Nagaya Magazin 4/2019 – Gemeinsam Verantwortung tragen

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

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Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  • Ein Dorf packt an – Wie die Menschen in Didiksa ihre Zukunft verändern
  • Äthiopien, durch die Augen von Journalist Thomas Stollenwerk
  • Wir sind Menschen für MenschenLernen Sie das Team kennen

 

Gemeinsam Verantwortung tragen

Weit abgelegen in der Projektregion Abune Ginde Beret liegt das Dorf Didiksa. Mit viel Einsatz und Überzeugung setzen sich die BewohnerInnen für die Entwicklung in ihrer Region ein, und das weit über die Dorfgrenzen hinaus.

 

„Meine größten Wünsche, sauberes Wasser und Licht, sind schon in Erfüllung gegangen. Wenn ich jetzt noch erleben darf, dass die Straße zu uns ins Dorf führt, bin ich glücklich.“
– Asnaku, Bäuerin aus Didiksa

Äthiopische Frau wäscht ihre Hände mit Kanister
Asnaku ist stolz auf ihre Latrine und informiert ihre NachbarInnen über die vielen Vorteile hygienischer Maßnahmen.

 

„Selbst die Katzen graben ein Loch für ihr Geschäft. Weshalb riskieren wir also gefährliche Krankheiten, wenn es doch so einfach ist, eine Latrine zu bauen?“ So simpel wie einleuchtend macht Asnaku ihrem Unverständnis Luft, dass noch immer viel zu viele Familien in Äthiopien keine Latrine nutzen. „Wenn ich bei anderen Familien zu Besuch bin, erkläre ich ihnen, wie wichtig es ist, eine Latrine auf dem Hof zu graben und nicht mehr ins offene Feld zu gehen. Ich habe seit einiger Zeit eine eigene Latrine und meine Familie ist jetzt viel seltener krank.“ Asnaku ist begeistert von den vielen kleinen Veränderungen, die Einzug in ihr Dorf gehalten haben. „Alles, was sich hier verändert hat, haben wir Menschen für Menschen zu verdanken“, sagt die 51-Jährige bei einem Treffen der Dorfgemeinschaft von Didiksa, das zu unserem Besuch einberufen wurde. Begeistert berichtet sie, was sich in der abgelegenen Region schon getan hat: „Wir haben jetzt nicht nur Latrinen und holzsparende Öfen. Menschen für Menschen hat uns auch Gemüse gebracht und uns gezeigt, wie es zubereitet wird. Früher waren wir oft krank und verletzten uns an den offenen Feuerstellen. Sie haben uns über die Bedeutung von Latrinen aufgeklärt und sauberes Wasser ins Dorf gebracht. Und seit neuestem gibt es sogar Kaffeepflanzen.“

 

Beharrlichkeit zahlt sich aus

Dass diese Neuheiten in Didiksa Einzug gehalten haben, hat die Dorfgemeinschaft zum größten Teil dem Bauer Alemu zu verdanken. Als Gemeindevorstand hat er sich lange dafür eingesetzt, dass ein Zufahrtsweg in das abgelegene Dorf geschaffen wird. „Bis ins 100 Kilometer entfernte Ambo bin ich gefahren, um bei der Verwaltung den Bau einer Zufahrtsstraße zu erwirken, von der über 5.000 Menschen profitieren würden. Aber es war zwecklos. Sie ließen mich immer wieder abblitzen.“ Also wandte sich Alemu an Menschen für Menschen. „Drei Mal wurde ich im Projektbüro vorstellig“, erzählt Alemu dem überraschten Projektleiter Berhanu Bedassa, der entschuldigend anmerkt, dass er täglich zahlreiche Anfragen von der Bevölkerung erhält. Immerhin leben alleine in der Projektregion Abune Ginde Beret, an dessen äußerstem Rand das Dörfchen Didiksa liegt, über 140.000 Menschen – als Projektleiter ist Berhanu sogar für zwei Regionen verantwortlich.

 

Äthhjpische Frauen holen Wasser von einer ausgebauten Wasserstelle
Seit kurzem gibt es eine Quellfassung und damit sauberes Wasser in Didiksa. Ein Wasserkomitee kümmert sich um die Pflege der Wasserstelle.

 

Die ersten wichtigen Schritte

Doch nach dem etwas holprigen Start nahm die Unterstützung Fahrt auf: Seit drei Jahren engagieren sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Menschen für Menschen nun in dem entlegenen Gebiet. „Unsere wichtigsten Anliegen waren die Wasserversorgung, der Bau der Straße, Saatgut und Setzlinge sowie der Bau einer neuen Schule“, erläutert Alemu die dringendsten Bedürfnisse im Dorf Didiksa. „Menschen für Menschen hat uns sauberes Trinkwasser gebracht und Saatgut und Setzlinge für Gemüse, Kaffee, Äpfel und Mangos. Auch die Straße sollte Ende des Jahres in Angriff genommen werden.“ Alemu ist zufrieden – bald schon wird ein wichtiges Vorhaben umgesetzt und mit der Straße eine wichtige Verbindung in die Bezirkshauptstadt Bake Kelate geschaffen. „Dadurch erhalten wir einen leichteren Zugang zum Markt und somit zu Saatgut und Düngemitteln. Aber vor allem ist es wichtig für Mütter, die zur Entbindung ins Gesundheitszentrum gebracht werden müssen. Viele sterben auf dem langen Weg dorthin. Die Straße würde das Problem lösen und der Krankenwagen könnte zufahren.“

 

Äthiopischer Mann kniet vor Feld und hält eine Pflanze in der Hand
Rund 400 Kaffeepflänzchen werden nach und nach ihren Weg in die Erde auf Alemus kleinem Hof finden und ihm künftig ein gutes Einkommen bescheren.

 

Äthiopischer Mann kniet in Feld und hält Pflanze
Alemu hat auf seinem kleinen Hof auch schon Apfelbäumchen gepflanzt. Mit dem Verkauf von Honig aus den modernen Bienenkästen erzielt er heute schon ein gutes Einkommen.

 

„Erst wenn alle Menschen in meinem Dorf und im nächsten Dorf die Möglichkeit haben, ihr Leben zu verbessern, ist das richtige Entwicklung.“
– Alemu, Bauer aus Didiksa

 

Entwicklung über Grenzen hinaus

Alemu ist ein Vorreiter in seiner Gemeinde und hat die Chance ergriffen, viele verschiedene Kurse von Menschen für Menschen zu absolvieren. Wie viele Bauern in der Region betreibt auch er „Sharecropping“, also Naturalienpacht, und bewirtschaftet das Feld einer ehemaligen Nachbarin, die nach der Heirat aus dem Dorf weg zog. Dort baute er hauptsächlich Mais und Teff an, die Ernte reichte jedoch nur selten das ganze Jahr über. „Manchmal hatten wir gar nichts zu essen“, erinnert sich Alemu an schlechtere Zeiten. Heute gehört Alemu zu den erfolgreichsten Bauern seiner Region. Zweimal im Jahr erntet er jetzt Honig und verdient damit gut 4.000 äthiopische Birr, also rund 120 Euro. Ein Verdienst, für den ein Lehrer in der Region rund zwei Monate arbeiten muss. 400 Kaffeesetzlinge hat er bereits gesetzt und wird sich nach wenigen Jahren auf eine reiche Ernte einstellen können. Aber Alemu ruht sich nicht auf seinem Erfolg aus. Er will, dass auch andere von den Maßnahmen profitieren: „Wenn sich nur das Leben meiner Familie verbessert, ist das zwar schön, aber zu wenig. Erst wenn alle Menschen in meinem Dorf und im nächsten Dorf die Möglichkeit haben, ihr Leben zu verbessern, ist das richtige Entwicklung.“

 

Nachbarschaftshilfe

Entwicklung in seine Heimat zu bringen, ist auch Meserets Ziel. Der 21-Jährige besucht derzeit die 12. Schulstufe in der Bezirkshauptstadt und wird sich bald auf die Universität vorbereiten können. „Ich habe mich auf Naturwissenschaften spezialisiert und möchte Ingenieurwesen studieren. Dadurch kann ich mithelfen, mein Land aufzubauen. Nach meinem Studium möchte ich hierher zurückkehren und an der Entwicklung unseres Dorfes mitarbeiten“, legt Meseret seine konkreten Pläne offen. Schon früh hat er begonnen, sich auf die Erfüllung seiner Träume vorzubereiten. Während in der Region Abune Ginde Beret hauptsächlich die Sprache Afaan Oromoo gesprochen wird, ist die Unterrichtssprache an der Universität in Addis Abeba die Landessprache Amharisch. „Als ich ein Kind war, kamen die Lehrer oft erst Montagnachmittags zur Schule und gingen Freitagmorgens wieder. Manchmal hatten wir also nur drei Tage Unterricht in der Woche und unsere Ausbildung hat sehr darunter gelitten. Ich wollte aber immer schon richtig gut Amharisch lernen. Denn ich möchte an die Universität in Addis gehen, denn dort werden nur die Besten aufgenommen.“ Tatsächlich war es Asnaku, die Meseret unter ihre Fittiche nahm und ihm Amharisch beibrachte.

 

Äthiopischer Mann lächelt in Kamera mit Jeep im Hintergrund auf Straße
Meseret möchte Ingenieur werden, um künftig an der Entwicklung in seinem Dorf mitzuarbeiten. Noch können nur die Allradfahrzeuge von Menschen für Menschen nach Didiksa zufahren.

 

„Ich habe vor, eine Ausbildung im Ingenieurwesen zu machen, um dann hierher zurückzukehren und an der Entwicklung unseres Dorfes mitzuarbeiten.“
– Meseret, Schüler aus Didiksa

 

Chancen ergreifen

Diese Art von Zusammenhalt und Unterstützung zeichnet die BewohnerInnen von Didiksa besonders aus. Als im benachbarten Dorf die ersten Terrassierungen mit Unterstützung von Menschen für Menschen angelegt werden, ist Bauer Alemu mit Rat und Tat zur Seite, um die NachbarInnen an seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Und auch auf seinem Hof hat er immer wieder Menschen aus der Umgebung zu Gast, die sich das eine oder andere von ihm abschauen möchten. Viel Zeit, sich wie früher in der Gemeinde einzubringen, bleibt dem erfolgreichen Bauer heute aber nicht mehr: „Wenn dir Menschen für Menschen die Möglichkeit zur Verbesserung bietet, musst du dranbleiben. Derzeit arbeite ich hauptsächlich auf meinem Hof und am Feld.“ Für seine Kinder wünscht sich Alemu, dass sie es einmal leichter haben. „Ich möchte nicht, dass meine Kinder Bauern werden, so wie ich. Ich bereue es immer noch, dass ich die Schule nicht abgeschlossen habe. Deshalb ist es mir wichtig, meinen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen.“ Durch den zusätzlichen Verdienst durch den Verkauf von Gemüse, Obst und Honig kann Alemu seinen Kindern genau das bieten. So besucht seine älteste Tochter derzeit eine private Hochschule in Ambo. Sie sollte später eigenständig sein und sich selbst gut versorgen können. „Sobald ihre Ausbildung abgeschlossen ist, werde ich meinem nächsten Kind die Privatschule ermöglichen.“

Alemu, Asnaku und Meseret wirken jeder auf ihre Weise mit, ihre Heimat in eine bessere Zukunft zu führen. Gemeinsam haben sie schon viel erreicht. Für sich selbst, für ihre Familien, aber vor allem für die kommenden Generationen. „Wenn dir jemand einen Baum gibt, pflanze ihn! Verschwende ihn nicht!“, sagte Asnaku noch zu Beginn der Arbeit von Menschen für Menschen im Dorf Didiksa. Und mittlerweile trägt dieser Baum schon Früchte.


News-Fotograf Ricardo Herrgott verbrachte einen Tag im Dorf Didiksa in der Projektregion Abune Ginde Beret. In diesem Video hat er das Leben der Menschen im ländlichen Äthiopien in beeindruckenden Bildern festgehalten:

Lächelnder Junge in Äthiopien mit Thumbs Up und Pflanze in der Hand

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