ABC-2015: Positive Bilanz für mehr Bildung

Interview mit Benjamin Freiberg und Henock Markos von Menschen für Menschen in Äthiopien

„Ohne Bildung keine Entwicklung“, betonte Menschen für Menschen-Gründer Karlheinz Böhm. Deshalb war der Bau von Schulen schon immer ein Schwerpunkt der Hilfsorganisation. Doch im Jahr 2008 wurden die Anstrengungen weiter verstärkt: Mit dem Programm ABC-2015 wollte Menschen für Menschen Hunderttausenden Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen. Zum Abschluss des Programms ziehen die Bildungsexperten Benjamin Freiberg und Henock Markos Bilanz.

 

Das Schwerpunktprogramm ABC-2015 läuft dieses Jahr offiziell aus. Welche Bilanz ziehen Sie heute?

Markos: Wir konnten von 2008 bis Ende 2014 insgesamt 205 Schulen fertigstellen und in Betrieb nehmen. Dabei handelt es sich um 142 Grund- und Mittelschulen und 62 darauf aufbauende Oberschulen. In allen Schulen zusammen werden 250.000 Kinder und Jugendliche unterrichtet. Jeden Tag.

Freiberg: Hinzu kommt die Erwachsenenbildung, die an den neuen Schulen stattfindet. Insgesamt 158.000 Frauen und Männer haben in diesem Zeitraum Lese- und Schreibkurse absolviert. Außerdem haben wir im Rahmen des Programms auch zwei der so wichtigen Berufsschulen gebaut und eingerichtet.

ABC-2015-Schulen-Bilanz

Was waren die größten Schwierigkeiten beim Bau der Schulen?

Freiberg: Das Klima und das Gelände. Das Hochland wird zerklüftet durch steil abfallende Hänge. In viele der abgelegenen Gebiete führen nicht einmal Schotterpisten. Also müssen wir mit unserem Bulldozer zuallererst Zufahrtswege von vielen Kilometern Länge schaffen, um das Baumaterial überhaupt anliefern zu können.

Und das Wetter ist auch ein Problem?

Freiberg: In der Regenzeit verwandeln sich die Staubpisten in Rutschbahnen – da ist kein Durchkommen für unsere Trucks. Manche Baustellen sind von Juni bis Oktober mit Fahrzeugen nicht erreichbar. Deshalb muss die Logistik sehr genau geplant werden.

Wie sichern Sie da die Qualität der Gebäude, wenn die Baustellen derart abgelegen sind?

Markos: In den einzelnen Projektgebieten gibt es eine Bauabteilung. Deren Mitarbeiter überwachen die beauftragten Bauunternehmen von Tag zu Tag. Auch ich als Koordinator der Bildungsprojekte bin regelmäßig im Land unterwegs und schaue mir den Fortschritt überall genau an. Die Schulen müssen Tropenhitze aushalten, aber auch die Kälte der Nacht – manche Schulen stehen ja in Dörfern, die auf 3.000 Metern Höhe über dem Meer liegen. Hinzu kommen starke Niederschläge in der Regenzeit.

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Wie lange halten die Gebäude in diesem harschen Klima?

Freiberg: Karlheinz Böhm gab vor, dass sie nach vier Jahrzehnten immer noch in Betrieb sein sollten. Im Erer-Tal im Osten des Landes wurden die ersten Schulen im Jahre 1983 errichtet. In ihnen findet der Unterricht immer noch wie am ersten Tag statt. (Anm.: der TÜV untersuchte die Qualität der Schulen und vergab die Bestnote GUT. Zur TÜV-Prüfung und den Ergebnissen >>) Natürlich müssen die Gemeinden sie ab und zu mit Farbe streichen, aber es gibt keine ernsthaften Risse oder andere maßgebliche Schäden.

Was kosten die Gebäude eigentlich?

Freiberg: Unterschiedlich, je nach abgelegener Lage und Untergrund. Beispielsweise gibt es vielerorts den „Black Cotton Soil“, einen Boden mit einem hohen Anteil an Ton. Je nach Feuchtigkeit dehnt sich dieser Boden aus und zieht sich wieder zusammen. Also braucht es sehr aufwändige Fundamente aus Betonpfeilern, wenn wir auf Jahrzehnte hinaus Bauschäden vermeiden wollen.

Markos: Im Dorf Sephera im Projektgebiet Borecha beispielsweise haben wir die neue Schule im Herbst 2014 eröffnet. Für drei neue Gebäude mit zwölf Klassenzimmern, dazu Lehrerbüros, Schulbücherei und Toiletten haben wir 152.820 Euro an reinen Baukosten investiert.

Schon eine beachtliche Summe.

Freiberg: An der Schule in Sephera können künftig rund 1.400 Kinder morgens und nachmittags im Zwei-Schicht-Betrieb unterrichtet werden. Pro Kind haben wir also 110 Euro aufgewendet. Ist das viel Geld für eine gute Schulbildung? Außerdem stimmt mein Zahlenspiel ja nicht wirklich: Auf Jahrzehnte hinaus werden viele Tausend Kinder in Sephera von unserer Schule profitieren.

Markos: Die Regierung schickt Lehrer nur dann in ein Dorf, wenn es dort kommunale Schulgebäude gibt. Wenn wir den Gemeinden nicht helfen, sind sie selbst in der Pflicht. Weil die Kommunen überhaupt keine Mittel haben, erstellen sie lediglich Verschläge mit Wänden aus Ästen und Lehm. Die halten ein paar Jahre, wenn überhaupt, dann sind sie von Termiten zerfressen und fallen zusammen. Diese traditionellen Schulen sind eher ein Hemmschuh für Entwicklung.

Wie meinen Sie das?

Markos: Sie sind nicht kinderfreundlich! Die Verschläge sind dunkel, weil das Geld für Fensterrahmen fehlt. Meist gibt es keine Möbel, die Kinder sitzen auf dem Boden oder auf Bänken aus Stein und Lehm. Der Boden ist unbefestigt, also gibt es viel Staub, er reizt die Atemwege und Augen der Kinder. Aufgrund der fürchterlichen Bedingungen brechen viele Kinder die Schule ab. Wer bleibt, tut sich schwer, vernünftig zu lernen. Unsere Schulen dagegen sind einladend. Häufig sind sie die schönsten und besten Gebäude im weiten Umkreis. Die Kinder kommen gerne – und die Erwachsenen auch.

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Der Unterricht für Erwachsene ist Ihnen wichtig?

Markos: Natürlich geht es zunächst um die Kinder. Aber nachmittags und abends kommen auch die Eltern. Sie erhalten nicht nur Schreibkurse, sondern auch Unterrichtseinheiten zu Hauswirtschaft, Landwirtschaft und Gesundheitsvorsorge. So strahlen unsere Schulen schnell in die dörflichen Gemeinschaften aus, heben das Wissensniveau insgesamt und beschleunigen unsere Entwicklungsprojekte ganz entscheidend.

Heißt der Abschluss des Programms ABC-2015, dass die Organisation sich jetzt neuen Aufgaben zuwendet?

Markos: Wir arbeiten weiterhin stark im Bildungssektor. Dieses Jahr haben wir mit dem Bau von 23 Schulen begonnen. Aber der Schwerpunkt verlagert sich.

Freiberg: Die Versorgung mit den niedrigen Grundschulklassen wird landesweit besser. Deshalb wollen wir uns noch mehr als bislang um den Bau weiterführender Schulen und um Berufsschulen kümmern. Denn Äthiopien braucht dringend Fachkräfte.

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BENJAMIN FREIBERG, 34, war von 2012 bis Mitte 2014 als Projektkoordinator für die Bereiche Bildung sowie Monitoring & Evaluation der Organisation in Äthiopien tätig. Heute ist er stellvertretender Landesrepräsentant und hauptverantwortlich für die gesamte Verwaltung (Finanzen, Logistik und Lagerwesen, IT, Personal und Compliance).

HENOCK MARKOS, 34, arbeitet seit elf Jahren im Bildungsbereich. Er begann seine Laufbahn als Lehrer und wurde zum Schulleiter befördert. Als Nachfolger von Benjamin Freiberg ist er nun im Hauptbüro von Menschen für Menschen in Addis Abeba für die Koordination der Bildungsprojekte zuständig.