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Immer noch zählt Äthiopien zu einem der Länder mit den höchsten HIV/AIDS-Raten. Laut Weltgesundheitsorganisation sind knapp eine Million Menschen der insgesamt 80 Millionen mit dem Virus infiziert. Die Dunkelziffer ist bedeutend höher. Erfreulich stimmt jedoch, dass nach aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen eine Trendwende bei der AIDS-Epidemie eingesetzt hat: Danach ist die Zahl der Neuinfizierten in den vergangenen zehn Jahren um fast 20 Prozent auf weltweit 2,6 Millionen Menschen jährlich gesunken. Selbst in Afrika südlich der Sahara stecken sich immer weniger Menschen mit dem tödlichen Virus an. Menschen für Menschen setzt sich seit vielen Jahren mit Aufklärungsarbeit sowie mit medizinischer Hilfe für die Bekämpfung von AIDS ein.

Zurückzuführen sei der Erfolg vor allem auf Präventionsmaßnahmen wie den Gebrauch von Kondomen, so der UNAIDS-Bericht. In 22 Ländern Afrikas südlich der Sahara, der Region mit den weltweit höchsten AIDS-Raten, sei die Zahl der Ansteckungen seit 2001 um mehr als 25 Prozent gesunken, darunter auch Äthiopien. 33,3 Millionen Menschen sind weltweit mit der Krankheit infiziert.

Aufklärung gegen Tabus

Immer noch finden jedoch sieben von zehn Neuinfektionen in Afrika südlich der Sahara statt. Mehr als 4.800 Menschen infizieren sich hier täglich neu mit dem Virus, so der UN-Bericht. Besonders betroffen sind Frauen. Hauptgrund für die Verbreitung der Immunschwächekrankheit in Äthiopien ist immer noch die Unwissenheit der Menschen über die Infektion und die Möglichkeiten, sich zu schützen. Stigmatisierung und Ausgrenzung waren und sind in den ländlichen Gebieten so groß, dass viele eine mögliche Ansteckung verdrängen und andere infizieren. Als Menschen für Menschen seine Aufklärungsarbeit in den Projektgebieten startete, sahen sich die Mitarbeiter großen Hürden ausgesetzt, die Bevölkerung über Ursachen von AIDS zu informieren. Sex war in der äthiopischen Gesellschaft ein Tabu. Aus Tradition schwiegen die Menschen zu diesem Thema. Auch Menschen für Menschen hat zur Enttabuisierung beigetragen.

AIDS ist auch ein Rollenproblem

Die Übertragung des Virus geschieht häufig von der infizierten Mutter auf ihr Kind – während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder beim Stillen. Die bei Weitem höchsten Infektionszahlen gehen jedoch auf ungeschützte sexuelle Kontakte im Erwachsenenalter zurück. Schädliche Traditionen wie Beschneidung leisten zudem einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Ausbreitung der Krankheit. Aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung, können viele Frauen die Verwendung von Kondomen nicht durchsetzen. Nötig sind Methoden, die sie ohne Zustimmung des Mannes anwenden können – etwa Mikrobizide. Diese Gels können Frauen vaginal vor oder nach dem Geschlechtsverkehr anwenden. Sie befinden sich aktuell noch in der Entwicklung. In einer südafrikanischen Studie reduzierte ein Mikrobizid das HIV-Ansteckungsrisiko um rund 40 Prozent. Zum anderen kann die Stärkung der gesellschaftlichen Position von Frauen deren Verhandlungsmacht auch im Einsatz von Verhütungsmitteln deutlich verbessern.

Vertrauen schafft Zugang

Menschen für Menschen widmet sich seit Jahren in seinen Projektgebieten der Aidsvorsorge.
„Zuallererst betreiben wir Aufklärung“ sagt Almaz Böhm. „Wir versuchen die Menschen zu informieren, wie sie sich schützen und wie sie leben können, wenn sie infiziert sind. Die neuen Studien zeigen, dass die Rate der Neuinfektionen rückläufig ist. Die Menschen sind bewusster und haben verstanden, wie die Verbreitung funktioniert.“

Die langjährige Arbeit in integrierten Entwicklungsprojekten zahlt sich für Menschen für Menschen aus, wenn es darum geht, einen Zugang zur ländlichen Bevölkerung herzustellen. Der integrierte Ansatz verzahnt Maßnahmen aus den Bereichen Gesundheit, Wasser, Bildung, Soziales, Frauenförderung, Infrastruktur und Landwirtschaft miteinander. Somit ist gewährleistet, dass Aktivitäten nachhaltigen Erfolg bringen – Verbesserungen in einem Bereich auch in anderen Gebieten Fortschritte nach sich ziehen. Auf diese Weise hat sich Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe Vertrauen bei der Bevölkerung erworben, das gerade bei der Bekämpfung schädlicher Traditionen oder den Anti-HIV-Aufklärungskampagnen zum Tragen kommt.

Eines der Hauptanliegen von Menschen für Menschen ist es, die Lebensbedingungen der Frauen zu verbessern und ihre soziale Stellung zu stärken – durch Aufklärungskampagnen, Weiterbildungsmaßnahmen, Trainingskurse oder Kleinkreditprogramme. Arme Bäuerinnen und allein erziehende Mütter sollen die Chance auf einen eigenen Verdienst erhalten und sich somit selbst aus der Benachteiligung, die aus althergebrachten Denkweisen resultiert, befreien. Das dadurch gesteigerte Selbstbewusstsein der Frauen wirkt schließlich auch ihrer sexuellen Abhängigkeit entgegen.

Spielerische Bewusstseinsbildung

In groß angelegten Aufklärungskampagnen informiert Menschen für Menschen über die Verbreitung von AIDS, bildet Lehrer zum Thema „Gesundheit und Sex“ aus, unterstützt Schüler in sogenannten Anti-AIDS-Clubs, die aufklärende Theaterstücke aufführen. Mittlerweile zählen diese Clubs in Schulen 2.300 Mitglieder. Gerade die Theaterstücke zeigen in den ländlichen Regionen Wirkung: Viele Jugendliche und Erwachsene, die nie eine Schule besucht haben, bekommen bei den Aufklärungsveranstaltungen die erste Biologiestunde ihres Lebens. Bis zu 3.000 Teilnehmer besuchen solche lokalen Massenveranstaltungen. Mit Musik, Theater und öffentlichen Reden wird über das tödliche Virus aufgeklärt. Mit Erfolg: Viele lernen hier, dass die Krankheit kein unabwendbares Schicksal ist und wie man sich davor schützen kann.

AIDS kann man nicht sehen, es trägt so viele Masken“, lautet der Refrain eines Liedes, das die Mädchen und Jungen des Anti-AIDS-Clubs aus dem Abdii Borii-Kinderheim selbst geschrieben und für eine Aufklärungsveranstaltung eingeübt haben. Menschen für Menschen arbeitet daran, die Jugendlichen vor der Geschlechtsreife zu einem bewussten und vorsichtigen Umgang mit der eigenen Sexualität zu ermuntern. Denn nur dann besteht die Hoffnung, dass sich die Zahl der AIDS-Erkrankungen von Generation zu Generation verringert. „Schon Kinder müssen mehr über die Möglichkeiten erfahren, wie man sich schützt. Denn es darf nicht sein, dass sich junge Menschen infizieren, nur weil sie nichts über AIDS wissen“, so Almaz Böhm.

Unterstützung auf allen Wegen

Ein weiteres Beispiel für die Vielseitigkeit der Aufklärungsarbeit, zeigen die vielerorts aufgestellten Tafeln mit aufklärenden Botschaften. Einheimische Maler haben sie hergestellt: „Meine Bilder sollen die Betrachter dazu bringen, ihr Verhalten zu ändern. Je emotionaler meine Darstellungen, desto besser: Es reicht nicht, Ratschläge nur in Worte zu kleiden. Botschaften brauchen starke Bilder!“ sagt einer der Künstler. So weist etwa ein Schild auf die grausamen Traditionen hin: „Mädchenbeschneidung verursacht verschiedene Arten von Gesundheitsproblemen. Durch sie wird HIV/AIDS leicht übertragen. Deshalb hört damit auf!“, lautet die Botschaft. Ein anderes proklamiert: „Über AIDS zu schweigen ist gefährlich.“

Aufklärung über HIV/AIDS

Zusätzlich zu den Informationskampagnen leistet Menschen für Menschen medizinische Unterstützung – bietet etwa Kurse für Krankenpfleger und Laboranten an. Über 20.000 Gesundheitsberater haben bis heute an Schulungen teilgenommen. Kondome werden kostenlos verteilt, HIV-Tests angeboten. Infizierte Mütter und ihre Babys erhalten ein spezielles Medikament, um die Ansteckung der Kinder zu vermeiden. In den vergangenen Jahren konnten so Tausende Neuansteckungen verhindert und die Mutter-Kind-Übertragungsrate in den Projektgebieten um mehr als die Hälfte auf etwa 15 Prozent verringert werden. Bis Ende 2010 zählte Menschen für Menschen  knapp 400.000 Teilnehmer an Beratungen und HIV-Tests.

Auch die Zahlen der in den von Menschen für Menschen gebauten und eingerichteten Beratungs- und HIV-Testcentern, in denen sich die Bevölkerung freiwillig testen lassen kann,  sind ein deutlicher Indikator für den Rückgang der Neuinfektionen:

Jahr   

durchgeführte Tests   

% positiv getestet   

Verteilung von Kondomen   

2006

14.418 

7,4

515.229

2007 

41.137 

3,4

645.353

2008 

93.272 

1,2

923.219

2009 

118.416 

1,0

893,425

 
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