Nagaya Magazin 3/2016 – Ist Entwicklung weiblich?

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

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Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  • Was Frauen wollen – Gesundheit, Selbstständigkeit, eine Zukunft für ihre Kinder
  • Armut ist kein Schicksal – Neues Projektgebiet Jeldu
  • Äthiopien, durch die Augen von Olivia Rauscher, NPO-Institut

 

Reportage – „Was Frauen wollen“

Gesundheit, Selbstständigkeit und eine Zukunft für ihre Kinder

Als Bekelu ihr zweites Kind erwartete, ging sie wie jeden Tag frühmorgens los um Wasser zu holen. Damals nutzten die Frauen in ihrem Dorf noch traditionelle Tonkrüge, deren Gewicht allein schon eine große Last war. „Ich stürzte und der schwere Krug zerbrach. Eine große Tragödie, ich war ganz umsonst zur Wasserstelle gegangen und hatte nicht mal mehr einen Krug.“ Glücklicherweise, fügt Bekele hinzu, verlor sie beim Sturz nicht ihr ungeborenes Kind.

 

Die Hauptlast der Armut

Frauen tragen in Äthiopien im wahrsten Sinne die Hauptlast der Armut. Bekelu ist heute über 50 Jahre alt und hat zehn Kinder. „Ich habe viel erlebt und durchgemacht“, erzählt die rüstige Frau, „eine so große Familie braucht viel Wasser. Für den Weg zur Wasserstelle und wieder retour gehe ich über zwei Stunden.“ Doch Bekelu hat Glück: Sie hat immerhin Esel, „ansonsten müsste ich täglich zwei oder drei Mal Wasser holen.“ Nicht jede Frau hat das Glück tierische Helfer zu haben. Weltweit kostet es Frauen und Mädchen täglich 200 Millionen Stunden um überlebenswichtiges Wasser für ihre Familien zu holen. Eine unbegreifliche Zahl. In Ländern wie Äthiopien bedeutet das: Im Schnitt legt eine Frau oder ein Mädchen täglich sechs Kilometer bis zur nächsten Wasserstelle zurück – das kostet Zeit und dabei ist jene für das Befüllen des Kanisters und den Rückweg noch nicht mal eingerechnet.

 

Sieben Jahre lang schwanger

Zeit ist jedoch genau das was Frauen und Mädchen benötigen würden, um die Schule zu besuchen, einen Kurs zu absolvieren oder ein eigenes Einkommen zu erzielen. Die täglichen Aufgaben wie Wasserholen, Holzsammeln und andere Haushaltspflichten sind dabei nicht die einzigen Zeitfresser und Bürden, die Frauen in Äthiopien auf sich nehmen müssen. Bekelu hat zehn Kinder, nüchtern gerechnet war sie also über sieben Jahre ihres Lebens schwanger. „Heute spreche ich mit meinen Töchtern viel über Familienplanung. Sie nutzen auch die Möglichkeit der Verhütung“, erzählt Bekelu vom bedeutenden Fortschritt für die Frauen in der Region. Eine Tagesreise weiter nordöstlich, im abgeschlossenen Projektgebiet Merhabete, zeigen Aufklärungskurse und die Bereitstellung von Verhütungsmitteln schon seit vielen Jahren Wirkung. Wie eine Überprüfung fünf Jahre nach Abschluss der Projektarbeit zeigt, ist Familienplanung mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Drei bis vier Kinder gelten heute als ideal. Im Vergleich dazu: Die Geburtenrate im ländlichen Äthiopien liegt bei durchschnittlich fünf Kindern pro Frau. „Ich habe sechs Kinder. Ich wünschte ich hätte schon früher etwas über Familienplanung gewusst und wäre nicht ständig schwanger gewesen, dann hätte ich meinen Mann besser unterstützen können“, sagt Wubayehu Belew. Die 41-Jährige lebt in Merhabete und hat früh die Möglichkeiten ergriffen, die Menschen für Menschen den Frauen in der Region geboten hat: Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie ein Steinhaus errichtet und sie war eine der ersten Frauen, die sich am Kleinkreditprogramm beteiligt haben. Mit großem Erfolg: Wubayehu konnte ihren Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen – ihr Sohn betreibt mittlerweile sogar eine Apotheke und eine kleine Klinik in der Nähe seines Heimatdorfes.

 

Mehr Bildung – weniger Kinder

Bildung ist bekanntlich der Schlüssel zu Entwicklung. Für Mädchen und Frauen gilt das ganz besonders. Untersuchungen zeigen, dass Frauen mit höherer Bildung weniger Kinder bekommen. Was für Länder wie Österreich gilt, trifft auch auf Länder in Subsahara-Afrika zu. Wie die UNESCO berichtet, bekommen Frauen die eine weiterführende Schule absolviert haben im Schnitt rund drei Kinder weniger als Frauen die keinerlei Bildung erfahren haben. Frauen wie Bekelu und Wubayehu hatten keine Möglichkeit die Schule zu besuchen. Sie wurden früh verheiratet und bekamen dem – entsprechend früh ihr erstes Kind. Von da an schien ihr Schicksal besiegelt. Nicht allein deshalb setzen sie sich heute umso vehementer für ihre Töchter und Enkeltöchter ein, wie Bekelu, die Verhütung in ihrer Familie zum Thema gemacht hat: „Ich bin zwar alt, aber ich möchte trotzdem etwas zum Besseren verändern!“

 

Pionierinnen für die Zukunft

Nachfolgende Generationen werden auf dem Pioniergeist solch starker Frauen aufbauen. Die 16-jährige Fanose aus Abune Ginde Beret hat zum Beispiel eine genaue Vorstellung davon, wie sie ihr Leben gestalten will: „Ich möchte Ärztin werden. Dadurch kann ich meiner Familie ein besseres Leben ermöglichen und sogar mein Land verändern.“ Noch für ihre Mutter Biri wären solche Wünsche zur Gänze unerreichbar gewesen: Sie wurde mit 13 Jahren verheiratet und hat mit 39 Jahren acht Kinder. Zugang zu Bildung bestand für Frauen wie Biri zum größten Teil nicht. Fanose und ihre Schwestern profitieren davon, dass ihre Mutter dennoch fortschrittlich blieb: Sie absolvierte einen Töpferkurs von Menschen für Menschen und konnte so nicht nur ihr Einkommen steigern, sondern auch ihr Ansehen in der Gemeinde. Frauen gezielt zu fördern gehört bei Menschen für Menschen zu den Kernelementen des umfassenden Entwicklungsansatzes und wie eine Analyse des „Social Return on Investment“ zeigt, zahlt es sich im wahrsten Sinne aus: Jeder Euro der für Frauenprojekte im Washa Catchment investiert wurde, erzeugte einen gesamtgesellschaftlichen Wert von rund 27 Euro (Details zum Ergebnis finden Sie auf Seite 3 des Magazins). Das beweist, wie wichtig es ist, Frauen durch Handwerkskurse oder Kleinkredite gezielt eine Einkommensmöglichkeit zu schaffen. Aber auch Maßnahmen wie die Ausgabe von energiesparenden Öfen, Kochkurse oder Hygieneschulungen tragen dazu bei, das Leben von Frauen, ihren Familien und schließlich den Menschen ganzer Regionen zum Besseren zu verändern.

 

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