Die Familie von Neguss Besunehm, 40, und seiner Frau Emimi Gore, 30, ist durchschnittlich, wenn es um die Anzahl ihrer Kinder geht. Im statistischen Mittel bringt jede Frau in Äthiopien fünf Kinder zur Welt. Die 15jährige Aiahalusch fehlt auf dem Foto. "Sie ist in die Stadt gegangen, um sich ein neues Kleid schneidern zu lassen", sagt Emimi. "Ja, sie soll in der Schule gut gekleidet sein", ergänzt Vater Neguss. Das neue Kleid kostet 100 Birr, etwa fünf Euro. Viele andere Familien im Dorf könnten sich das nicht leisten. Ein Tagelöhner muss für diese Summe eine ganze Woche arbeiten. "Es geht uns recht gut“, sagt Neguss, „und das liegt an Menschen für Menschen".

Leben am Abgrund
Die Familie von Neguss Besunehm lebt in Worke im Projektgebiet Midda im Bundesstaat Amhara. Das Dorf liegt an einem steilen Abhang eines Canyons, dessen Fluss in den Blauen Nil mündet. Fruchtbare und ebene Ackerfächen sind rar. Aufgrund der Überbevölkerung nahmen die Bauern auch Hänge unter den Pflug, mit schlimmen Folgen für die Ökologie. Der Boden wurde erodiert, Quellen versiegten, und die Menschen versanken tiefer in der Armut. Deshalb entschloss sich die Äthiopienhilfe im Jahr 2000, den Menschen von Midda zu helfen.

Modellbauer Neguss
Eine wesentliche Methode von Menschen für Menschen ist es, verbesserte Anbaumethoden zu verbreiten. Dazu fördert die Äthiopienhilfe zunächst sogenannte Modellbauern, deren Erfolge die anderen Bauern nachahmen sollen. Nur wer bereit ist, neue Wege zu gehen und besonders fleißig ist, kann Modellbauer werden. So wie Neguss Besunehm. Früh am Morgen reinigt er die Ställe der Hühner, die er von der Äthiopienhilfe gestellt bekommen hat. Dann steigt er hinab ins Tal, um dort seine Felder zu bearbeiten. Erst am Abend kommt er wieder zurück. Zwei Stunden dauert der Aufstieg.

Kräftezehrender Alltag
Emimi Goros Tagwerk spielt sich dagegen nahe des Gehöfts ab. Nachdem die Kinder und der Mann aus dem Haus sind, bringt sie das Vieh zur Weide, holt Wasser am Brunnen, den Menschen für Menschen erbaut hat, backt Fladenbrot, kocht, wäscht, natürlich von Hand, und wenn etwas Zeit ist, spinnt sie Baumwolle oder flicht Körbe. Nie ruhen ihre Hände, die sich anfühlen wie raues, trockenes Leder. Emimi Goros sieht älter aus als sie ist. Wie viele ihrer Generation hat sie sehr früh geheiratet. Getatscho, ihr Erstgeborener, sei 18 Jahre alt, sagt sie. Sie selbst gibt ihr Alter mit 32 Jahren an.

Die Kinder müssen helfen
Wenn die Kinder aus der Schule zurück sind, müssen sie auf dem Hof mit anpacken. Nesthäkchen Emebit hilft ihrer Mutter Kaffeekirschen zu sortieren. Dass Emimi seit neun Jahren nicht mehr schwanger wurde, ist kein Zufall. Menschen für Menschen hat verschiedene Angebote zur Familienplanung geschaffen. "Ich bekomme Injektionen, die drei Monate lang vor Schwangerschaft schützen", erzählt Emimi: "Nur deshalb geht es uns so gut." Häufige Schwangerschaften schwächen die Frauen in ihrem harten Alltag. "Aber ich kann mit ganzer Kraft für eine bessere Zukunft arbeiten."

Eigener Herd ist Goldes wert
Traditionell brennen in äthiopischen Heimen offene Feuer – mit schlimmen Folgen. Aus Mangel an Brennholz verbrennen die Hausfrauen auch Blätter und Maisstroh. Der beißende Rauch nimmt ihnen den Atem, er brennt in den Augen, macht sie und die Kinder krank. Menschen für Menschen führte Holz sparende Herde aus Zement ein, die mit Lehm verkleidet werden. "Seit ich diesen Herd habe, brauchen ich und meine Töchter viel weniger Zeit mit dem Sammeln von Brennmaterial", freut sich Emimi. "Ich habe mehr Zeit für andere Arbeiten und die Mädchen für die Schule."

Recht auf Kindheit
Früher hatten Mädchen auf dem Land nichts zu lachen. Ihre kurze Kindheit verbrachten sie mit Wasserschleppen und anderen Arbeiten, mit 14 wurden sie verheiratet, mit 15 hatten sie häufig ihr erstes Kind. Nesthäkchen Emebit (ganz links) und ihren Freundinnen bleibt dieses Schicksal erspart. Seit einigen Jahren ist die schädliche Tradition der Frühverheiratung von der Regierung verboten. Menschen für Menschen sorgt mit Aufklärungs-Maßnahmen erfolgreich für ein neues Bewusstsein, dass auch die Mädchen ein Recht auf eine Kindheit und auf Schulausbildung haben.

Aufbruch zum Markt
Früher lebte die Familie von der Hand in den Mund. Aber seit einigen Jahren sind die Erträge besser. Menschen für Menschen brachte verbessertes Saatgut und lehrt Techniken, wie man mehr Ernte aus dem Boden herausholt. Regelmäßig bepacken die Söhne den Esel mit Korn, um es auf dem Markt der nahen Distrikt-Hauptstadt Meragna zu verkaufen. Mit dem erworbenen Bargeld kauft die Familie, was sie nicht selbst produzieren kann: Seife, Speiseöl, Schulhefte. Und inzwischen leistet sich die Familie auch einen regelmäßigen "Luxus": Batterien für ein kleines Transistorradio.

Abendliche Heimkehr
Wenn Neguss, der Vater, vor Einbruch der Dunkelheit von den Feldern im Tal zurückkehrt, treibt er sein Vieh zurück zu seinem Grundstück. Alle Höfe sind mit Dornengesträuch und Kakteen umzäunt, zum Schutz vor Hyänen und anderen wilden Tieren. Neguss macht ein paar Scherze mit Bekannten, die ihm auf dem holprigen Weg entgegenkommen. Er freut sich auf seine Familie und das gemeinsame, einfache Abendessen: Injera, säuerliche Brotfladen, serviert mit einer scharfen Soße.

Lernen bis in die Nacht
Den Eltern ist es sehr wichtig, dass die Kinder zur Schule gehen, die von Menschen für Menschen gebaut wurde. "Wir haben viel zu wenig Land, damit alle Kinder Bauern werden könnten", hat Neguss erkannt. "Ein guter Beruf ist ihre einzige Chance." Wenn die Arbeit im Haus und auf dem Hof erledigt ist, machen die Geschwister beim Schein einer Öllampe ihre Schularbeiten. Sie Kinder sitzen auf dem Boden und legen ihre Hefte auf die Bank aus gestampftem Lehm, die sich an der Wand entlang zieht. Manchmal schlafen Mutter und Vater im kleinen Raum nebenan schon, bis die Kinder fertig sind und sich auf Plastikplanen und Ziegenhäuten am Boden ebenfalls zur Ruhe legen.