Nagaya Magazin 1/2016 – Nothilfe in Äthiopien

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

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Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  • „Als würde ich von dieser Welt verschwinden.“ – Nothilfemaßnahmen in Agarfa
  • Investmentbanker der anderen Art – Was Ihre Spende bewirkt
  • Äthiopien, durch die Augen von… – Ronald Schönhuber, „Wiener Zeitung“

 

Reportage – „Als würde ich von dieser Welt verschwinden.“

Safia, Meti und Alfia: Drei Frauen die stellvertretend für 10,2 Millionen Menschen in Äthiopien stehen, die laut UNO bereits auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind. Im Laufe des Jahres könnte sich diese Zahl weiter erhöhen. Menschen für Menschen leistet seit November Nothilfe für mittlerweile 32.500 Menschen.

Meti Robi macht sich große Sorgen. „Was soll aus mir werden, wenn alle von hier weggehen?“, fragt die Frau, die nicht so genau sagen kann wie alt sie eigentlich ist. Meti hat vier Kinder die sich um sie kümmern, dafür beherbergt sie zwei ihrer Enkelkinder bei sich zuhause. Es ist ein selbstverständliches Arrangement für Familien hier im weit abgelegenen Dorf Makala. Knapp drei Stunden dauert die Fahrt in die regionale Hauptstadt Agarfa – selbst mit einem geländetauglichen Fahrzeug.

 

Verlassene Hütten

Metis Sorge ist berechtigt. Auf der Fahrt durch die Region kommt man immer wieder an leerstehenden Hütten vorbei. Ihre Bewohner sind längst fortgezogen: Auf der Suche nach Arbeit und nach einem Auskommen für ihre Familien haben sie ihre Heimat verlassen. Denn in der Region hat es stellenweise seit zwei Jahren nicht mehr ausreichend geregnet. Eine Katastrophe für die Menschen der Region, die hauptsächlich auf den Ertrag ihrer Felder angewiesen sind. Schon eine ausgefallene Ernte kann bedeuten, dass die Menschen auf Nahrungsmittelhilfe der Regierung angewiesen sind. Seit über zehn Jahren gibt es ein Sicherheitsnetz, das sogenannte „Productive Safety Net Programme“ der äthiopischen Regierung, das gemeinsam mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen und anderen Entwicklungspartnern umgesetzt wird. Vereinfacht gesagt, kann dieses Programm als soziale Absicherung verstanden werden und verfolgt das Ziel, die Ernährung insbesondere in ländlichen Regionen zu sichern. In der Regel leisten die Empfänger im Gegenzug Arbeiten auf Gemeindeebene.

 

Sicherheitsnetz reicht nicht

Acht Millionen der knapp hundert Millionen Einwohner Äthiopiens werden in der Regel durch dieses Netz aufgefangen und sie können so die Zeit zwischen den Ernten überbrücken. Doch seit letztem Jahr ist die Lage angespannt: Das Sicherheitsnetz reicht nicht mehr aus. Äthiopien ist auf die Hilfe der internationalen Gemeinschaft angewiesen. Wie in Agarfa sind in weiten Teilen des Landes die Regenzeiten ausgeblieben. Erst die kleine im Frühjahr, dann auch die große Regenzeit über die Sommermonate. Wenn die Ernte wiederholt ausfällt, bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als ihr Vieh zu verkaufen. Ziegen, Kühe und Ochsen gelten für die Bevölkerung im ländlichen Äthiopien als Notreserve. Sie sind sozusagen das „Sparbuch auf vier Beinen“ für die Familien. Die achtfache Mutter Safia Shekadir hatte keine andere Wahl mehr, sie musste ihre Tiere verkaufen: „Nur die Milchkuh ist mir noch geblieben. Aber die kann ich nicht verkaufen. Was würde mir dann noch bleiben?“ Beim Besuch in ihrer kleinen Hütte spürt man die Verzweiflung und die Anspannung die Safias Notlage mit sich bringt. Schon drei Mal in Folge hat sie in Erwartung der Regenzeit Sorghum und Mais ausgesät. Doch der Regen blieb größtenteils aus, die Pflanzen wuchsen nicht ordentlich und verkümmerten schließlich zur Gänze. „Manchmal,“ erzählt Safia mit schwerer Stimme, „manchmal, da habe ich das Gefühl als würde ich von dieser Welt verschwinden.“ Und hin und wieder, wenn sie in der nächstgrößeren Stadt ist, denke sie gar darüber nach, ob sie überhaupt nach Hause zurückkehren soll.

 

Rechtzeitige Hilfe für Familien

Gerade noch rechtzeitig kommt deshalb die Hilfe von Menschen für Menschen. Safia ist eine der Ersten, die im Rahmen des Nothilfeprogramms mit Lebensmitteln versorgt wird. Seit November versorgt die Hilfsorganisation rund 28.000 Menschen in der schwer von Dürre betroffenen Region Agarfa. Schnell wurde ersichtlich, dass in der Region mehr Menschen Nothilfe benötigen. Deshalb wurden die Hilfsmaßnahmen angepasst. 32.500 Menschen werden nun mit dringend benötigten Nahrungsmitteln versorgt. In Orten wie Makala sind ausnahmslos alle Einwohner auf diese Hilfe angewiesen. Vorerst vier Monate lang verteilt Menschen für Menschen ein Nahrungsmittelpaket, wie es vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen empfohlen wird: Jeder Mensch erhält monatlich 15 kg Getreide, 1,5 kg Hülsenfrüchte und 0,45 kg Speise öl. Schwangere Frauen, stillende Mütter und Kleinkinder bekommen außerdem ein vitamin- und nährstoffreiches Nahrungsergänzungsmittel. Wie gefährlich Dürre und die damit einhergehende Unter- und Mangelernährung für Hochrisiko-Gruppen wie Kinder, schwangere oder stillende Frauen ist, zeigt Asnake Worku von Menschen für Menschen auf: „Sie sind besonders von Unter- und Mangelernährung betroffen. Schwangere und stillende Frauen brauchen einerseits dringend zusätzliche Kalorien. Andererseits führt Unterernährung auch zu einer Schwächung des Immunsystems. Dadurch sind zum Beispiel Krankheiten wie die Masern auf dem Vormarsch. Auch Krankheiten die aufgrund der schlechten Wasserversorgung entstehen breiten sich schneller aus. Unter- und Mangelernährung führt insbesondere bei Kindern zu langfristigen Schäden in der Entwicklung.“ Asnake Worku ist Leiter der Programmkoordination bei Menschen für Menschen und begleitete die ersten Tage der Nahrungsmittelverteilung. Vor Ort sind Mitarbeiter der Hilfsorganisation für die Verteilung und Koordination verantwortlich. Auch der Einkauf und der Transport werden eigenständig abgewickelt. „Nur so können wir garantieren, dass die Hilfe denen zugutekommt, die sie am dringendsten brauchen“, sagt Rupert Weber, geschäftsführender Vorstand von Menschen für Menschen in Österreich. Er hat sich vorab bereits ein Bild von der Lage gemacht und überzeugt sich nun auch vom reibungslosen Ablauf der Verteilung. „Viel später hätten wir mit der Nothilfe nicht beginnen dürfen. Die Menschen stehen hier in Agarfa wortwörtlich vor dem Nichts.“

 

Verheerende Dürre

Doch der Hilfsorganisation sind teilweise die Hände gebunden: „Natürlich möchten wir viel mehr Menschen in dieser Notsituation helfen. Aber uns fehlen die notwendigen Mittel dazu. Wir sind unserer laufenden Arbeit in den Projektregionen verpflichtet und haben auch eine Verantwortung gegenüber den Menschen dort. Die Mittel, die wir nun für die Nothilfe einsetzen, müssen wir zusätzlich aufbringen“, erläutert Rupert Weber die schwierige Lage. Teilweise seien auch Projektregionen von Menschen für Menschen von der verheerenden Dürre betroffen. Bis jetzt ist aber keine Nothilfe seitens der Hilfsorganisation notwendig. „Sicherlich spielt da auch unser umfassender Ansatz eine Rolle, wodurch die Auswirkungen der Dürre abgefedert werden können“, so Rupert Weber. Laut den Vereinten Nationen herrscht in Äthiopien die schlimmste Dürre seit 30 Jahren. Die Zahl der Menschen, die auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind, wurde im Laufe der vergangenen Monate schrittweise nach oben korrigiert: Von 4,5 Millionen im September auf mittlerweile 10 Millionen. Die Vereinten Nationen rechnen aktuell damit, dass es noch mehr werden könnten: bis zu 15 Millionen. Eine recht abstrakte Zahl, die jedoch in Dörfern wie Makala greifbar und in Schicksalen wie jenen von Safia oder Meti erfahrbar wird: Wenn es keine Hilfe gibt, haben sie keinerlei Perspektive mehr.

 

Wir müssen jetzt helfen!

Wir dürfen nicht warten, bis wir die ersten Bilder von hungernden Kindern sehen. Verhindern Sie großes Leid. Unterstützen Sie bitte unsere Nothilfe und spenden Sie für lebenswichtige Nahrungsmittel:

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Danke für Ihre Hilfe!

Wir bedanken uns ganz herzlich bei alles Spendern, die unsere Nothilfe während der verheerenden Dürre 2015 und 2016 unterstützt haben. Dank Ihnen konnten die Menschen in Agarfa das Schlimmste überstehen. Nun können wir uns wieder unserer nachhaltigen Arbeit widmen: Solchen Katastrophen vorzubeugen, damit Notsituationen wie diese gar nicht erst entstehen.

Ich will spenden!

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