Nagaya Magazin 1/2019 – Fleißig wie die Bienen

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

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Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  • Bienenkooperativen – Mit Fleiß in eine bessere Zukunft
  • Wärmende Geschichten – Reisebericht von Alexandra Bigl
  • Flüssiges Gold – Honig als Wirtschaftsfaktor

 

Bienen – gut gegen Jugendarbeitslosigkeit

Wie ermöglicht man jungen Menschen eine Zukunftsperspektive und schafft gleichzeitig Entwicklung in ländlichen Regionen? Die Bienenkooperativen von Menschen für Menschen sind eine mögliche Antwort.

 

Junge Imker in Äthiopien vor ihren Bienenstöcken mit Mittelwand in der Hand
Stolz präsentieren die Jungimker ihre ersten selbstgegossenenMittelwände. Im Hintergrund ihre Bienenstöcke.

In Österreich sind die Bienen und ihre Bedeutung für Umwelt und Ernährung in aller Munde. Ohne die Bestäubung durch diese fleißigen Arbeiterinnen würden Obst und Gemüse rasch zu Luxusprodukten mutieren. Bienen sichern also unsere Ernährung – ohne dass wir das zumeist so richtig wahrnehmen. 

Aber der Einsatz von Bienen zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit? Wahrscheinlich würde diese Idee bei den meisten von uns nur Kopfschütteln und ein müdes Lächeln hervorrufen. Ganz anders ist das in Äthiopien. Dort macht sich angesichts solcher Ideen Begeisterung breit und zaubert jungen Menschen ein breites Lächeln ins Gesicht.

So auch Workene, der gerade mal 19 Jahre jung ist und die 8. Schulstufe abgeschlossen hat. Er lebt im ländlichen Äthiopien, fernab der großen Ballungszentren. Er hatte bis vor kurzem weder Jobaussichten noch Chancen auf ein eigenes Einkommen, da ihm auch der Weg, seinen Lebensunterhalt auf traditionelle Weise mittels Ackerbau oder Viehzucht zu bestreiten, verwehrt ist. Denn verfügbares fruchtbares Land ist Mangelware. Doch mittlerweile ist für Workene alles anders.  

Bienen – ein Weg aus der Armut

Workene ist Mitglied einer Bienenkooperative, die es seit kurzem im Projektgebiet Jeldu gibt. „Unsere Bienenkooperative hat derzeit 13 Mitglieder und wir haben letztes Jahr mit den Schulungen und Vorbereitungen begonnen. Viele von uns hatten schon Erfahrung mit der traditionellen Bienenhaltung. Dabei werden Körbe in Baumkronen gehängt und der Naturwabenbau samt Honig zur Erntezeit herausgeschnitten“, erzählt Workene.

,,Aber das Arbeiten mit den modernen Bienenstöcken ist natürlich etwas ganz anderes und muss erst gelernt werden. Es ist aber auch weniger gefährlich und bringt wesentlich mehr Ertrag“, fügt er mit einem Lächeln hinzu und spielt darauf an, dass es zu vielen Unfällen beim Einholen der Körbe aus den hohen Baumwipfeln kommt.

Nach wie vor arbeiten rund 95% der äthiopischen Imker auf traditionelle Weise mit Körben oder mit sogenannten „transitional“-Bienenbeuten. Diese bestehen aus einer „Holzkiste“, in der sich zwar bereits Rähmchen befinden, aber Brut- und Honigraum sind nicht getrennt.

Moderne Bienenstöcke, wie sie auch in der Bienenkooperative verwendet werden, bestehen aus mehreren übereinander stapelbaren Zargen. Der Brutraum befindet sich immer in der untersten Zarge, der Honigraum in der obersten. Die Flexibilität des Systems gibt dem Imker die Möglichkeit, den Ertrag und das Verhalten des Bienenvolkes positiv zu beeinflussen. Die ertragreichen, modernen Bienenstöcke geben Workene und seinen jungen Kollegen Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben ohne Armut. „Wir haben jetzt die Chance bekommen, uns eine Existenz aufzubauen“, fasst Workene begeistert zusammen.  

Wie wichtig diese Chance für die jungen Menschen ist, merkt man an ihrer hohen Motivation. Schon bevor es mit den eigentlichen Schulungen und Arbeiten wie Wachsproduktion oder Honiggewinnung los ging, haben sie einiges an Vorarbeit geleistet: Gemeinsam haben sie einen Unterstand gebaut, damit die Bienenstöcke vor Regen und der glühenden Sonne geschützt sind.

Der Unterstand steht mitten in einem Aufforstungsgebiet, das ca. 15 ha groß ist. 30.000 Bäume hat die Dorfbevölkerung gepflanzt, um die fortschreitende Erosion zu bekämpfen. Die Jugendlichen haben natürlich tatkräftig mitgeholfen, denn ihnen ist bewusst, dass sie und ihre Bienen von der umliegenden Natur abhängig sind.  

Lehrer Kassahun zeigt äthiopischen Imkern wie sie Mittelwände für Rähmchen selbst herstellen.
Lehrer Kassahun erklärt den Jugendlichen beim praktischen Unterricht, wie sie Mittelwände für die Rähmchen selbst aus Wachs herstellen können.

Honig: ein wertvolles Produkt

Honig ist in Äthiopien ein geschätztes Produkt mit einem guten Marktwert. Ein Tagelöhner muss bei einem Tagesverdienst von 40-50 Birr rund 3 Tage arbeiten, um ein Kilogramm Honig bezahlen zu können. Wenn man das auf österreichische Verhältnisse umlegt, würde man auf einen Kilopreis jenseits von 100 Euro kommen.

Pro Bienenstock werden die jungen Imker rund 40-60 kg im Jahr ernten können. Im ersten Schritt bedeutet das ein Einkommen von 8.500 Birr im Jahr pro Stock. Dafür muss in Äthiopien ein Junglehrer ein Semester lang unterrichten.

Im nächsten Schritt können die jungen Imker noch weiteres Einkommen durch das Bienenwachs, z.B. durch Herstellung von Kerzen, oder durch den Verkauf von Bienenvölkern erzielen. Und der Honigwein Met, in Äthiopien Tej genannt, ist auch in Äthiopien ein beliebtes Getränk und damit eine weitere zusätzliche Einkommensquelle.  

Ausbildung in Praxis und Theorie

Beim 5-tägigen Training, das Kassahun Meshesha, ein erfahrener Imker und Lehrer aus der Region Dano hält, lernen die Jugendlichen in Theorie und Praxis alle Grundlagen der Imkerei. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Umsiedlung der Bienen aus den traditionellen Körben in die modernen Bienenstöcke gelegt. Aber auch die Honigernte und Wachsproduktion sowie das Herstellen von Mittelwänden sind fixer Bestandteil des Unterrichts. Die Biologie der Biene und ihres Hofstaates sowie der Einfluss auf das Ökosystem und die Bedeutung von Honigprodukten bilden die theoretische Grundlage der künftigen Arbeit.  

Kassahun hat als echter Experte immer eine Antwort auf die vielen Fragen der Jugendlichen. Er hat in Dano selbst eine große Kooperative aufgebaut, die heute 100 jungen Menschen Jobs und damit eine Zukunftsperspektive gibt. In der Kooperative reichen die Tätigkeitsfelder von der Honigproduktion und der Haltung und Züchtung der Bienen über die Produktion und Verarbeitung bis hin zu Vermarktung und Vertrieb. Sie umfasst die gesamte Wertschöpfungskette.

All das soll künftig auch in Jeldu passieren und so zahlreiche Arbeitsplätze schaffen. Die nötigen Gerätschaften, von Honigschleuder über Wachspresse, sind bereits im Gemeinschaftsbesitz der Kooperative und werden von Menschen für Menschen zur Verfügung gestellt.  

Projektgebiet Dano. Imker Getachew, der seit 3 Jahren von MfM unterstützt wird. Er ist im Alter von 17 von einem Baum gefallen, hat sich die Wirbelsäule gebrochen und kann seither seine Beine nicht mehr bewegen.
Getachew ist auf seinen Rollstuhl angewiesen. Er versorgt dennoch 120 Bienenvölker. Hier bei der Arbeit an einem Übergangs-Bienenkasten. Er ist das große Vorbild der Jungimker aus der Projektregion Jeldu.

Ato Getachew – ein außergewöhnliches Vorbild

Workene und seine jungen Mitstreiter haben ihren Lehrer Kassahun auch bereits in seiner Heimat Dano – ebenfalls ein Projektgebiet von Menschen für Menschen – besucht und damit sozusagen einen Blick in ihre eigene Zukunft geworfen. Und bei dem Besuch haben sie eine unerwartete Inspiration gefunden: Ato Getachew.

„Ato Getachew besitzt über 120 Bienenstöcke. Das ist an sich schon beeindruckend. Aber die Tatsache, dass Getachew, der als Kind von einem Baum gefallen ist, im Rollstuhl sitzt und es trotzdem geschafft hat, sich mit den Bienen eine Lebensgrundlage aufzubauen, ist einfach eine unglaubliche Leistung. Wenn jemand wie Getachew, mit einem so schweren Handicap, es schafft, dann muss uns das doch auch gelingen“, erzählt Workene tief beeindruckt von der Begegnung.  

Die Kooperative in Jeldu ist eine von mehreren derartigen Projekten in den österreichischen Projektregionen. Derzeit gibt es rund zwanzig Bienenkooperativen, die vor allem jungen arbeitslosen Menschen eine Perspektive geben. Die Bienenstände befinden sich meist in Aufforstungsgebieten und finden breiten Anklang in der Bevölkerung.

Die positiven Effekte für Mensch und Natur zeigen sich bereits nach kurzer Zeit. So gibt es auch bereits Nachfragen von Bauern, die ebenfalls gerne den einen oder anderen Bienenstock ihr Eigen nennen würden. Und wenn sich erst herumgesprochen hat, dass Bienen durch ihre Bestäubungsleistung bei Obst und Gemüse eine Ertragssteigerung von 30-60 %* bewirken und sich das auch auf die Qualität auswirkt, werden die Jungimker künftig wohl einiges zu tun haben.  

*Quelle: Bestäubungshandbuch Arbeitsgemeinschaft Bienenforschung

Äthiopische Imker vor ihrer Chaka-Aba Bienenkooperative
Die Mitglieder der Chaka Aba Jote Bienenkooperative in Jeldu vor ihrem selbstgebauten Unterstand.

Ganz nahe am Menschen: Auf unserer Facebook-Seite berichten wir regelmäßig direkt aus den Projektregionen.  

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