Corona-Tagebuch 20.03.2020: Unser ruhiges Büro

An dieser Stelle berichtet unser Kollege Henning Neuhaus regelmäßig über die Lage in Addis Abeba sowie unseren Projektgebieten und beschreibt, wie sich der Alltag in Äthiopien aufgrund des Virus verändert.
Henning Neuhaus, der zusammen mit Muluneh Tolesa für die PR-Arbeit von
Menschen für Menschen in Äthiopien zuständig ist, lebt seit 2018 in Addis Abeba und ist dort einer von nur drei nicht-äthiopischen Mitarbeitern im Project Coordination Office (PCO). Der Großteil der MitarbeiterInnen des Büros in Addis Abeba arbeitet mittlerweile aus dem Homeoffice.


Unser ruhiges Büro

Nach zwei Tagen Homeoffice ist es wirklich mal wieder schön die Wohnung zu verlassen und ins Büro zu fahren. Menschen für Menschen hat ein Schichtsystem im Büro eingeführt, um die Distanz zwischen Kolleginnen und Kollegen zu erhöhen. Das heißt, dass mein Kollege Muluneh heute nicht da ist und dafür ich im Büro arbeite.

Es ist ein wunderschöner, sonniger Morgen und der Straßenverkehr hat deutlich abgenommen. Wobei ich glaube, dass dies immer noch daran liegt, dass die Leute ihre Kinder nicht zur Schule bringen müssen. Die Geschäfte sind alle geöffnet und erst herrscht reges Leben auf den Straßen von Addis. Wie in den vergangenen Tagen, tragen einige Schutzmasken und Gummihandschuhe. Inzwischen gibt es in Äthiopien 9 registrierte Fälle. Nummer 9 ist ein Australier, den ich persönlich kenne. Wir haben uns das letzte Mal auf einer Gartenparty vor 5 Wochen gesehen, als noch alles gut war. Jedoch bedrückt es einen, dass es die ersten Leute aus dem persönlichen Umfeld erwischt hat.

 

Am Eingang des Menschen für Menschen-Büros in Addis Abeba wird über Verhaltensmaßnahmen informiert.

 

Winken zur Begrüßung

Als ich ins Büro komme, ist das Erste was mir auffällt ein Schild an unserer Eingangstür, das darauf hinweist, wie man sich verhalten soll: Wasch deine Hände, niese in die Armbeuge und so weiter. Furno, unsere Sekretärin am Eingang hat das Händedesinfektionsmittel griffbereit, trägt Gummihandschuhe und begrüßt mich. Es ist sehr ruhig in unserem sonst so geschäftigen Bürogebäude. Einige Büros sind nicht besetzt und hie und da sitzt jemand alleine in seinem Büro. Ich mache meine übliche morgendliche Begrüßungsrunde und winke in jedes Büro.
 

Furno ist besorgt: Sie steht am Empfang und damit in der ersten Reihe. Sie trägt zum Schutz Handschuhe.

 

Im Büro heißt es Abstand halten

Nach der Mittagspause unterhalte ich mich mit Furno. Sie ist sehr besorgt über die Lage in Äthiopien. Die große Ungewissheit, die jeden von uns plagt. Furno erzählt, dass ihre Kinder mit ihrem Ehemann zuhause sind und sie sich mit ihrer Kollegin Elleni im Schichtdienst abwechselt. Auch empfindet sie es als unangenehm, dass sie als Sekretärin direkt am Eingang mit so vielen Fremden zu tun hat: Egal ob es Gäste oder Kuriere sind. „Ich sage den immer, dass sie bloß Abstand halten sollen. Ich weiß ja nicht mit wem die vorher Kontakt hatten.“, erzählt die betrübte Furno. Die Handschuhe trägt sie, wenn sie mit Dokumenten von außen hantieren muss. Ihr kleines Handyradio versorgt sie rund um die Uhr mit den neuesten Entwicklungen.

Unser Land ist auf so etwas nicht vorbereitet

Ein Stockwerk höher sitzt mein Kollege Addisu alleine im Büro. Er ist erst vor kurzem Vater geworden und macht sich ebenfalls große Sorgen. „Unser Land ist auf so etwas nicht ausreichend vorbereitet.“, erzählt er. Er hat die Bilder von der katastrophalen Situation in Italien gesehen. Wenn ich ihm dann erzähle, dass die Infektionszahlen auch in Deutschland kontinuierlich nach oben gehen, reißt er die Augen auf. Addisu erzählt, dass er die ganze Woche versucht hat Desinfektionsmittel zu kaufen. „Selbst reiner Alkohol ist in allen Apotheken ausverkauft und überall sind lange Warteschlangen.“, berichtet er mit ruhiger Stimme weiter.

Die große Ungewissheit

Mein Eindruck ist, dass jeder von der Ungewissheit geplagt ist, wie schlimm der Virus hier in Äthiopien wüten wird. Der zwar langsame aber stetige Anstieg an Infektionen lässt einen leicht in Panik verfallen. Denn jeder meiner Kolleginnen und Kollegen ist sich der Tatsache bewusst, dass die Kliniken in Äthiopien weder über ausreichend Beatmungsgeräte noch Intensivbetten verfügen. Daher ist es besonders schön, wenn man hört, dass auf unserem ruhigen Korridor ab und zu doch mal gelacht wird. Das gibt einem in einer solchen Situation Sicherheit und Kraft.

Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba

Arzt mit Mundschutz behandelt Patienten in Äthiopien

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