Monitoring vor Ort zuständig ist, spricht laufend mit der Bevölkerung über ihre Erfahrungen und Bedürfnisse um festzustellen, welche Fortschritte gemacht wurden, aber auch welche Probleme auftreten.

 

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Besonders habe ich mich über den Besuch bei Yeshi gefreut. Ich kenne Yeshi, seit sie den Webkurs bei Menschen für Menschen besucht hat. Es freut mich sehr zu sehen, dass sich ihre Lebenssituation von Grund auf verbessert hat.

 

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Ein besonderes Highlight: der Blick ins Washa Catchment in der Projektregion Ginde Beret.

Die Projektreise hat uns allen einmal mehr gezeigt, wieviel positive Veränderung möglich ist und wieviel Positives bewirkt werden kann. Gerade im Projektgebiet Derra, wo wir Jahre später gesehen haben, dass aus den Samen, die wir als Organisation gesät haben, schöne, große Bäume gewachsen sind. Auch im übertragenen Sinn, als die Menschen, die heute ihr Leben unabhängig von fremder Hilfe meistern können.

 

Gemeinsam können wir die Lebenssituation der Menschen in unseren Projektregionen nachhaltig verbessern. Bitte helfen Sie mit!

 

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