Portrait von Filmemacherin und Autorin Ruth Beckermann ((c) Nini Tschavoll)

Durch die Augen von...

Ruth Beckermann

In ihrem neuen Dokumentarfilm „Wax & Gold“ begibt sich die Filmemacherin und Autorin Ruth Beckermann auf eine persönliche Spurensuche durch Äthiopien. Im Interview spricht sie über die Geschichte des Landes, den letzten Kaiser Haile Selassie und den rasanten Wandel Addis Abebas. Dabei geht es um unterschiedliche Perspektiven auf Vergangenheit und Gegenwart, gesellschaftliche Veränderungen und darum, hinter die Oberfläche zu blicken, um ein vielschichtiges Bild Äthiopiens zu entdecken.

Sie tragen Bilder von Äthiopien bereits seit Ihrer Kindheit mit sich. Was hat diese Erinnerungen Jahre später wieder lebendig werden lassen und den Wunsch ausgelöst, ihnen filmisch nachzugehen?

Ruth Beckermann: Das Buch von Ryszard Kapuściński, König der Könige*, hat mich nach Addis Abeba gebracht. Darin geht es um den letzten äthiopischen Kaiser Haile Selassie und das Leben im Palast – ein Bild, das ich aus meiner Kindheit noch aus dem Fernsehen kannte. Damals gab es noch nicht so viel Fernsehen und auch nicht so viele Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen. Als ich das Buch später wieder gelesen habe, hat mich das sehr beeindruckt. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass es nie ins Amharische übersetzt worden war. Das hat mein Interesse noch verstärkt. Dabei wollte ich Kapuścińskis Buch nie einfach als Spielfilm verfilmen, sondern in eine Form übersetzen, die meine eigene Perspektive und meine Erinnerungen an Äthiopien zulässt.

*Im Buch „König der Könige“ von Ryszard Kapuściński geht es um den Aufstieg und Fall des äthiopischen Kaisers Haile Selassie (1930-1974) sowie um das universelle Wesen der absolutistischen Macht.

Haile Selassie steht einerseits für Modernisierung, Bildung und die internationale Öffnung Äthiopiens, andererseits aber auch für eine autoritäre Herrschaft und die Tatsache, dass viele Probleme ungelöst blieben. Wie hat sich dieses Spannungsverhältnis zwischen Modernisierung, internationaler Einflussnahme und der Frage, wer tatsächlich davon profitiert, heute verändert?

Was wir festgestellt haben, ist, dass Europa oder Amerika dort eigentlich nicht mehr wirklich präsent sind, sondern vor allem China, das große Projekte realisiert. Und gleichzeitig gibt es diese eigenständige Entwicklung vor Ort. Ich fand zum Beispiel interessant, dass RIDE, diese Taxi-App, mit der fast jeder fährt, der es sich leisten kann, von einer Frau gegründet wurde und sehr erfolgreich ist. Es gibt also Entrepreneure, und ich glaube, das ist der beste Weg, um ein Land zu entwickeln: wenn sich etwas eigenständig vor Ort entwickelt und dadurch mehr Menschen Arbeit finden, von der sie auch leben können. Natürlich ist das Kapitalismus. Manche werden davon profitieren, andere nicht. Aber je mehr sich eigenständig dort entwickelt, desto mehr Menschen bekommen die Möglichkeit, ihr eigenes Leben zu gestalten.

Im Film sprechen Sie mit vielen verschiedenen Menschen über das Buch von Kapuściński. Sie alle haben einen anderen Zugang zum Buch und der Geschichte, die erzählt wird. Was hat Sie daran besonders interessiert?

Das Buch wurde nie ins Amharische übersetzt, deshalb kennen es nur wenige Menschen in Äthiopien – vor allem jene, die es auf Englisch gelesen haben. Die Royals, etwa die Prinzessin Hannah Mariam, als direkte Nachfahrin des Kaisers ist natürlich gegen das Buch, weil sie eine verehrende Beziehung zum Kaiser hatte und hat. Das kann ich verstehen. Die Studierenden, die im Film eine sehr wichtige Rolle spielen, haben das Buch nur teilweise gelesen. Sie finden wahrscheinlich eher richtig, was daraus hervorgeht: dass diese Regierungsform und dieses höfische Leben das Land eine Zeit lang weitergebracht haben, dann aber auch nicht mehr. Es kommt immer auf die Perspektive an. Wir haben auch einige Stellen ins Amharische übersetzen lassen, die von den Menschen dort gelesen werden. Mir war wichtig, dass diese Sprache vorkommt, auch wegen ihres Klangs.

Ich wollte ein anderes Bild eines afrikanischen Landes zeigen, als wir meistens in den Medien sehen.

Ruth Beckermann, Filmemacherin und Autorin

Portrait von Filmemacherin und Autorin Ruth Beckermann ((c) Nini Tschavoll)

Sie haben das Hilton Hotel in Addis Abeba als Drehort gewählt. Es steht für Komfort und Luxus, zugleich sieht man unmittelbar die sozialen Unterschiede des Landes. Was kann ein Hotel über ein Land erzählen?

Mir wurde dieses Hotel empfohlen, und als ich das erste Mal dort war, dachte ich, es ist der ideale moderne Palast. Es korrespondiert mit dem Buch, es wurde von Haile Selassie gegründet – und es war mir wichtig, ein anderes Bild eines afrikanischen Landes zu zeigen als wir es meistens in den Medien sehen. Denn meistens sehen wir Armut. Aber es gibt auch Unternehmer, eine Mittelklasse, Reiche – es gibt alles. Gleichzeitig merkt man auch im Hotel schnell, was nicht funktioniert: Der Strom fällt öfter aus, daher gibt es im Hotel ein Aggregat. Oder man spricht mit Menschen und erfährt, dass sie nur ein oder zweimal in der Woche fließendes Wasser haben und dieses sammeln. Da kommt man schon darauf, in welchem Luxus wir hier in Österreich leben.

Der Titel „Wax & Gold“ bezeichnet eine traditionelle amharische Kultur- und Sprachtechnik: Das Offensichtliche ist das „Wachs“, dahinter liegt das eigentliche „Gold“. Man sagt etwas und meint zugleich etwas anderes. Ist diese Idee für Sie auch ein Schlüssel zum Verständnis von Geschichte oder Politik?

Ja, schon. Also: Schauen wir dahinter – Fakten und Fiktion. Das kennen wir aber auch im Wienerischen, etwa bei Nestroy. Man sagt: „Na, du schaust gut aus“, und meint eigentlich: „Wie schaust denn du heute aus?!“ Man sagt also das Gegenteil, aber auf humorvolle Weise. Diese Kulturtechnik ist sehr alt und hat mir sehr gefallen. Früher haben die Menschen den Priestern ihre Probleme geschildert, und die haben sie dann entsprechend verpackt. Oder Bänkelsänger, die haben oft Liebeslieder gesungen, die aber durchaus auch politisch verstanden werden konnten. Gerade darin liegt für mich etwas Spannendes: Vordergründig erzählt man eine Geschichte oder singt über die Liebe, aber dahinter kann eine ganz andere, gesellschaftliche oder politische Bedeutung liegen.
Poster des Dokumentarfilms "Wax & Gold" von Ruth Beckermann

Hinter der Oberfläche liegt das Gold

In ihrem neuen Film „Wax & Gold“ begibt sich Ruth Beckermann
auf eine persönliche Spurensuche durch Äthiopien. Was sie aus
ihrer Jugend über das Land und den letzten Kaiser Haile Selassie in Erinnerung hat, trifft auf das heutige Addis Abeba – eine Stadt zwischen Tradition, rasantem Wandel und Aufbruch.

Sie führt Gespräche mit Menschen, die ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Geschichte und Gegenwart ihres Landes haben. So entsteht ein vielschichtiges Porträt Äthiopiens zwischen Erinnerung und Veränderung, Vergangenheit und Zukunft.

Haben Sie dieses „Gold“ im „Wachs“ auch selbst in Addis Abeba entdeckt?

Ich habe einfach viel Überraschendes und Neues erlebt und gehört. In Addis Abeba hatte ich irgendwann das Gefühl, dass es ein bisschen so ist, wie Wien in meiner Jugend – natürlich nur auf einer Ebene: Es gibt wenige Orte, und dort trifft man immer wieder die gleichen Leute. Und das mag ich an Städten. Das gibt es kaum mehr. So ist es mir mit einigen Leuten ergangen, die ich dann mehrmals wieder getroffen habe. Das hat mich überrascht und gleichzeitig sehr gefreut. Dieses Wiederbegegnen, dieses Gefühl, dass eine Stadt trotz ihrer Größe plötzlich sehr persönlich wird – das war für mich etwas von diesem „Gold“, das man nicht unbedingt erwartet. Das gefällt mir.

Am Ende des Films verlassen Sie das Hotel und gehen hinaus in die Stadt. Man spürt einen starken Wandel: Addis Abeba scheint gleichzeitig in die Vergangenheit und in eine extrem moderne Zukunft zu blicken. Was macht diese Ambivalenz für Sie aus?

Es wechselt alles sehr schnell von Wellblechhütten zu hell erleuchteten Straßen mit Lampen im falschen Jugendstil – das sieht man auch im Film. Ich habe noch erlebt, wie Piassa, das historische und kulturelle Herz von Addis Abeba, existierte. Dieses romantische, bunte Zentrum ist jetzt verschwunden. Eine so radikale Veränderung können wir uns heute in einer europäischen Stadt kaum vorstellen. Das zeigt, welche Energie in einer jungen Bevölkerung steckt. Die wollen einfach in die Zukunft. Irgendwann hat mich diese Energie des Neuen beeindruckt. Ich habe das mit dem Ringstraßenbau Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien verglichen: Stadtmauern, Hütten und arme Häuser wurden weggerissen, und in Windeseile entstanden Palais und Prachtbauten. Auch für die Wiener Bevölkerung muss das ein Schock gewesen sein.

Was haben Sie selbst aus Äthiopien mit nach Hause genommen, das man im Film nicht sieht?

Ich fand die Musik einfach toll. Die fand ich vorher schon gut, aber das hat sich noch verstärkt, weil es diesen neuen Ethio-Jazz gibt. Und ich habe etwas mitgenommen, das es leider so nicht mehr gibt: den Treffpunkt, den Jazzclub der Stadt, Fendika. Dieses Haus wurde abgerissen. Jetzt ist der Club in den Keller des Hyatt-Hotels übersiedelt. Es ist schön gemacht, und man versucht, die Stimmung zu erhalten, aber natürlich ist es nicht dasselbe.

Das Interview führte Katharina Schuh-Tesch von Menschen für Menschen Österreich im September 2026.

Portrait von Filmemacherin und Autorin Ruth Beckermann ((c) Nini Tschavoll)

Zur Person

Ruth Beckermann

Ruth Beckermann lebt als renommierte Filmemacherin und Autorin in Wien. Seit 1985 realisiert sie Dokumentar- und Spielfilme, darunter:
  • Die papierene Brücke
  • Waldheims Walzer
  • Die Geträumten
  • Mutzenbacher
  • Favoriten
Für ihre Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt Waldheims Walzer 2018 den Glashütte Preis für den besten Dokumentarfilm auf der Berlinale und eine Oscar-Nominierung, während Mutzenbacher 2022 in der Berlinale-Sektion Encounters als bester Film ausgezeichnet wurde. Ihr neuester Film WAX & GOLD feierte 2026 auf der Berlinale Premiere. Beckermanns Filme verstehen Dokumentarfilm nicht als vermeintlich objektive Abbildung der Wirklichkeit. Vielmehr macht sie ihre eigene Perspektive sichtbar und lässt aus Beobachtungen, Gesprächen, Erinnerungen und Bildern persönliche Zugänge zu historischen und gesellschaftlichen Themen entstehen.
Portraitbild von Katharina Schuh-Tesch, Menschen für Menschen Österreich

Katharina Schuh-Tesch

Ihre Ansprechpartnerin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

E-Mail: k.schuh-tesch@mfm.at
Mobil: +43 (0)670 400 31 08
Logo Menschen für Menschen

Menschen für Menschen

Das Cover des Nagaya-Magazins, Ausgabe 3/2026, zeigt eine ältere Frau, die sich lächelnd an einen Türstock lehnt und direkt in die Kamera blickt.

Ausgabe 3/2026

Jetzt lesen

Downloaden
Pfeil nach unten
Pfeil nach unten

Weitere Neuigkeiten

Der äthiopische Landesrepräsentant Ato Yilma Taye bei der Übergabe von Nothilfegütern.
23.10.2026
In liebevoller Erinnerung

Nachruf auf Ato Yilma Taye

Menschen für Menschen trauert um Ato Yilma Taye, Landesrepräsentant von Menschen für Menschen in Äthiopien. Am 15. Oktober 2026 ist Ato Yilma Taye verstorben. Er war seit 1991 Teil des Teams und hat seit 2021 als Landesrepräsentant der Stiftung die äthiopische Organisation und Implementierung unserer Projekte von Addis Abeba aus verantwortet.
Aktuelles
Hügelige Landschaft in Tigray
02.10.2026
Erneute Kämpfe im Norden

Die aktuelle Lage in Äthiopien

Die Sicherheitslage im Norden Äthiopiens hat sich seit Ende September 2026 erneut verschärft. Wir beobachten die Entwicklungen aufmerksam und stehen in engem Austausch mit unseren Kolleginnen und Kollegen sowie Partnerorganisationen vor Ort. Die Sicherheit unserer Mitarbeitenden, Projektpartner und der Menschen, mit denen wir arbeiten, hat für uns höchste Priorität.
Aktuelles
Ein voll besetzter Kinosaal mit zahlreichen Menschen.
29.09.2026
Jetzt mitmachen und gewinnen!

GEWINNSPIEL: 1x2 Kinotickets für „WAX & GOLD“

Wir verlosen 1x2 Tickets für „WAX & GOLD“, den neuen Film von Ruth Beckermann, am 09.11.2026 im Votiv Kino in Wien! Nach der Vorstellung erwartet das Publikum ein besonderes Gespräch mit Regisseurin Ruth Beckermann und Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen. Melde dich für unseren Newsletter an und sichere dir die Chance, beim Gewinnspiel dabei zu sein.
Aktionen
Aktuelles