Nagaya Magazin 2/2019 – Ich glaub, ich steh im Wald!

Das NGO-Magazin zu aktuellen Themen der nachhaltigen Entwicklungshilfe

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Schwerpunkte der aktuellen Ausgabe

  • Bäume für Kinder – Aufforstung für die nächste Generation
  • Äthiopien durch die Augen von Journalist Andreas Tröscher
  • Eine andere Welt – Botschafterbesuch in Ginde Beret

 

Bäume, die für Kinder in den Himmel wachsen

Bäume haben viele wichtige Funktionen. Sie liefern Holz, spenden Schatten, bewahren den fruchtbaren Humus, indem sie das Erdreich vor Erosion schützen, und sind wichtig für das Klima. Das ist uns hinreichend bekannt. Aber dass Bäume gepflanzt werden, um Kinder zu unterstützen, das klang für uns nach einem bemerkenswerten Projekt. Davon wollten wir uns selbst ein Bild machen.

 

Junge Frau in Äthiopien gießt den Boden einer Baumschule
100.000 Baumsetzlinge werden in der Baumschule der Pfarrgemeinde jährlich aufgezogen. Die Angestellten stammen aus der Region.

In Kachisi, der 16.000 EinwohnerInnen zählenden Hauptstadt der Projektregion Ginde Beret, machen wir uns auf den Weg, um Kebede Yadessa zu treffen. Er ist der Leiter des Pfarrgemeinderats und stolz auf sein Herzensprojekt: Eine private Grundschule samt Kindergarten, die von der lokalen orthodoxen Kirchengemeinde betrieben wird. „Wir legen in unserer Schule großen Wert auf eine gute Ausbildung und dementsprechend auf gut ausgebildete Lehrer. Diese zieht es in der Regel meist in die großen Städte, weshalb sie in Gegenden wie hier eher selten zu finden sind“, erzählt Kebede von den Herausforderungen in Kachisi. Denn die Bezirkshauptstadt liegt viele Fahrtstunden entfernt von der nächsten Asphaltstraße. Abgelegene Regionen wie diese haben mit schlechter oder gänzlich fehlender Infrastruktur zu kämpfen. Und wo Zufahrtswege fehlen, kommt Entwicklung schlicht und ergreifend nicht an. Das schließt Bildungsmöglichkeiten mit ein. „Wir versuchen, hier die bestmögliche Ausbildung anzubieten. Dafür bezahlen die Eltern unserer Schülerinnen und Schüler auch ein Schulgeld. Das ist natürlich nur möglich, wenn es sich die Eltern auch leisten können“, erklärt Kebede. Verbessert sich also das Einkommen in einer Region, wirkt sich das positiv auf die Bildung der nächsten Generationen aus.

Förderung armer Familien

„Aber das eigentlich Besondere an unserer Schule ist, dass wir durch unser Konzept Kindern von sehr armen Familien Freiplätze zur Verfügung stellen können“, erklärt Kebede die eigentliche Intention der Privatschule von Kachisi. „Es handelt sich dabei um Waisenkinder oder Töchter und Söhne von alleinerziehenden Müttern oder von Müttern, die mit HIV infiziert sind. Von Müttern eben, die es sich aus dem einen oder anderen Grund nicht leisten könnten, ihren Kindern eine ordentliche Ausbildung zu ermöglichen. Wir bieten ihnen diese Möglichkeit, ohne die sich die Kinder nicht aus der Armutsspirale befreien könnten.“ Diese Förderungen kann die Schule allerdings nicht allein aufgrund des Schulgelds vergeben. Tatsächlich haben sich Kebede und seine KollegInnen etwas ganz Besonderes ausgedacht: Kebede führt uns auf ein kleines Grundstück hinter dem Schulhof zu einer Baumschule. „Hier ziehen wir verschiedene Bäumchen auf, auch viele heimische Baumsorten“, erklärt Kebede. „Wenn die Bäume groß genug sind, können wir sie verkaufen und mit dem Ertrag unsere Projekte fördern und mehr freie Plätze an bedürftige Kinder vergeben.“

Äthiopischer Mann mit Kindergarten Kindern sitzt vor dem Kindergarten
Kebede Yadessa ist Leiter des Pfarrgemeinderates und möchte mithilfe von Bäumen die Ausbildung der Kinder verbessern.

Die innovativen Kindergarten

Auf dem grasbewachsenen Schulhof tummeln sich bei unserem Besuch zahlreiche Kinder. Sie nutzen die Pause, um auf den Spielgeräten herumzutollen. Auch das ist ein Bild, das man im ländlichen Äthiopien selten sieht. Die Kirchengemeinde betreibt hier auch einen Kindergarten, den einzigen in der Stadt mit ihren 16.000 EinwohnerInnen. Eine wichtige Innovation, denn vor allem alleinerziehende Mütter haben oft niemanden, der sich um ihre Kinder kümmert, damit sie einer Arbeit nachkommen können. Deshalb wird auch hier besonders auf bedürftige Familien geschaut: „Im Kindergarten vergeben wir die Hälfte der Plätze an besonders arme Familien“, erläutert Kebede den sozialen Auftrag der Gemeinde. „In der Schule sind es ein Drittel der Plätze, die wir kostenfrei zur Verfügung stellen können. Die Entscheidung, wie viele Plätze frei vergeben werden können, wird jedes Jahr vom Pfarrgemeinderat getroffen und hängt natürlich von unserer finanziellen Situation ab.“ Der Ertrag aus der Baumschule verbessert diese nun nachhaltig.

Äthiopische Schulkinder in der Klasse
Durch die Einnahmen aus der Baumschule kann Kindern bedürftiger Familien und Waisen der Schulbesuch ermöglicht werden.

Eine Baumschule für Bildung

Eben jene Baumschule, die jetzt Kindern Bildung ermöglicht, wurde ursprünglich von Menschen für Menschen eingerichtet. „Wir haben die Baumschule an die Kirchengemeinschaft übergeben“, erklärt Berhanu Bedassa, Projektleiter in den Regionen Ginde Beret und Abune Ginde Beret. „Die Kirche spielt in Äthiopien eine wichtige Rolle beim Thema Aufforstung und hat eine Vorbildfunktion für die Bevölkerung. In den letzten Jahren haben wir gemeinsam mit der Kirchengemeinde bereits 6 Hektar Wald rund um die Kirche in Kachisi aufgeforstet. Menschen für Menschen hat die Setzlinge zur Verfügung gestellt und die Kirchengemeinde hat die Bäumchen gepflanzt. Daraus ist mittlerweile ein kleiner Wald entstanden und die Bevölkerung sieht die positiven Effekte, die er mit sich bringt. Zum Beispiel haben auch zahlreiche Vögel, Säugetiere und Insekten wieder eine Heimat gefunden.“

100.000 Bäume jährlich

Rund 100.000 Setzlinge werden mittlerweile in der Baumschule jährlich produziert. Eine Errungenschaft für die ganze Region, die auch nach Ende der Projektarbeit von Menschen für Menschen in Ginde Beret bestehen bleiben soll. „Das ist unser erklärtes Ziel: Dass die Maßnahmen von der Bevölkerung und den Gemeinden weitergetragen werden und sich so die Regionen auch nach Abschluss unserer Arbeit selbstständig weiterentwickeln“, so Berhanu Bedassa, der diese Entwicklung bereits in der abgeschlossenen Projektregion Derra mitverfolgen konnte. Fünf Jahre nach Abschluss untersuchte dort die Wirtschaftsuniversität Wien die langfristige Wirkung der Maßnahmen. Das Ergebnis ist eindeutig: „Die Maßnahmen von Menschen für Menschen tragen dazu bei, positive und anhaltende Entwicklungen anzustoßen, die auch fünf Jahre nach Abschluss fortbestehen und sich weiterentwickeln. Vor allem die Ernährungssituation, die Wasser- und Gesundheitsversorgung sowie die Schulbildung konnten nachhaltig verbessert werden.“

Aufforstung für die Zukunft

Auch in der Projektregion Ginde Beret hat sich schon viel getan, auf dem die Bevölkerung weiter aufbaut, wie das Beispiel der Baumschule in Kachisi zeigt. Die Kirchengemeinde beschäftigt auch Frauen und Männer aus der Gemeinde, die sich um die Aufzucht der Pflanzen kümmern. „Rund um die Kirche möchten wir gerne noch weitere 5 Hektar Land mit Bäumen bepflanzen“, erzählt Kebede von den Zukunftsplänen, „denn damit können wir langfristig unsere Grundschule und den Kindergarten nicht nur finanzieren, sondern sogar noch erweitern und damit mehr Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen. Die Baumschule bringt uns aber nicht nur ein Einkommen, wir zeigen den Kindern auch, wie wichtig es ist, Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen. Jeder kann etwas dazu beitragen, die Natur zu bewahren.“ Es ist eine wichtige Investition in die Zukunft der nächsten Generation.

Mehr zum Thema Aufforstung lesen Sie unter: www.mfm.at/aufforstung

MfM Entwicklungshilfe Äthiopien Mädchen pflanzt Baumsetzlinge

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