Nagaya Magazin 4/2018 – Zu Gast bei Menschen

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

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Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  • Über Stock und über Stein – Auf Projektreise mit Martina Hollauf
  • Mit Herz, Hirn und Humor – Äthiopische MitarbeiterInnen im Porträt
  • Perspektivenwechsel – Unsere FotografInnen vor der Linse

 

Zu Gast bei Menschen

Ein Bericht von Martina Hollauf, Menschen für Menschen Österreich

Die Geschichten, die Sie im Nagaya Magazin, in Aussendungen oder auf unserer Website lesen, werden von Mitarbeiterinnen des Wiener Büros von Menschen für Menschen recherchiert und verfasst. Wir berichten aus erster Hand und lassen vor allem diejenigen zu Wort kommen, um die sich alles dreht: die Menschen.

Als wir kurz nach Fiche von der asphaltierten Straße abfahren, stellen wir uns innerlich auf mehrere Tage „äthiopische Massage“ ein: Dieser Begriff wird von Besucher zu Besucher weitergereicht, der sich mit uns auf eine Fahrt durch das ländliche Äthiopien begibt. Denn über Schotterstraßen und Lehmpisten geht es oft schneller voran, als einem lieb ist, und so wird man tagelang durchgeschüttelt. Dieses Mal trifft es profil-Redakteur Christoph Zotter, der Fotograf Naod und mich in unsere Projektregionen begleitet. (Den Bericht des Nachrichtenmagazins profil können Sie hier nachlesen >> )

Es sind gut 90 Kilometer von der Asphaltstraße bis in die Hauptstadt Derras, die wie ein Korridor in eine andere Welt anmuten. Unser Fahrer Bekalu tastet sich bedächtig die Serpentinen hinunter, an deren Talsohle das Bett des Jemma Flusses liegt. Es ist eine unwirtliche Gegend, Dornenbüsche säumen die Straße und obwohl man sich auf über 1.000 Metern befindet, wird die Nähe zum Äquator schnell spürbar und die Hitze unerträglich. Auf der anderen Seite der Jemma-Brücke spiegeln sich die Serpentinen wider und wir werden 1.500 Höhenmeter zurücklegen, ehe wir das Hochland von Derra erreichen. Als wir die Hauptstadt Gundo Meskel erreichen, steht die Sonne schon tief am Horizont. Höchste Zeit, das Quartier zu beziehen. Denn jeder, der schon mal im ländlichen Äthiopien unterwegs war, weiß, dass die Dunkelheit überraschend schnell hereinbricht.

 

Die Frauen von Tuti Town

Als wir am nächsten Tag in der kleinen Stadt Tuti eintreffen, wartet bereits ein knappes Dutzend Frauen auf uns. Es wird eng in dem kleinen Häuschen aus Beton, in dem die Frauen das Hauptquartier ihres Kreditvereins eingerichtet haben. Vor 16 Jahren wurde der Kreditverein mithilfe von Menschen für Menschen gegründet. 32 Frauen haben sich damals als Pionierinnen bewiesen, eine von ihnen war Inaniye. „20 Frauen hat sie davon überzeugt, am Programm teilzunehmen“, erzählt ihre Kollegin Yashi, „ich habe weitere 12 Frauen für den Einstand zusammengebracht.“ Heute hat der Kreditverein über 700 Mitglieder, die so ein besseres Leben für ihre Familien erwirtschaften.

 

 

“Unseren Töchtern geht es heute besser als uns früher. Sie gehen zur Schule, halten sich an ihre Bücher und lernen neue Ideen und Technologien kennen.“
TSEHAY, KREDITPIONIERIN AUS DERRA

„Der Verein wurde kürzlich aufgeteilt und dezentralisiert, damit wir die Frauen in den abgelegenen Dörfern noch besser erreichen können“, erzählt Inaniye, die heute Vorsitzende des Vereins ist und neuen Mitgliedern mit Rat zur Seite steht. „Ich selbst habe mit meinem ersten Kredit von damals 900 Birr Getreidehandel betrieben und Araki und Tella hergestellt. Mein Mann war schwer krank. Also musste ich alleine für den Lebensunterhalt unserer Familie sorgen. Mit dem Kredit hatte ich das erste Mal eigenes Geld und konnte meine Kinder ernähren, sie sogar zur Schule schicken. Einer meiner Söhne hat nun sein Universitätsstudium abgeschlossen.“

 

 

„Mein Mann war schwer krank. Also musste ich alleine für den Lebensunterhalt unserer Familie sorgen.“
INANIYE, GESCHÄFTSFRAU AUS DERRA

Zum Ende unseres Gesprächs steckt Inaniye Projektleiter Berhanu einen Zettel zu. Es ist eine Notiz, die ihr ein Priester aus der Gemeinde für das Treffen mit uns mitgegeben hat. „Karlheinz Böhm hat viele Kinder in Derra“, steht darin geschrieben und tatsächlich ist der Geist des Gründers von Menschen für Menschen in Derra allgegenwärtig. Sein Traum wurde hier ein Stück weit Wirklichkeit: Dass die Hilfe von Menschen für Menschen nicht mehr gebraucht wird. Die Projektarbeit wurde in Derra Ende 2010 abgeschlossen. Die Wirkung der Arbeit wurde fünf Jahre danach von der Wirtschaftsuniversität Wien untersucht, mit dem Ergebnis, dass die Maßnahmen von Menschen für Menschen dazu beigetragen haben, positive und anhaltende Entwicklungen anzustoßen, die fortbestehen und sich weiterentwickeln. Das zeigt sich nicht zuletzt bei einem Besuch auf der „Balla-Farm“ im unwirtlichen Tiefland Derras.

 

Ein Tag auf der Balla-Farm

Ein Besuch in Derra ist für uns im Grunde erst nach einem Besuch auf der „Balla-Farm“ komplett. Das Projekt ist so beeindruckend, dass bereits im ORF darüber berichtet wurde. Es ist ein kleines Paradies, das ein paar PionierInnen im Laufe der Jahre geschaffen haben. Die karge, weite Landschaft des Balla-Tals erinnert an die Kulisse eines Endzeitdramas. Doch in der Mitte tut sich eine Oase auf, die Äste der viele Meter hohen Mangobäume biegen sich unter der Last ihrer Früchte, einzelne Kohlköpfe blühen auf den Feldern aus, um Samen für die nächste Aussaat zu gewinnen und durch die grüne Landschaft ziehen sich kleine Rinnsale: Sie sind die Lebensadern der Balla-Farm, die vor etwa zwanzig Jahren von ein paar mutigen Bauern begründet wurde. Shafi war einer von ihnen, der dem Ruf von Karlheinz Böhm gefolgt ist, und das Unmögliche versucht hat: mithilfe von Bewässerung die Lebensgrundlage für mittlerweile 48 Familien zu schaffen.

„Früher lebten wir oben am Hügel, im Tal wollte niemand leben. Doch heute haben wir hier alles, was wir brauchen. Einzig eine Anbindung an das Stromnetz würden wir uns wünschen. Vor einiger Zeit haben wir auch eine Schule gebaut und aktuell planen wir, unsere Früchte gleich hier in der Region weiter zu verarbeiten. Zum Beispiel könnten wir Mangosaft produzieren.“ Die Balla-Farmer ernten tonnenweise Obst und Gemüse. Allein an diesem Tag werden vier Säcke mit Mangos vollgepackt zum großen Markt in Gundo Meskel gebracht. Mehr als alle anderen erntet Sultan, den sie eine „erleuchtete Person“ nennen, wie Shafi erklärt: „Sultan ist gehörlos. Aber er hat eine ganz besondere Auffassungsgabe und erntet doppelt so viel wie wir anderen. Für jeden Schritt, den wir machen, macht er zwei.“

 

 

„Für uns ist Sultan eine ‚erleuchtete Person‘. Für jeden Schritt, den wir machen, macht er zwei.“
SHAFI ÜBER SEINEN GEHÖRLOSEN KOLLEGEN SULTAN

 

400 Kilometer, 1 Tag

Nach zwei fruchtbaren Tagen in Derra machen wir uns auf den langen Weg nach Ginde Beret, wo Menschen für Menschen seit Anfang 2011 tätig ist. Die etwa 400 Kilometer führen uns retour nach Addis Abeba und weiter nach Westen. Während wir durch den Chilimo Wald fahren, wird uns bewusst, wie es in Äthiopien vor nicht allzu langer Zeit ausgesehen hat: Dichte Urwälder erstreckten sich über das Land, in dem allerlei Wildtiere lebten. Heute zeugen nur noch vereinzelte Schutzgebiete davon, die von der Abholzung verschont blieben. Der Chilimo Wald ist eines davon. Hier sammeln die Menschen aus der Region auch Samen der heimischen Bäume, die in den Baumschulen von Menschen für Menschen für die Aufforstung aufgezogen werden. Nicht weit hinter dem dichten Wald treffen wir uns mit Gebeyuh, der seit kurzem Leiter der jüngsten Projektregion Jeldu ist.

Er kennt die großen Probleme, die die Abholzung mit sich bringt, und versucht die Bevölkerung für Aufforstungsprojekte zu gewinnen. „Es ist nicht immer einfach. Vor allem am Anfang gilt es viele verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen“, erzählt Gebeyuh, als wir den Hang bei der Aufforstungsstelle Chaka Aba Jote hinuntersteigen. „Einige waren sofort mit an Bord, andere wiederum befürchteten, dass sie Grasland für die Tiere oder ihren Ernteertrag verlieren würden. Aber als sie sahen, wie die Erde auf dem gegenüberliegenden Hang durch die Erosion abrutschte und der Boden damit unbrauchbar wurde, verstanden auch sie den Vorteil von Aufforstung.“ Wissen und Aufklärung sind die wichtigsten Bestandteile, um nachhaltig Veränderungen zu bewirken. Aber nur durch das Einfühlungsvermögen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor Ort kommt dieses Wissen auch bei der Bevölkerung an.

 

290 Stufen der Entwicklung

Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg ins Washa Catchment. Dieser Talkessel in Ginde Beret war bis vor sieben Jahren nur zu Fuß erreichbar. Der schnellste Weg nach oben führte durch eine gefährliche Schlucht, wo in der Vergangenheit viele Menschen tödlich verunglückten. Heute begegnen uns auf der Fahrt ins Tiefland sogar Lastwägen. Die Straße wurde von Menschen für Menschen zu Beginn der Projektarbeit angelegt und von der äthiopischen Regierung im Rahmen des „Universal Rural Road Access Program“ weiter ausgebaut. Wir haben heute eine Verabredung mit dem Kreditverein von Bake Fayina, der zwar noch von Menschen für Menschen beratend betreut wird, aber im Allgemeinen selbstständig arbeitet.

 

 

„Früher musste ich meinen Mann immer um Geld fragen. Heute habe ich einen kleinen Shop hier im Dorf und ein Stück Land in der Stadt. Dort werde ich demnächst ein Haus für die Familie bauen.“
DESU, KREDITNEHMERIN AUS BAKE FAYINAA

Desu gehört zu den Mitgründerinnen des Kreditvereins und hat heute zu der kleinen Diskussionsrunde zu sich nach Hause geladen. Geröstetes Getreide und Erbsen werden durch die Runde gereicht, während die Frauen von ihren anfänglichen Herausforderungen berichten: „Ganz am Anfang mussten wir ein paar Bewerberinnen ablehnen, weil sie keine Absicherung vorweisen konnten“, berichtet Desu. „Aber nachdem die erste Kreditrunde abgeschlossen war, konnten wir das ändern.“ Das Kreditprogramm ist aus einem besonderen Grund auf die Förderung von Frauen ausgerichtet: Sie investieren in erster Linie in die Ausbildung ihrer Kinder und prägen damit die Zukunft für Generationen.

Der Weg zurück nach Kachisi ist nach wie vor weit, wenn auch ungefährlicher als noch vor ein paar Jahren: Wo sich früher die Schlucht auftat und man sich an gefährlichen, zusammengeschusterten Leitern hinauf hangeln musste, kann man jetzt gemütlich Stufen zählen. Wobei, ganz so gemütlich wie es sich liest, ist der Aufstieg über die Gara Gatama Stiege nicht. 290 Stufen und einige Kurven muss man zurücklegen, ehe man erschöpft am Plateau von Ginde Beret ankommt. Auf etwa 2.600 Meter Höhe kein leichtes Unterfangen, zumindest nicht für die Verfasserin. Dass die äthiopischen KollegInnen hin und wieder fragen, ob sie einen Krankentransport rufen sollten, darf aber dennoch nicht so ernst genommen werden. Bis dato hat es noch jeder nach oben geschafft. Und seit kurzem kann man sich eine besondere Belohnung gönnen: Und zwar einen Saft im Cuunfaa Keeloo, unserem neuen Stammcafé in Kachisi, wo Fromsa aus den Früchten der Region frische Säfte macht.

 

Alte Bekannte am Wegesrand

Bevor wir aber bei Fromsa einkehren, schlendern wir noch über den Markt von Kachisi. Beim Viehmarkt achtet vor allem Kollege Girma darauf, dass seine Gäste aus Österreich nicht von einem Ochsen umgerannt werden und schubst einen schon mal zur Seite. Auf der Suche nach einer Kaffeekanne als Mitbringsel aus Äthiopien treffen wir eine von Bayises Töchtern, die Kannen, Töpfe und Stövchen ihrer Mutter zum Verkauf anbietet. Bayise hat vor einiger Zeit einen Töpferkurs von Menschen für Menschen absolviert, wodurch sie ihrer Familie ein Haus bauen konnte. Als Witwe und Töpferin hatte Bayise keine guten Zukunftsaussichten, genauso wenig wie ihre Kinder. Jetzt aber berichtet sie stolz von ihrem Erfolg und begrüßt uns fröhlich mit einer Auswahl an Kaffeekannen, als wir sie am nächsten Tag besuchen. Es ist eine der letzten Stationen unserer Reise, die am Ende noch zu alten Bekannten führt. Seit 2011 ist Menschen für Menschen in Ginde Beret aktiv. Seither begleiten wir die Menschen der Region auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft. Das bedeutet auch, dass wir Menschen wie Desu, Fromsa oder Bayise regelmäßig treffen. Und sei es nur für einen kurzen Plausch.

 

 

„Nächstes Jahr wechsle ich an die weiterführende Schule, wo ich mich auf mein anschließendes Universitätsstudium vorbereite.“
WORKENE, VIERTBESTER SEINES JAHRGANGS IN HARO, IM BILD MIT SEINER MUTTER DARARTU

Ein Fixpunkt auf der Rückfahrt nach Addis Abeba ist der Besuch bei Workene und seiner Mutter Darartu, deren Geschichte exemplarisch dafür steht, wie sich die KollegInnen vor Ort für die Menschen einsetzen: „Ich wurde von jeder Kreditgruppe abgelehnt, weil ich mittellos war und keine Sicherheiten bieten konnte,“ berichtet Darartu, „es hat viele Jahre gedauert, aber vor kurzem habe ich mit ein paar anderen Frauen eine Kreditgruppe gegründet, die besonders intensiv betreut wird.“ Zu verdanken ist das dem Einsatz von Projektleiter Berhanu, der auch Frauen wie Darartu, die über keinerlei Sicherheit verfügen, die Möglichkeit geben wollte, sich ein besseres und selbstständiges Leben aufzubauen. Profitieren wird davon auch ihr Sohn Workene. Als ich ihn vor fünf Jahren zum ersten Mal traf, war er auf dem Weg zum Markt, um das letzte Huhn der Familie zu verkaufen, damit er sich Schulsachen leisten konnte. Heute bereitet er sich geistig bereits auf sein Studium vor: „Ich möchte Doktor werden. Nächstes Jahr wechsle ich in die Schule nach Kachisi, wo ich mich auf mein anschließendes Universitätsstudium vorbereite.“

 

Ganz nahe am Menschen: Auf unserer Facebook-Seite berichten wir regelmäßig direkt aus den Projektregionen.

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