Corona-Tagebuch 16.07.2020: „Ein Abschied voll Wut und Hoffnung.“

An dieser Stelle berichtet unser Kollege Henning Neuhaus nun zum letzten Mal über die Lage in Addis Abeba. Er verabschiedet sich aus Äthiopien und von Menschen für Menschen, um ein Masterstudium in den Niederlanden zu absolvieren.
Henning Neuhaus, der zusammen mit Muluneh Tolesa für die PR-Arbeit von Menschen für Menschen in Äthiopien zuständig war, lebte seit 2018 in Addis Abeba und war dort einer von nur drei nicht-äthiopischen Mitarbeitern im Project Coordination Office (PCO).

Manchmal verlaufen Abschiede nicht so wie man sich das in seinen Gedanken zuvor ausgemalt hat.  Ich dachte, ich werde eine große Feier veranstalten, alle noch einmal umarmen und mit meinen Freunden auf eine großartige gemeinsame Zeit anstoßen. Nach knapp dreieinhalb Jahren endet meine Zeit bei Menschen für Menschen und in Äthiopien. Ich werde für eine Weile zurück nach Europa, genauer gesagt in die schönen Niederlande, gehen, um dort meinen Masterabschluss zu machen. Ich freue mich auf diese neue Herausforderung, bin aber auch wehmütig, weil ich ein mir liebgewonnenes Äthiopien hinter mir lasse, das durch die Ereignisse der vergangenen zweieinhalb Wochen stark erschüttert wurde.

Ein Mord erschüttert Äthiopien

Am Abend des 29. Juni wurde der populäre Sänger Hachalu Hundessa in Addis Abeba ermordet. Der Morgen danach begann für mich wie so oft damit, dass ich bei einer Tasse Kaffee die Headlines auf Twitter las. Die Ermordung des vor allem unter jungen Oromos1 beliebten Sängers dominierte jede Timeline und jeden Newsfeed. Kurz darauf erhielt ich die ersten Warnungen, dass für diesen 30. Juni überall im ganzen Land Demonstrationen angekündigt sind und man lieber daheimbleiben sollte. Kurz danach erschienen die ersten Videos in den sozialen Medien von jungen Männern mit Stöcken, die lautstark demonstrierend durch Addis ziehen und meine Mitbewohner und ich bekamen ein mulmiges Gefühl im Bauch.

Ein junger Mann mit Hut lächelt.
Sänger Hachalu Hundessa war besonders unter jungen Oromos beliebt und das Sprachrohr einer Generation. Am Abend des 29. Juni wurde er in Addis Abeba erschossen.

Zuerst eine bedrückende Stille

Schließlich wurde auch schon das Internet abgeschaltet und kurz darauf der Strom. Eine bedrückende Stille machte sich breit. Wir vertrieben uns die Zeit damit, Bücher zu lesen die man schon immer lesen wollte und beschlossen am Nachmittag einen Gin Tonic auf unserer Terrasse zu trinken. Die Sonne schien und wir dachten uns: „Das wird schon wieder.“ Dann aber hörten wir die ersten Schüsse fallen – nur etwa 500 Meter von unserem Haus entfernt. Mit Hilfe von Telefonketten informierten wir uns, wie es unseren Freunden in anderen Teilen der Stadt erging. Bei einigen wurde direkt vor der Haustür geschossen und wir hörten von den ersten Zerstörungen und Plünderungen im Stadtgebiet von Addis.

Am darauffolgenden Mittwoch gingen uns langsam die Lebensmittel aus und wir wollten eine Freundin zu uns holen, die ganz allein in ihrem Haus war und Angst hatte. Wir kamen aber nicht weit. Unweit von unserem Haus sahen wir aus der Ferne ein Dutzend Jugendliche mit Stöcken und Macheten. Ohne eine Sekunde zu zögern drehte ich unter quietschenden Reifen sofort um und fuhr zurück nach Hause.

Zerstörtes Haus in Addis
Die Stadt Shashemene südlich von Addis Abeba war besonders von Zerstörung und Plünderung betroffen. (Foto: Tom Gardner via Twitter)

Zerstörung und Patrouillen

In den Tagen danach entspannte sich die Lage in Addis Abeba deutlich, jedoch wurde auch das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Entlang der Bole Road, der wichtigsten Hauptstraße in Addis Abeba, war fast jede Fensterscheibe zerbrochen und einzelne Geschäfte waren geplündert. Es gab kaum Verkehr, dafür Sicherheitskräfte, die schwer bewaffnet auf Pickups in den Straßen patrouillierten. Es wurde auch schnell klar, dass Addis im Vergleich zu Städten wie Ziway oder Shashemene noch recht glimpflich davongekommen war. Besonders Shashemene ist teilweise nur noch das ausgebrannte Gerippe einer Stadt und erste Schätzungen gehen davon aus, dass alleine dort 150 Menschen bei den Unruhen ums Leben kamen. Nach offiziellen Angaben verloren bei den Ausschreitungen der letzten zwei Wochen insgesamt 239 Menschen ihr Leben.

Virus rückt in den Hintergrund

Das Coronavirus rückte in dieser Zeit in den Hintergrund. Besonders in der ersten Juliwochen konnte längst nicht so viel getestet werden wie zuvor. Auch führte die landesweite Abschaltung des Internets dazu, dass Updates bezüglich der Pandemie nur spärlich durchdringen konnten. Es ist auch zu erwarten, dass durch die Unruhen und den damit einhergehenden Versammlungen die Infektionszahlen einen erneuten Anstieg verzeichnen werden.

Ein Abschied voll Wut und Hoffnung

Ich verlasse somit ein tiefgespaltenes Land, welches sich neben Armut und wirtschaftlichen Problemen zusätzlich noch im Würgegriff einer globalen Pandemie befindet und von einer schlimmen Heuschreckenplage heimgesucht wird. Das löst in mir nicht nur Trauer, sondern auch Wut aus. Denn dieses Äthiopien mitsamt seiner wunderbaren Menschen, das ich nun mehr als 3 Jahre meine Heimat nennen durfte, hat all das nicht verdient. Es ist ein Land mit unermesslichem Potential und es macht mich wütend mit anzusehen, wie die vielen Fortschritte der Entwicklung und der Friedensbemühungen durch nicht kontrollierbare externe und interne Faktoren in Bedrohung geraten.

Ich bin ein von Grund auf optimistischer Mensch, aber auch mir fällt es in solch stürmischen Zeiten manchmal schwer meinen Optimismus zu bewahren. Trotzdem ist es meiner Meinung nach am Wichtigsten, auch an solch dunklen Tagen nicht die Hoffnung zu verlieren und an das Gute zu glauben. Ich bin unendlich dankbar für die Zeit, die ich hier in Äthiopien verbringen durfte und hoffe eines Tages zurückzukehren und ein besseres Äthiopien, so wie es die Menschen hier auch verdient haben, zu besuchen.

Damit verabschiede ich mich aus Äthiopien und bedanke mich bei allen, die in den vergangenen Monaten meine Berichte aus diesem wunderbaren Land mitverfolgt haben.

Landschaft mit Regenbogen

1. Die Oromo sind eine der vielen Volksgruppen Äthiopiens, der etwa 34,9% der Bevölkerung angehören.

 

Henning Neuhaus, Menschen für Menschen, aus Addis Abeba

Arzt mit Mundschutz behandelt Patienten in Äthiopien

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