Nagaya Magazin 1/2015 – Wasser marsch!

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

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Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  • Den Durst löschen, die Ernährung sichern: Trinkwasser und Bewässerung im Dorf Fati
  • Augenoperationen auf dem Land: Kampf gegen das Erblinden
  • Äthiopien durch die Augen von Angelika Goldmann, Redakteurin und Fotografin der WIENERIN

 

Reportage – Den Durst löschen, die Ernährung sichern

Was kostet es, den Menschen eines ganzen Dorfes ein würdigeres Leben zu ermöglichen? Im Dorf Fati lautet die Antwort: 2.600 Euro. Mit dieser Summe sorgte Menschen für Menschen für sicheres Trinkwasser und gleichzeitig für die Bewässerung der Felder. Die Bewohner Fatis profitieren gesundheitlich und können sich und ihre Kinder ausreichend und vitaminreich versorgen.

Von Bernd Hauser · Fotografie Rainer Kwiotek

Itataku Wales Lächeln ist ansteckend. Jeder in ihrer Nähe spürt sofort: Das Lächeln der 25-Jährigen kommt von Herzen. Ihre Tochter Wenischet hat das sonnige Gemüt der Mutter geerbt. Eifrig rennt die Siebenjährige in den Garten, um Tomaten zu pflücken und sie mit strahlendem Gesicht zu bringen. Der Besucher spürt: Auf diesem Bauernhof lebt eine glückliche junge Familie. Doch früher gab es auch andere Tage: Wenischet lag in der Hütte, abgemagert und matt. Das schmutzige Wasser, das sie trank, hatte sie krank gemacht. Zwar gab es eine Quelle, die sauberes Wasser spendete, aber sie lag über eine Stunde Weges entfernt vom Dorf. Es war eine große Strapaze für die Frauen, die traditionell für das Wasserholen zuständig sind, die 20-Liter-Kanister so weit zu schleppen. Deshalb und aus Unwissen schöpften sie das tägliche Nass meist aus zwei Quellen im Dorf, die als Rinnsale an einem sanft abfallenden Hang aus der Erde traten. Doch weil so viele Menschen und Tiere kamen, um ihren Durst zu stillen, war die Umgebung morastig, das in Pfützen aufgestaute Wasser verdreckt. Vor allem die Kinder, die den Bakterien die geringsten Widerstandskräfte entgegenbringen können, bekamen Durchfälle. Wenn die Kinder mangelernährt sind oder bereits durch weitere Krankheiten geschwächt, werden diese leicht lebensbedrohlich: In Äthiopien sind Durchfallerkrankungen noch immer die häufigste Todesursache für Kinder unter fünf Jahren. Itataku musste die Sorge um das Leben ihres Töchterchens allein ertragen. Abeno Dessalo, ihr Ehemann, war in die Fremde gegangen, weil ihr kleines Feld, auf dem er Weizen anbaute, nicht zum Überleben reichte. Oben in Gondar, im Norden unweit der sudanesischen Grenze, hatte er sich zum Unkrautjäten in den Sesam-Feldern eines Agrar-Unternehmers verdingt. Die Verpflegung war schlecht, jeden Tag gab es nur Getreide-Brei und Brot. Er bekam einen Tagelohn von zweieinhalb Euro und Malaria. „Einige Kollegen starben an der Krankheit, geschwächt, wie sie waren. Aber ich überlebte und kehrte nach Hause zurück“, erzählt der 35-Jährige: Sein Versuch als Wanderarbeiter Geld für seine kleine Familie zu verdienen, war ein Fehlschlag.

 

Wasser für 750 Menschen

Erst die Entwicklungsfachleute von Menschen für Menschen eröffneten der Familie und allen weiteren Bewohnern von Fati im Projektgebiet Borena die Perspektive auf ein besseres Leben in ihrer Heimat. Sie bauten Quellfassungen für die beiden Quellen im Dorf. Das so gesicherte Trinkwasser wird nun über eine Leitung zu einem Reservoir gefördert, das künftig rund 750 Menschen versorgt. Ein von der Organisation geschultes Komitee sorgt dafür, dass die Menschen regelmäßig geringe Wassergebühren entrichten. Mit diesen Rücklagen kann die Anlage auf Jahrzehnte instandgehalten werden, auch nachdem sich die Äthiopienhilfe aus der Region zurückgezogen hat.

 

Bevölkerung packte mit an

Die Bewohner von Fati halfen beim Bau der Anlagen mit. Sie hoben den Untergrund für die Fundamente aus, schleppten Steine für die Maurer. Die Kosten für die Quellfassung inklusive Entnahmestelle und Wasserreservoir liegen in Fati bei insgesamt 2.600 Euro. Dreieinhalb Euro pro Einwohner: Mehr kostete es hier nicht, die Menschen dauerhaft mit sauberem Wasser zu versorgen. Da die Voraussetzungen für den Bau eines Brunnen oder einer Quellfassung jedes Mal unterschiedlich sind, belaufen sich die Kosten im Schnitt auf rund 10 Euro, womit einem Menschen langfristig der Zugang zu sauberem Wasser gesichert werden kann.

 

Vielfacher Nutzen

Ganz im Sinne der „integrierten ländlichen Entwicklung“ von Menschen für Menschen bringt das Projekt in Fati eine Reihe an positiven Wirkungen, die sich gegenseitig ergänzen. Denn das Trinkwasserreservoir hat einen Überlauf: Das überschüssige Wasser fließt über einen zementierten Kanal in ein Nachtspeicherbecken mit einem Volumen von 135 Kubikmetern. Das reicht, um die Felder von 57 Familien am darunter liegenden Hang über Erdkanäle zu bewässern. Zwei Mal am Tag wird das Speicherbecken geöffnet. Dann schießt das Wasser über Erdkanäle auf die Felder der Familien, die nach einem ausgeklügelten Plan mit der Zuteilung des lebenspendenden Nasses an der Reihe sind. „Früher aßen wir hauptsächlich Weizen, tagein, tagaus“, erzählt Itataku. „Nun aber können wir durch die Bewässerung auch die Gemüsesorten anbauen, mit denen Menschen für Menschen uns vertraut gemacht hat.“

 

Familie bleibt vereint

Auf dem Viertelhektar Land, wo früher nur Weizen stand, pflanzt die Familie jetzt neben Mais auch Tomaten, Kohl und Chili, die Ehemann Abeno auf dem Markt verkaufen will. Mit besonderer Sorgfalt hegt und pflegt er besonders die sechs Apfelbäumchen, die er von der Äthiopienhilfe erhalten hat und die bald die ersten Früchte hervorbringen. „Ich bin gespannt. Ich habe noch nie einen Apfel gegessen“, erzählt Abeno. Äpfel sind in der Gegend wenig bekannt, gelten als besonderer Luxus und erzielen entsprechend gute Preise auf dem Markt. Allein durch den Verkauf von Teilen seiner Gemüseernte rechnet Abeno mit einem Verdienst von über 200 Euro. „Dafür hätte ich auf den Sesamfeldern von Gondar über drei Monate arbeiten müssen“, rechnet der Bauer vor. „Aber jetzt kann ich zum Glück bei meiner Familie bleiben und meine Tochter aufwachsen sehen.“ Itataku lächelt, nimmt einen Plastikkrug mit Wasser und wäscht Wenischet zärtlich das Gesicht.

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