Nagaya Magazin 1/2018 – Entwicklung so weit die Füße tragen

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

Nagaya Magazin 1/2018 als PDF herunterladen

 

Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  • Projektregion Ginde Beret – Erste Schritte in den letzten Gemeinden
  • Sara Nuru – Botschafterin zu Besuch in Äthiopien
  • Hyänen von Harar – Auf Tuchfühlung mit dem Raubtier

 

So weit die Füße tragen…

Den Blick auf den Weg vor uns geheftet, tasten wir uns mit vorsichtigen Schritten vorbei an Feldern erntereifen Getreides, durch hoch gewachsene Reihen Mais, über lose Steine und Dornenbüsche, die als natürliche Zäune zwischen den Feldern dienen. Zehn Minuten zu Fuß vom Feldweg entfernt, wo uns ein Fahrer von Menschen für Menschen abgesetzt hat, liegt die Schule von Iresa Kono, einem der letzten Winkel der Projektregion Ginde Beret. „Manche Kinder sind täglich drei Stunden unterwegs, um zur Schule und wieder Nachhause zu kommen“, erzählt Direktor Firaol Leta. Der 25-Jährige ist selbst in der Nähe aufgewachsen und kennt die Probleme in der Region. Doch auch wenn man wie wir nur kurz in Iresa Kono zu Besuch ist, erkennt man schnell, was hier zunächst am dringendsten benötigt wird: Zufahrtswege. Denn Entwicklung kann nur dort ankommen, wo auch ein Weg hinführt.

Ein Weg für die ersten Schritte

Menschen für Menschen hat unser Dorf erst erreichbar gemacht. Viele von uns haben da- nach zum ersten Mal in ihrem Leben ein Auto gesehen“, erzählt Tamasgen Ragasa. Gemein- sam mit etwa zwei Dutzend weiteren Männern und Frauen aus der Region sitzt er im Schatten der spärlich vorhandenen Bäume vor der Gesundheitsstation in Shito. Sie erzählen von ihren täglichen Herausforderungen und wie sie diesen mithilfe der Organisation begegnen: „Die Menschen hier essen tagtäglich Injera und Shiro“, erzählt der verantwortliche Entwicklungsberater Abiyot Bekele. „Doch die Ersten haben schon begonnen, Gemüse anzupflanzen und zu ernten. Veränderungen sind bereits spürbar.“

 

Sanftes Vorantasten

Iresa Kono liegt etwa 20 km Luftlinie von Kachisi entfernt, der Hauptstadt der Projektregion Ginde Beret, in der sich auch das Projektbüro von Menschen für Menschen befindet. Die Fahrt dorthin dauert dennoch etwa eine Stunde. Dass Iresa Kono seit einem Jahr überhaupt mit Geländefahrzeugen erreichbar ist, ist der Verdienst der Bevölkerung, die gemeinsam mit der Organisation einen Zufahrts- weg geschaffen hat. „Die Bevölkerung wird genauso in die Verantwortung genommen wie die örtlichen Behörden“, betont Projektleiter Berhanu Bedassa, „Wenn die Menschen erkennen, welche Schritte zur Entwicklung notwendig sind, und dass sie sich aktiv daran beteiligen müssen, nur dann kann diese Entwicklung auch langfristig wirken.“ Iresa Kono ist eine der letzten Gemeinden Ginde Berets, in denen Menschen für Menschen tätig ist. Seit 2011 wird die Projektregion, die etwa halb so groß ist wie Vorarlberg, Schritt für Schritt erschlossen. Während im nur 14 km Luftlinie entfernten Washa Catchment die Bauern bereits ein gutes Einkommen mit Obst, Gemüse und Kaffee erzielen und über die weitere Vermarktung ihrer Produkte nachdenken, stehen die Familien in Iresa Kono noch am Anfang. Doch langsam tut sich auch hier etwas: „Wir sehen schon die ersten Veränderungen, die Menschen für Menschen uns gebracht hat“, berichtet auch Tamasgen. Saatgut und landwirtschaftliche Schulungen wirken sich bereits auf die Ernährungsgewohnheiten aus: „Statt tag- ein, tagaus Injera und Shiro zu essen, gibt es jetzt auch hin und wieder Gemüse“, erzählen die Frauen. Viele von ihnen sind heute gekommen, um einen Kochkurs zu besuchen, den Menschen für Menschen abhält. Denn wer Saatgut für Mangold, Karotten, rote Rüben und Kohl erhält, muss auch einen Kurs besuchen, um zu lernen, wie das bisher unbekannte Gemüse zubereitet wird.

 

Wie schmecken Karotten?

Dabei geht es einerseits um die richtige Hygiene beim Kochen: Das Gemüse wird gründlich gewaschen, geschält und geschnitten, ehe es in den Kochtopf wandert. Andererseits lernen die Teilnehmerinnen die beste Zubereitungsart, um Vitamine und Nährstoffe zu erhalten. Doch auch der gute Geschmack darf nicht vernachlässigt werden, wie wir von der Bäuerin Obse erfahren. Sie und ihr Mann haben sich als eine der ersten Familien am Programm von Menschen für Menschen beteiligt und steuern heute auch etwas Gemüse aus dem eigenen Garten zum Kochkurs bei. „Als ich das erste Mal die rohen Karotten gegessen habe, war ich überhaupt nicht glücklich damit“, erzählt Obses Mann Antenew lachend. „Doch gekocht haben sie mir dann sehr gut geschmeckt.“

Dass jemand nicht weiß, wie eine Karotte schmeckt, mag in unseren Ohren eigentümlich klingen, doch macht es deutlich, wie abgeschnitten von der Außenwelt die Menschen in den entlegenen Regionen Äthiopiens leben. Viele Dinge haben noch nicht ihren Weg hier- her gefunden: verschiedene Obst- und Gemüsesorten, medizinische Versorgung, Bildungs- möglichkeiten oder sauberes, gesundes Wasser. „Alte Menschen und vor allem die Kinder leiden sehr darunter“, erklärt Tamasgen während des kleinen Zusammentreffens unter den Bäumen in Shito. Viele sind von Durchfallerkrankungen und Würmern betroffen. Weshalb Menschen für Menschen auch kürzlich damit begonnen hat, Entwurmungstabletten an die knapp 400 Schülerinnen und Schüler der Iresa Kono Higher Primary School auszugeben. Doch das bekämpft nur die Symptome. Um die Ursache zu beseitigen, müssen Brunnen und Quellfassungen gebaut werden.

 

Hygiene schützt vor Erblindung

Die Versorgung mit sauberem Wasser und verbesserte Hygiene würden auch ein anderes Problem der Region eindämmen, das an diesem Tag in Shito offensichtlich wird: Viele der Männer und Frauen, die heute gekommen sind, um mit uns zu diskutieren, tragen einen Verband über einem Auge. Ein Zeichen dafür, dass sie soeben eine Operation am Augenlid hinter sich haben. Die sogenannte Trichiasis-Operation wird notwendig, wenn ein Mensch chronisch an Trachom erkrankt: einer bakteriellen Augenentzündung, die im letzten Stadium dazu führt, dass sich das Augenlid nach innen dreht und die Wimpern auf der Hornhaut kratzen. Unbehandelt führt das zur unheilbaren Erblindung. Der einzige Ausweg: eine kleine Operation, bei der das Augenlid aufgeschnitten, nach außen gedreht und wieder vernäht wird. Der Eingriff wird von einem geschulten Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin von Menschen für Menschen durchgeführt, womit täglich das Augenlicht von etwa einem Dutzend Menschen gerettet wird. Aber auch hier gilt es die Ursachen zu bekämpfen: Trachom wird haupt- sächlich von Fliegen übertragen und lässt sich durch Hygienemaßnahmen einfach vermeiden. Der Bau von Latrinen, Hygieneschulungen und nicht zuletzt die Verfügbarkeit von sauberem Wasser sind unumgängliche Maßnahmen, um Trachom auf lange Sicht Einhalt zu gebieten.

 

Aufklärung in der Gemeinschaft

Die kleine Gesundheitsstation, in der Menschen für Menschen-Mitarbeiter Berhanu Leta die Operationen durchführt, ist für insgesamt 5.000 Menschen erste Anlaufstelle für medizinische Behandlung und Beratung. Um die Versorgung bis in die letzten Winkel der Region zu verbessern, haben auch medizinische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden die Möglichkeit, Weiterbildungsmaßnahmen von Menschen für Menschen zu besuchen. Zum Beispiel Kurse zu Familienplanung und den verschiedenen Verhütungsmöglichkeiten. Dieses Wissen geben die GesundheitsmitarbeiterInnen dann an die Bevölkerung weiter, die wiederum in ihrer Gemeinde darüber sprechen. So wie die 21-jährige Idanekew, die mit ihrem Mann und ihrer zwei- jährigen Tochter in einer winzigen Strohhütte lebt. „Wir können uns keine weiteren Kinder leisten. Wir haben weder Land noch Einkommen. Deshalb verhüte ich.“ Die junge Frau, die weder lesen noch schreiben kann, ist gut über Verhütungsmöglichkeiten informiert und auch ihre Cousine Emawa denkt nach ihrem dritten Kind über Verhütung nach. Sie müsste jetzt auch nicht mehr den 1,5-stündigen Fußmarsch zum nächsten Gesundheitszentrum zurück- legen, wie Idanekew früher, sondern könnte das Angebot in der nahegelegenen Gesundheitsstation wahrnehmen. Denn dank der Straße kommen nun auch Medikamente, Impfstoffe und Verhütungsmittel sicher in der Region an.

 

 

Helfen Sie mit und ermöglichen Sie den Menschen in Äthiopien eine bessere Zukunft!

Fünftägiger Landwirtschaftskurs

Mit einer Spende von 15 Euro ermöglichen Sie einen 5-tägigen Landwirtschaftskurs für einen Bauern zur Verbesserung der Erträge und den Schutz der Umwelt.

Ich will spenden!

Aktuelles